Stand: 11.12.2017 17:10 Uhr

Tut Zappelkindern eine Sandweste gut?

Zappelkinder sind für Lehrer in der Schule eine echte Prüfung. Wie sollen die anderen in der Klasse sich auf Mengenlehre konzentrieren oder auf ein Gedicht, wenn neben ihnen einer wippt, kippelt oder sogar über Tische und Bänke klettert? An einer Hamburger Grundschule werden den unruhigen Kindern nun - in Absprache mit den Eltern - kiloschwere Sandwesten angezogen. Eine erfolgversprechende Maßnahme, die den Kindern wirklich hilft?

Eine Glosse von Korinna Hennig, NDR Info

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Alle Kinder brauchen viel Zuwendung. Das steht fest!

Als Pädagoge hat man ja nun wahrlich kein leichtes Leben. Deshalb ist es nur zu begrüßen, dass eine Grundschullehrerin aus dem Hamburger Süden die progressive Schulpädagogik mit einem US-Import bereichert hat: Zwei bis fünf Kilo wiegt die Sandweste, die angelegt werden kann, wenn ein Kind nicht still genug sitzt.

Warum immer so kompliziert, warum erst Ursachen suchen und auf das einzelne Kind eingehen, wenn man so einfach Abhilfe schaffen kann? Die Sandweste ist eigentlich nur eine Fortsetzung des Schnullerprinzips auf die gute alte irische Art. Kind schreit zu viel rum? Schnuller rein. Kind schläft nicht? Mit Whisky getränkten Korken in den Mund. Kind kleckert zu viel rum? Einfach Matschhose anziehen, ganztags. Da läuft dann auch nichts auf den Teppich, wenn der Dreijährige die Windel los ist und zu spät gemerkt hat, dass er eigentlich dringend zu Toilette musste.

Problem erkannt, Problem gebannt, ohne langes Rumdoktern am Gesamtzusammenhang. Es gibt auch Lätzchen mit Kleckerschale unten dran, das ist superpraktisch, da kann man die Kinder zum Mittagessen allein an den Tisch setzen, vielleicht auch gleich mit Sandweste, damit sie nicht unkontrolliert aufspringen, und die Eltern können in der Zeit in Ruhe ihre Instagram-Posts bearbeiten.

"Das tut mir mehr weh als Dir!"

Logo von NDR Info und das Gesicht einer Frau © Benicce / Fotolia

Sandwesten statt Handauflegen?

NDR Info - Auf ein Wort -

Zappelkinder können nur schwer stillhalten. In einer Schule in Hamburg werden nun seltsame "Gegengewichte" verwendet. Korinna Hennig bittet in ihrer Glosse auf ein Wort.

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Kinder sind ja durchaus süß, aber leider haben sie so viele lästige Seiten. Die Zappelei. Der Lärm. Der Schmutz. Die Zeit, die sie beanspruchen. Man könnte da so einiges optimieren. Sind die Kinder zu laut, kommt einfach ein Volume-Maulkorb zum Einsatz, mit dreifach gestaffeltem schalldämpfendem Material.

Smart-Home-Systeme könnten einen Geruchssensor haben. Haben die Kinder nicht ausreichend oft geduscht, kommt einfach ein Eimer Wasser von der Decke, sobald sie das Badezimmer betreten. Ein Schleudersitz mit Zeitschaltuhr am Frühstückstisch sorgt für rechtzeitigen Aufbruch in die Schule. Und für die Hausaufgabenzeit kommt einfach die gute alte Fußfessel zum Einsatz, da muss gar nicht lang rumdiskutiert werden.

So haben Eltern wieder Herz und Hände frei, um sich auf Wichtigeres zu konzentrieren als die lästige Sache mit der Empathie und der Erziehung. Gut, der Sandwesteneinsatz beruht angeblich bisher auf Freiwilligkeit, also nicht nur bei den Lehrern, sondern auch bei den Kindern. Aber das kriegt man schon hin zu Hause, nach altbewährter Schwarzpädagogik: "Das tut mir mehr weh als Dir!"

Ein esoterisch anmutender Zugang

Ach ja, die erwähnte Grundschullehrerin aus Harburg, die die Weste eingeführt hat, ist nicht die einzige Anhängerin des Prinzips, auch eine Kollegin hat sich öffentlich geäußert, die einen geradezu esoterisch anmutenden Zugang zum Thema gefunden hat. Unruhige Kinder per Gewicht einfach runterzudrücken tue ihnen gut, "wie Handauflegen" wirke das, sagt sie.

Ob man sich von dieser Fachkraft allerdings die Hand auflegen lassen möchte, ist eine ganz andere Frage; das gibt sicher blaue Flecken. Schwimmunterricht? Einfach unterduckern, wie es im Kindervokabular heißt. Die strengen sich dann schon an! Wobei, wäre da nicht auch die Sandweste eine Option? Okay, das ist vielleicht ein anderes Thema.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Auf ein Wort | 11.12.2017 | 18:25 Uhr