Stand: 13.05.2019 15:30 Uhr

Der falsche Fuffziger

Ein halbes Jahr, nachdem die neuen Geldscheine in Australien verbreitet wurden, hat jemand einen Druckfehler auf den 50-Dollar-Noten entdeckt. Es ist ein sehr, sehr kleiner Druckfehler, aber einer mit großer Wirkung, findet Lena Bodewein.

Eine Glosse von Lena Bodewein

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Auf den fehlerhaften Geldscheinen ist die erste weibliche Parlamentsabgeordnete Australiens, Edith Cowan, abgebildet.

Der Fehler lauert hinter der Schulter der Dame: "It is a great responsibility to be the only woman here" soll dort stehen. "Es ist eine große Verantwortung, die einzige Frau hier zu sein". Die Worte sind Edith Cowan zugeschrieben, die die erste Frau in einem australischen Parlament war. Nur steht da: responsibilty (ein "i" fehlt). Wer Verantwortung so misshandelt, sollte sie nicht übernehmen, denkt der Betrachter doch sofort. Typisch Frau, so die bösartige Interpretation, vor schierer Aufregung, das einzige weibliche Wesen unter lauter männlichen Parlamentariern zu sein, verhaspelt sie sich sofort. Der so untergeschummelte Fehler in der Rede der Dame könnte als miese Mann-ipulation (Achtung, Wortwitz nicht intendiert) eines frauenfeindlichen Bundesdruckerei-Mitarbeiters gelten.

Ein fliegenbeinfeiner Strich

Oder aber wirklich als Versehen. Diese Schrift ist so klitzeklitzeklein und so ein "i" ist ja hauchhauchdünn, nur ein fliegenbeinfeiner Strich. Ich gratuliere wirklich allen zu ihrer Leistung, die mal "responsibility" geschrieben haben und danach nicht die "i" und "l" nachzählen mussten. Weitsichtige haben dabei von vornherein verloren.

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Der Druckfehler findet sich im Kleingedruckten - im Wort "responsibility".

Ob aber mit Absicht oder Weitsicht - der Fehler ist auf dem Schein und damit 46 Mllionen Mal in der Welt. Die 50-Dollar-Scheine sind die am weitesten verbreiteten in Australien - und damit stellt sich eine Frage tagtäglich sehr, sehr, sehr oft: Ist das, womit man gerade bezahlen will, ein falscher Fuffziger? Wenn das Original einen Fehler hat, ist es dann echt?

Wie Cindy Crawford und der Turm von Pisa

Makel machen Schönheit und Faszination aus - Cindy Crawford ohne Schönheitsfleck über der Lippe, der Turm von Pisa ohne Schiefheit - gähn, langweilig. Makel steigern den Wert: Der Baden-Fehldruck 9 Kreuzer in grün statt in rosa - von dieser Briefmarke gibt es vier, Wert: jeweils eine Million Euro. Na gut, das wird bei dem 50 Dollar Schein in Australien nicht passieren, den gibt es oft genug, viel zu oft jedenfalls für eine Rarität.

Dahinter steckt ein Plan

Hinter diesem Druckfehler steckt ein anderer Plan, ein größerer Plan. Nicht etwa, wie zu Beginn unterstellt, ein frauenfeindlicher. Im Gegenteil: das fehlende "i" soll Neugier hervorrufen. Wo ist denn der Druckfehler? Da ist doch nur die Frau selbst und ein Gebäude und davor ein Rasen. Ha, von wegen, das sind keine Grashalme, da stehen sie, die Buchstaben - beziehungsweise einer steht da nicht, natürlich, das verdammte "i" Es ist eine schöne Rede, die man auf der Suche nach dem fehlenden "i" liest. Es geht um Frauen und Männer, die Seite an Seite viel bessere Arbeit für die Gemeinschaft leisten könnten als allein, und man ist stolz auf diese Frau, eine Sozialreformerin, die die Lage von Frauen und Kindern verbessern wollte, selbst ist sie als Waise groß geworden, hat sich für das Frauenwahlrecht eingesetzt. Wen interessiert denn noch das doofe "i"?

Nein, das einzig interessante ist der Weg dieser Dame und aller Frauen, die ihr folgten, die für ihre Rechte eingetreten sind und gekämpft haben, Verantwortung übernommen, und dann fällt der Blick auf Edith Cowan selbst: Würdig schaut sie, ein wenig müde vielleicht (vom Lesen der klitzekleinen Schrift?), aber insgesamt edel. Und sehr verantwortungsbewusst. Mit allen "i" und allem, was dazu gehört.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Auf ein Wort | 13.05.2019 | 18:25 Uhr