Stand: 03.09.2018 16:50 Uhr

Mutig, mutig - Verkehrspolitik in Kairo

Sich über den Verkehr zu ärgern, über den Dauerstreit zwischen Auto- und Radfahrern, das gehört für uns in Deutschland schon zum Alltag. Da hilft es manchmal, Vergleiche anzustellen. So ist es zum Beispiel in Kairo ein echtes Abenteuer, seinen Arbeitsplatz zu Fuß zu erreichen - quer über eine Straße, die keine Ampel und keinen Zebrastreifen kennt.

Eine Glosse von Udo Schmidt, NDR Info

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Einbahnstraße? Autobahn? Ach, was, in Kairo findet jeder seinen Weg ...

Von links nähern sich zwei Minibusse, rollend, damit Passagiere bei langsamer Fahrt ein- und aussteigen, besser springen können. Zwei Minibusse, bewegliche Sichtbehinderungen, denn hinter den etwas überaltert erscheinenden Fahrzeugen bildet sich eine blickdichte Emissionswand. Der Dieselskandal nimmt in Kairos Innenstadt ganz andere Formen an, als wir es gewohnt sind. Die Minibusse bremsen, stehen aber nicht lange genug, um den Schritt auf die Straße zu wagen.

Verkehrsstau in der ägyptischen Hauptstadt Kairo - ein alltäglliches Phaenomen. © dpa picture alliance Fotograf: Matthias Toedt

Die Stadt, der Verkehr und ich

NDR Info - Auf ein Wort -

Den Ärger über Dauerstaus bei uns kennt jeder. Aber wie sieht es woanders aus? Udo Schmidt hat versucht, in Kairo die Straße zu überqueren. Nun bittet er auf ein Wort.

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Gellendes Gehupe, wie immer eigentlich

Ich bin noch etwas zu ängstlich. Neben mir betritt eine ältere Frau die Straße. Eben habe ich ihr noch zwei Packungen Taschentücher für ein ägyptisches Pfund abgekauft und hielt sie für weitgehend hinfällig, zumindest für sehr alt. Nun betritt diese alte Dame die Straße, als wenn es ihr Vergnügen bereiten würde - und der Tod sie nicht schrecken könne.

Ein, zwei Ausfallschritte, gellendes Gehupe, wie eigentlich immer, und "Spiderwomen" ist zumindest schon einmal auf dem Mittelstreifen. Der Mittelstreifen an Kairos Corniche, der Straße am Nil, ist ein kontemplativer Ort. Wer es bis hierhin geschafft hat, kann nicht mehr zurück, ist aber auch noch lange nicht am Ziel. Zeit zum Nachdenken also. Die Stadt, der Verkehr und ich.

Nahtod-Erfahrung im Sekundentakt

Ich dagegen stehe noch am Rand und zögere - scheue die gleich folgende Nahtod-Erfahrung im Sekundentakt. Ein Lkw rollt heran, grollt heran, der muss noch vorbei. Er ist einfach zu breit, um sich ihm in den Weg zu stellen. Dann los: linke Hand zu einer Stopp-Geste ausgestreckt, den Heranrasenden als Zeichen, das diese zwar verstehen, aber nicht unbedingt beachten. Kühlender Wind umweht mich, von den Fahrzeugen, die mich millimetergenau umkurven.

Und dann der Mittelstreifen

Die Gegenfahrbahn, die noch vor mir liegt, ist leerer, es geht stadtauswärts, mit der Folge, dass etwas, etwas mehr als etwas, schneller gefahren wird. Was die Wahrscheinlichkeit des Scheiterns deutlich erhöht. Während das alte Mütterlein schon lange drüben ist und dort das ein oder andere Taschentuch zu Geld macht, denke ich darüber nach, worüber wir uns zu Hause, in meinem Fall in Hamburg, eigentlich aufregen?

Mit zehn Fahrrädern morgens in Hamburg an der Ampel, der Straßenverkehr rauscht, die Fußgänger- und Radfahrerampel bleibt konsequent rot. Unruhe macht sich breit, zögerliches Vorrollen. Vielleicht doch schnell rüber? Obwohl auch Schulkinder an dieser Ampel warten? Was für eine Verkehrspolitik. Es ist doch nicht zum Aushalten.

Wie gerne wäre ich jetzt in Hamburg ...

Mittelstreifen in Kairo. Auf Hochglanz polierte Luxuskarossen - wie machen die das bloß in all dem Staub? - rasen genauso vorüber wie japanische Vorkriegsmodelle - also vor dem Jom Kippur-Krieg 1973. Autos, die irgendwie fahren und vor allem wohl vom Glauben zusammengehalten werden. Und ich muss hier rüber, dorthin, wo das Mütterlein die Taschentücher verkauft ...

Wie gerne würde ich jetzt an der Ampel in Hamburg stehen und eine äußerst entspannte Minute auf Grün warten. Denn es wäre sicher, dass Grün aufleuchtet - irgendwann, in einem Moment, den der weise Ratschluss der deutschen Verkehrsplaner als den richtigen auserkoren hat. Es gibt zumindest Verkehrsplanung.

Und es gibt Kairo. Wo auf Kilometern entlang des Nils, entlang wichtiger Verkehrsadern, keine, wirklich keine Möglichkeit besteht, als Fußgänger die Straße zu überqueren, ohne ägyptisches Roulette zu spielen.

Kairo, Mutter aller Städte, ich habe zu danken. Rote Ampeln in Hamburg, ich kann es gar nicht abwarten. Rote Ampeln, die irgendwann grün werden.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Auf ein Wort | 03.09.2018 | 18:25 Uhr