Stand: 10.07.2019 16:52 Uhr

Ab in den Urlaub - Ohne Flugscham?

Früher war das Fliegen etwas Schönes. Etwas Erhabenes. Etwas Exklusives. Dann wurde es für jeden erschwinglich und damit verschwand dieses besondere Image. Heute, in Zeiten des Klimawandels, besteigt man mit einem eher unguten Gefühl einen Flieger. Dieses Gefühl hat jetzt sogar einen Namen bekommen: die Flugscham.

Eine Glosse von Florian Schroeder

Ein neues Wort aus Schweden versaut dem Deutschen in diesem Jahr den Urlaub: "Flugscham". Menschen sollen gedemütigt und ausgegrenzt werden, weil sie fliegen. Fliegen ist das neue Sitzen, das früher mal das neue Rauchen war, das war wiederum das neue Essen.

Flugzeug über den Wolken © Ilja Masik / Fotolia.com Foto: Ilja Masik

Das ungute Gefühl der Flugscham

NDR Info - Auf ein Wort -

Früher war das Fliegen etwas Schönes. Heute ist das Image dahin und in Zeiten des Klimawandels gibt es jetzt sogar die Flugscham. Florian Schroeder geht das zu weit.

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Damit ist Fliegen auf einem Niveau mit "In den Puff gehen". Nur dass früher das Fliegen teurer war als das Vögeln. Heute ist es umgekehrt. Ja, damals wurden Männer noch mit Fotos erpresst, die sie im Puff zeigten - heute reicht ein Handy auf der Aussichtsplattform am Frankfurter Flughafen, um Leute dran zu bekommen. In Berlin ist die Flugscham so groß, dass man sich schon nicht mehr traut, überhaupt einen Flughafen zu bauen. Und was ist erst los, wenn die Flugtaxis kommen?

Positive Energiebilanz bei Bayern-Urlauben

Ein erstes Opfer der Flugscham war die bayerische Grünen-Chefin Katharina Schulze, als sie nach Kalifornien geflogen war und dort einen Eisbecher gegessen hatte - mit Plastiklöffel und im Einwegbecher. Dieses Bild hatte sie bei Instagram gepostet. Ein Shitstorm folgte von der eigenen Partei, nein, von den "Fridays for Fu ..."- nee ... ein Shitstorm von der FDP! Oh ja, ein bayerischer Landtagsabgeordneter postete Bilder von Schulze in den USA und von sich im Bayern-Urlaub mit Pfand-Bierflasche in der Hand. Dazu verglich er die Energiebilanz beider Urlaube. Gruselig! Ein FDP-Mann, der sich als Klimaschützer aufschwingt: Das ist so, wie wenn sich der Chorleiter der Regensburger Domspatzen für Kinderrechte einsetzt.

Warum bloß ist Fliegen nur halb so teuer?

Das Perverse ist ja nicht, dass die Leute für zwei Tage nach Spanien oder England fliegen - das Perverse ist auch nicht, dass Menschen Amerika und Asien kennenlernen wollen, um mal die Welt zu sehen. Wenn ich mir "Bauer sucht Frau" angucke, möchte ich jedem einzelnen Teilnehmer ein Flugticket nach Asien schenken - einfach, damit er mal ein bisschen über den eigenen Tellerrand rausguckt. Das wirklich Perverse ist, dass es halb so teuer ist, von Berlin nach Stuttgart oder von Hamburg nach Zürich zu fliegen, als mit dem Auto oder der Bahn zu fahren. Das wirklich Perverse ist, dass Fliegen politisch alimentiert wird - der Staat verzichtet bei Auslandsflügen auf die Mehrwertsteuer, erhebt sie aber bei Zügen und an Tankstellen in voller Höhe.

Darum: Führt eine Kerosin-Steuer ein und eine CO2-Steuer und erhebt eine Luxus-Steuer auf Diesel-Panzer, macht endlich wieder Politik, und hört auf mit diesen sinnlosen Moralpredigten wie Flugscham!

Und mal ganz ehrlich: Das letzte Mal, als ich wirklich Flugscham hatte, hat Horst Seehofer seinen 69. Geburtstag mit der Abschiebung von 69 Afghanen gefeiert.

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Auf ein Wort

Aktuelle Themen des Zeitgeschehens werden montags bis freitags auf NDR Info in der Glosse "Auf ein Wort" mit einem Augenzwinkern humorvoll-feuilletonistisch beleuchtet. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Auf ein Wort | 10.07.2019 | 18:25 Uhr