Stand: 20.03.2019 13:47 Uhr

Upload-Filter sind auf dem rechten Auge blind

In den sozialen Medien sollen Upload-Filter helfen, Terror und Gewalt fernzuhalten. Über diese Filter wird derzeit heftig gestritten. Dass es mit der Terrorabwehr etwa bei Facebook nicht so weit her sein kann, zeigt der furchtbare Anschlag in Neuseeland am vergangenen Wochenende. Der nämlich war auf Facebook zu sehen.

Eine Glosse von Florian Schroeder

Seit Jahren kündigen Internet-Giganten wie Facebook und Twitter an, sie wollen gegen Fake News, Hass und Terror kämpfen. Aber wenn ein Rechtsextremist in Christchurch in eine Moschee fährt, um möglichst viele Menschen zu töten, dann kann er das in aller Ruhe live streamen, 17 Minuten lang. So ist das mit den Algorithmen. Wäre er eine Frau gewesen und hätte seine Nippel gezeigt, dann wäre sein Livestream sofort gelöscht worden.

Demo-Plakat gegen Uploadfilter © dpa Bildfunk Foto: Christoph Soeder, dpa

Facebook und die apokalyptische Paranoia

NDR Info - Auf ein Wort -

In den sozialen Medien sollen Upload-Filter dabei helfen, Terror und Gewalt fernzuhalten. Kann das gelingen? Florian Schroeder bittet in seiner Glosse auf ein Wort.

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Algorithmen versagen bei rechtsradikalen Tätern

Die Algorithmen erkennen zwar islamistische Propaganda und Terrorvideos, aber keine rechtsradikalen Anschläge. Sie arbeiten wie der Verfassungsschutz - im Zweifel auf dem rechten Auge blind. In dem Fall von Neuseeland sagen die Algorithmen: Der hat doch gar keinen Bart oder Turban und bei der Beschriftung seiner Gewehre sind auch nur die Zahlen arabisch. Und dass einer mit der Helmkamera sich selbst verewigt, das haben wir jeden Tag tausendfach, wenn junge Leute sich selbst verewigen wollen - mit einer gekonnten Snowboard-Abfahrt.

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In Deutschland ist eine heiße Debatte um die Upload-Filter entfacht.

Während wir uns im heimeligen Deutschland die Köpfe heiß reden über Upload-Filter, sehen wir in Neuseeland live, dass Algorithmen in ihrer Urteilskraft in etwa so zuverlässig sind wie ein betrunkener 19-Jähriger nachts um halb 4 in einer Dorf-Disco.

In seinem Manifest schrieb der Terrorist von einem Motiv: Er hatte Angst vor dem Großen Austausch. Das ist eine Verschwörungstheorie, die besagt, dass europäische Völker von Eliten durch geflüchtete Muslime ausgetauscht würden, um Europa zu schwächen. Wie das gehen soll? Da wedelt der muslimische Harry Potter mit dem Zauberstab und zack - und schon sind die Europäer weggezaubert und Millionen von Moslems übernehmen die Macht.

Die apokalyptische Paranoia gehört zur Pop-Kultur

Wer jetzt sagt, das ist das Hirngespinst von ein paar Durchgeknallten am anderen Ende der Welt, den muss ich enttäuschen: Beatrix von Storch und Alexander Gauland glauben auch genau daran. Die apokalyptische Paranoia gehört leider heute zur Pop-Kultur. Man sieht es am Erfolg von "Walking Dead" und jeder zweiten Netflix-Serie.

Der bevorstehende Große Austausch gibt Rassisten die Fiktion, um sich zu Selbstverteidigungskämpfern der letzten Tage zu stilisieren, rechtfertigt damit den "Endkampf" und heiligt das Töten. Man kann einwenden: Den Zweiten Weltkrieg haben die Deutschen mit diesem Ansatz verloren.

Neuseeländischer Attentäter eiferte IS-Terroristen nach

Eine böse Ironie dabei ist: Der neuseeländische Attentäter war im Grunde ein eifriger Schüler - ausgerechnet von den IS-Terroristen, die er als seine größten Feinde gesehen hat. Er ist einer, der sich selbst aktiviert hat. Das klingt wie ein autonomes Auto, das einfach selber entscheidet, wo es hinfahren will. Tatsächlich sind es aber Typen wie Anis Amri am Berliner Breitscheidplatz und der Täter von Nizza, die sich ganz allein radikalisiert haben.

Islamisten und Rechtsradikale flirten mit dem Krieg

Rechtsradikale und Islamisten sind Brüder im Geiste: Beide glauben an ein unmittelbar bevorstehendes apokalyptisches Ereignis, wünschen es sich herbei, um endlich in den "Endkampf" ziehen zu können. Allen Beteuerungen zum Trotz gilt: Islamisten und Rechtsradikale flirten mit dem Krieg wie sonst nur Singles mit einem Tinder-Match.

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EU-Ausschuss stimmt für Upload-Filter

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Mit Upload-Filtern und einem neuen Urheberrecht will die EU geistiges Eigentum im Netz besser schützen - doch diese Maßnahmen sind hoch umstritten. (21.06.18) mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Auf ein Wort | 20.03.2019 | 18:25 Uhr