Stand: 11.06.2019 13:21 Uhr

Shuffleboard braucht die Welt nicht

Kreuzfahrten boomen. Immer mehr Kreuzfahrtschiffe laufen die Häfen dieser Welt an. In Venedig und Barcelona nimmt inzwischen der Protest gegen die Menschenmassen zu, die sich beim Landgang von Bord ergießen. Und in Kiel blockierten Umweltschützer am Wochenende ein Kreuzfahrtschiff wegen der Schadstoffe, die so ein Dampfer ausstößt. Wer Kreuzfahrten abschaffen will, sollte allerdings wissen, was er verliert.

Eine Glosse von Udo Schmidt, NDR Info

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Die Zeit auf Kreuzfahrtschiffen kann lang werden.

Shuffleboard braucht die Welt nicht - aber sie hat es. Auf Kreuzfahrtschiffen nämlich, auf denen dieses eigentlich ganz simple Spiel, an dem sich auch Menschen ohne jegliche sportliche Ambition beteiligen können, auf denen dieses Spiel perfektioniert oder zumindest unendlich oft wiederholt wird.

Eine kleine Scheibe wird mit einem Schieber über ein Zahlenfeld bewegt, mit dem Ziel, dass diese Scheibe auf einer möglichst hohen Zahl liegenbleibt und den Punktestand der Gruppe Blau, wahlweise auch Rot oder Grün, erhöhen hilft. So weit, so einfach.

So ein Tag auf See kann lang sein

Begeistert rufend und jauchzend stehen die Shuffleboarder am Rand des Spielfelds auf den Decksplanken, in der Regel Kreuzfahrt-Passagiere im späten Lebensdrittel. Ihnen geht es in diesem Moment buchstäblich um alles, nämlich um ein angemessenes Gesprächsthema für den folgenden Essensgang. Und der folgt auf Kreuzfahrtschiffen garantiert und schnell und hilft, neben dem Shuffleboard, den elend langen See-Tag zu strukturieren.

Shuffleboard auf dem Teakholz-Deck, sofern das Kreuzfahrtschiff der Wahl noch über ein solches verfügt, diese Szene hätte auch im April 1912 auf der Titanic beheimatet sein können. Mit dem Unterschied allerdings, dass die Titanic-Passagiere ein konkretes Reiseziel hatten, den Dampfer also als Transportmittel nutzten, und dass sie, sollten sie beim Shuffleboard verloren haben, nur noch über ein äußerst knappes Zeitkonto verfügten, um diese Niederlage wettzumachen.

Ansonsten aber: Shuffleboard as usual. Kein ganz junges Hobby, und da vielleicht mit dem Tontaubenschießen verwandt - früher zumindest auf Kreuzfahrtschiffen ebenfalls schwer beliebt.

Das Kreuzfahrtschiff Aidanova bei der Überführung auf der Ems. © Meyer Werft Foto: Hero Lang

Parallelwelt Kreuzfahrt

NDR Info - Auf ein Wort -

Kreuzfahrten boomen, auch wenn der Protest gegen Kreuzfahrtschiffe zunimmt. Udo Schmidt bittet in seiner Glosse auf ein Wort.

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Es ist ja kein Zufall, dass bei Protesten gegen Kreuzfahrtschiffe, wie jetzt am Wochenende in Kiel oder dauernd im italienischen Venedig, meist Jung gegen Alt antritt. Deutlich unter 60 auf Kreuzfahrt - wer macht das schon und warum? Aber den Sechzigsten auf einem dieser Schiffe zu begehen, das ist nicht schlecht und hält buchstäblich jung. Es ist eben alles eine Frage des Maßstabs. Der Sechzigste als Kreuzfahrer mit Shuffleboard, Tontaubenschießen und Äquatortaufe verbracht - und schon ist Jopi Heesters frohsinniges Bekenntnis "Ich werde 100 Jahre alt" eine realitätsnahe Weissagung.

Die Reise als Dauerparty

Liebe junge Umweltschützer, erst wenn das letzte Kreuzfahrtschiff gestoppt ist, werdet ihr merken, dass auch ihr älter werdet und den runden Geburtstag feiern wollt. Aber wo? Die ganze Reise eine Dauerparty, ein wenig gesetzter vielleicht als eine Abi-Feier, aber genauso grenzenlos. Und wenn dann die 90-jährige Mitreisende beim Gin Tonic darüber plaudert, dass sie den Dampfer wegen des guten Fitness-Raums ausgewählt habe, dann spätestens schlendern sie an die Reling und schauen verstohlen, ob der Kahn wirklich durch einen Jungbrunnen pflügt.

Nun ja, die Emissionen, die so ein schwimmendes Kreuzfahrt-Hotel ausstößt, über die muss natürlich geredet werden. Die Jungen haben schließlich recht, die sich da den Schiffen vor den Bug werfen. Macht die Kähne elektrisch, holt euch zumindest Landstrom. Aber Finger weg vom Shuffleboard. Irgendwann braucht das nämlich jeder. Spätestens am dritten See-Tag.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Auf ein Wort | 11.06.2019 | 18:25 Uhr