Stand: 22.08.2017 17:51 Uhr

Angie Merkel im Wunderland

Kanzlerin Angela Merkel (CDU) hat die größte Computerspiele-Messe der Welt eröffnet, die Gamescom in Köln. Aber weiß die "Neuland"-Expertin eigentlich, was auf der Messe so alles abgeht? Das vielleicht nicht, aber sie weiß, dass dort auch Wählerstimmen zu gewinnen sind!

Eine Glosse von Detlev Gröning

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Einmal in echt, einmal virtuell: Kanzlerin Angela Merkel in Groß und Klein.

Beim Werben um die Jungwähler-Stimme bekommt Angela Merkel ja ein Wahlkampfgeschenk nach dem nächsten: Erst das grundharmlose Wohlfühl-Interview auf YouTube, am Dienstag der wohlwollende Blick durch die VR-Brille auf das Leben, das sich in einer X-Box oder Playstation abspielt - eine klickende Ohrfeige für ihren Innenminister, der noch vor Jahr und Tag warnte, das einsame PC-Geballer sei womöglich die Blaupause für eine Welt voller schießwütiger Jugendlicher, die demnächst von der virtuellen Bewaffnung auf die echte Flinte umsteigen.

Nun ja, einer musste es schließlich tun, denn was wäre eine eigenständige Jugendkultur ohne solide, seriöse Bedenkenträger? Die gab es zu allen Zeiten, zu meiner waren es hornbebrillte Wissenschaftler, die im Laborkittel ausmalten, was Alice Cooper und Miniröcke in fragilen Teenagerseelen anrichten können. Oder im Autoradio zum Feierabendverkehr: aufpeitschende Beatmusik statt des Tanzorchesters ohne Skrupel unter Leitung von Franz Ton. Und überhaupt, wie wir in einer entfesselten Welt mit Haschisch zum Frühstück und Sex vor der Ehe alle miteinander im Drogensumpf versinken. Wir kamen genauso in Sippenhaft mit Jimi Hendrix und Janis Joplin wie heute der Computerspieler im friedlichen Häuserkampf mit verwirrten Amokläufern.

Logo von NDR Info und das Gesicht einer Frau © f1online

Die Kanzlerin auf Stimmenfang bei den Gamern

NDR Info -

Kanzlerin Angela Merkel eröffnet die Gamescom in Köln. Da kann doch nur der Wahlkampf dahinter stecken, oder? Detlev Gröning bittet in seiner Glosse auf ein Wort.

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Ehrlich gesagt war ich eher erleichtert, dass es Generation Y doch noch gelungen ist, in eine eigene Welt abzutauchen, in die ich keinen Zutritt finde, so wie meinen Großeltern der Weg zu Mähne, Moped und Mother's Finest kulturell versperrt war. Heute darf mit Fug und Recht ich derjenige sein, der null Ahnung hat, was sich auf den Monitoren oder hinter den Brillen abspielt, und das ist auch gut so. Im Gegenzug toleriert man Opas Kriegsgeschichten 2.0, also wenn ich von meinen Nächten am Atari über Leisure-Suit-Larry oder Kings Quest 1 berichte, gewissermaßen den Beatles des Computerspiels. Nachsichtig erträgt auch der 17-jährige Nachbarsjunge meinen Ruf durch den Spalt seines ganztägig verdunkelten Zimmerfensters: "Lass mich der Erste sein, der dir die frohe Botschaft überbringt: Der Sommer ist da!"

Dann drückt er mir die FIFA-Konsole in die Hand, und schon läuft selbst ein Ronaldo beim Elfmeter am Ball vorbei und knallt ungebremst gegen den Torpfosten. Vermutlich braucht man doch eine gewisse Expertise.

Darum wird eine fachkundige Security unsere Kanzlerin am Dienstag auch von jeglichen Knöpfen und Tasten ferngehalten haben, wohl wissend: In der realen Welt wird sie notfalls zehn Bundestagswahlen überleben. In den Welten auf der Gamescom übersteht sie keine zehn Sekunden.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Auf ein Wort | 22.08.2017 | 18:25 Uhr