Stand: 09.07.2019 16:49 Uhr

Von Panflöten, Putzteufeln und "Messermännern"

In den Fußgängerzonen und Ladenstraßen der Innenstädte wird es immer leerer. Wo sind die "Messermänner" und Putzmittel-Verkäufer geblieben?

Eine Glosse von Detlev Gröning

Kann es sein, dass zahlreiche Gattungen und Spezies unseres Geschäftslebens sang- und klanglos ausgestorben sind? Oder gilt das womöglich nur für die verödenden Ladenstraßen der Dreißigtausender-Städtchen, zu deren Bewohnern ich gehöre? Keine Ahnung, und darum: Sollten Sie einen der im Folgenden aufgeführten Vermissten gesehen haben, dann wäre ich für einen sachdienlichen Hinweis dankbar.

Wohlgemerkt, es geht hier nicht um die Bürstendealer und Scherenschleifer, die sich mit dem Bauchladen durch die Treppenhäuser schellten, oder den wohlbeleibten Patriarchen südosteuropäischer Herkunft, der aus dem Kofferraum seines vergoldeten Mercedes 500 feinziselierte Orient-Brücken feilbot. Nein, hier geht es um die verschwundenen Entertainer der Fußgängerzone, die den leerstehenden Einkaufspassagen und Ladenlokalen offensichtlich in die Götterdämmerung vorausgezogen sind.

Konkret gefragt: Wo sind die beliebten "Messermänner", die ja nur Alice Weidel noch überall gesehen haben will, wenn ich nicht alles falsch verstanden haben, also jene, die eine Kiste Tomaten wortreich und unfallfrei mit Handakrobatik und dem Edelstahltraum jeder Hausfrau zerlegt und bei Interesse auch noch einen Gurkenhobel draufgelegt haben. Wo ist der Putzmittel-Conferencier, der mit umgehängtem Mikrofon vor seinem Tapeziertisch im Hertie-Eingang eine fein abgestimmte Mischung aus Kettenfett, Rotwein und Kaminruß auf ein Sommerkleid spachtelte, kurz mit Dr. Wellenkötters Fleckenteufel besprühte, und was soll ich Ihnen sagen? Na ja, Sie haben es ja selber gesehen: Wieder wie frisch vom Verkaufsständer.

Passanten gehen durch die Fußgängerzone in Oldenburg. © NDR Foto: Julius Matuschik

Die verschwundenen Inkas

NDR Info - Auf ein Wort -

Früher bespielten peruanische Panflötenkolonnen und andere Kleinkünstler unsere Fußgängerzonen. Heute sind sie weitgehend verschwunden. Detlev Gröning bedauert das sehr.

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Und schließlich: Wohin hat es eigentlich unsere Anden-Peruaner verschlagen, Sie wissen schon, die sieben Indios auf ihren grellbunten Wolldecken mit dem folkloristischen Geflöte, Getrommel und Geschrammel? War da irgendwo auch noch ein Lama angebunden? Ich weiß es schon nicht mehr.

Zu Spitzenzeiten waren die in bis zu 17 Innenstädten gleichzeitig anzutreffen, und dann von heute auf morgen spurlos verschwunden; also nicht wie damals die Kelly-Familie, die es aus der S-Bahn-Unterführung auf die großen Bühnen geschafft hat. Womöglich liegt es am Klimawandel. Vielleicht ist ihnen unsere Ladenstraße zu heiß geworden, und die spielen jetzt in Tromsö oder Reykjavik. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass sie von den Paketdiensten des Online-Shoppings überrollt worden sind.

In unserer Geschäftsmeile ist inzwischen mehr als genug freier Raum für eine Stätte der Erinnerung an lebendige Zeiten. Mein Vorschlag: Die Gedenk-Installation "Ladenstraße 1982". Ein ausgekippter Aschenbecher mit Senf auf Veloursteppich - obendrauf zwei Steakmesser und eine Panflöte.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Auf ein Wort | 09.07.2019 | 18:25 Uhr

03:00

Die verschwundenen Inkas

Früher bespielten peruanische Panflötenkolonnen und andere Kleinkünstler unsere Fußgängerzonen. Heute sind sie weitgehend verschwunden. Detlev Gröning bedauert das sehr. Audio (03:00 min)