Stand: 08.11.2018 15:43 Uhr

Die wahren Preise stehen in den Sternen

Sie kennen das: In der Werbung scheinen Preise immer kleiner als sie eigentlich sind. Denn erst wenn man das Sternchen am Preis bemerkt und dann am unteren Ende der Werbung das Kleinstgedruckte kaum noch lesen kann, dann weiß man, dass diese günstigen Preise nicht normal sind.

Eine Glosse von Detlev Gröning

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Nicht immer zahlt man den Preis, der auf dem Schild steht.

Während eines erfrischenden Kurznickerchens in der Autowaschanlage erschien mir neulich die Vision einer kilometerlangen Warteschlange vor meiner Tankstelle. Und die hatte ihren Grund: "Super 82-9" stand auf der Leuchttafel - den will man sehen, der da nicht in die Eisen geht. In der Begeisterung über diesen Sensationspreis wurde allerdings das kleine Sternchen übersehen, das sich erst vor einem Text auf der Zapfpistole wiederfand: Preis gilt für die ersten zwei Liter, danach 1-82-9, Mindestabnahme 30 Liter. Das ganze wirkte so echt, dass ich diese Szenerie noch Minuten nach dem Erwachen unterm Trocknungsgebläse für die Realität gehalten habe.

Anzeigentafel an einer Tankstelle in Duisburg am 5. März 2011 vor Einführung des neuen Bio-Kraftstoffes "E10" © dpa - Bildfunk Foto: Martin Gerten

Preise, die in den Sternen stehen

NDR Info - Auf ein Wort -

Warum nur scheinen Preise in der Werbung immer kleiner als sie eigentlich sind? Das Geheimnis liegt in den Sternen der Reklameastronomie. Detlev Gröning bittet auf ein Wort.

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Und warum auch nicht? Hängt doch schon 100 Meter weiter das Plakat eines Telefonanbieters für den DSL-Anschluss im Tarif "Usain Bolt": Superschnelles Internet von bis zu einer Zahl mit Sternchen für einen geradezu lächerlichen Preis mit zwei Sternchen. Wahnsinn! 

Nur dem Fußgänger mit Leselupe ist die Sternendeutung vorbehalten: Die Bandbreite reduziert sich, wenn Ihre Nachbarn auch ins Internet wollen, dafür erhöht sich der Preis ab dem vierten von 24 Monaten Abo-Laufzeit um 300 Prozent -  eine Inflationsrate, wie sie zuletzt unser Opa 1923 erleben musste.

Daheim im Briefkasten wartet das nächste Gestirn auf die Freunde der Reklameastronomie. 2,9 Prozent lautet der Zinssatz für einen 5.000-Euro-Ratenkredit, der Lebensträume wahr werden lässt. Darüber ein Stern, der sich leuchtkräftig aufbläht, bevor er in der Fußnote zu einem weißen Zwerg implodiert. Bereits ein handelsübliches Mikroskop enthüllt das Geheimnis der Sternleiche im Kleinstgedruckten: Diesen Zins bekommt ein 28-jähriges verbeamtetes Religionslehrer-Ehepaar, das ein Baugrundstück in der Londoner Innenstadt als Sicherheit hinterlegt. Alle anderen enden bei bis zu 14 Prozent als Kredithai-Futter.

Nach einem tapferen Senseneinsatz im Wildwuchs der Billigfliegerportale hat der Gesetzgeber leider übersehen, auch mal eine Kampfsonde in den Sternchenhimmel der Tarife und Prospekte zu schießen. Dieses Versäumnis sorgt nicht nur dafür, dass viele Preise in den Sternen stehen, sondern auch für Verwunderung, dass die Autoindustrie einen galaktischen Leerraum bei der Angabe von Abgaswerten ungenutzt ließ.

Auf der letzten Prospektseite wäre unten doch noch Platz für eine Textminiatur im Vier-Punkt-Magerdruck gewesen: Schadstoffangabe gilt nach 50 Kilometern während einer Bergab-Fahrt bei 25 Grad Außentemperatur und 6 Bar Reifendruck ohne Rückbank und Beifahrersitz. Und schon wäre der Dieselskandal glatt ausgefallen - es fehlte nur ein einziges Sternchen.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Auf ein Wort | 08.11.2018 | 18:25 Uhr