Stand: 28.01.2019 11:30 Uhr

Jahrelang in den Händen von Boko Haram

von Udo Schmidt

In dieser Woche schaut NDR Info auf die Lage im Nordosten Nigerias. Dort terrorisiert seit mehr als zehn Jahren Boko Haram, eine Gruppe islamistischer Gotteskrieger, die Bevölkerung. Unser Reporter Udo Schmidt war in der Region unterwegs und hat unter anderem Projekte von Plan International besucht, die in kleinen Dörfern Frauen betreuen, die von den Islamisten entführt waren.

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Von ihrer Gefangenschaft hat die Nigerianerin Hauwa Mohammad dem NDR Info Redakteur Udo Schmidt berichtet.

Hauwa Mohammad sitzt in einem kleinen Raum im Woman Safe House, das die Hilfsorganisation Plan International in der Ortschaft Gwoza im Bundesstaat Borno im Nordosten Nigerias aufgebaut hat. Vor der Tür singt eine Gruppe Frauen. Frauen, die lange Zeit in der Hand der Terrormiliz Boko Haram waren. Hauwa Mohammed ist eine von ihnen. Sie ist in ein leuchtend gelbes Gewand gehüllt. Sie trägt gerne bunte, auffällige Kleidung. Aber manchmal möchte sie lieber unsichtbar sein, sagt sie, vor allem wenn es draußen dunkel wird. Dann hilft ihr der kleine Raum im Safe House, in dem die Welt draußen ausgesperrt bleibt.

Vor der Schule entführt

"Ich habe früher schon in Gwoza gelebt, aber dann kam Boko Haram. Wir sind geflohen, meinen Vater haben sie umgebracht. Ich bin dann mit dreizehn Jahren entführt worden", berichtet Hauwa Mohammad. Sie fiel vor fünf Jahren in die Hände von Boko Haram, in die Hände der islamistischen Terrorgruppe, die im Borno State bereits 20.000 Menschen getötet hat. Hauwa wurde mit mehreren Freundinnen vor ihrer Schule in Gwoza gekidnappt. Damals besuchte sie die fünfte Klasse. "Ich habe draußen gesessen, meine Mutter war dabei, dann kam Boko Haram. Wir wurden verschleppt, zwei Wochen lang gab es nichts zu essen. Ich konnte flüchten, wurde aber wieder eingefangen."

"Dann haben sie mir einen Sprengstoffgürtel umgelegt"

Ein Stützpunkt von Boko Haram ist zum Zeitpunkt des Interviews nur vier Kilometer von Gwoza entfernt. Die Terrorkrieger sitzen praktisch direkt um die Ecke. Hauwa fällt es deshalb nicht leicht, über ihr Schicksal zu sprechen. Aber sie möchte reden, möchte der Welt erzählen, was geschehen ist. "Wir mussten den Koran lesen, später musste ich selber Unterricht geben. Dann haben sie mir ein Gewehr gegeben und einen Sprengstoffgürtel umgelegt, mit dem ich in die Provinzhauptstadt Maiduguri gehen sollte", berichtet die Ex-Gefangene.

Nur die Mutter hält zu ihr

Hauwa Mohammad hat Glück, der Sprengstoffgürtel wird ihr wieder abgenommen. Warum? Sie weiß es nicht. Nach vier Jahren kann sie flüchten, während des Rhamadan. Und sie hat wieder Glück, dass ihre Familie, ihre Mutter sie aufnimmt, trotz der zwei Kinder aus der Zwangsehe mit einem Boko Haram-Kommandanten. Nicht alle befreiten jungen Frauen haben dieses Glück. "Als ich zurückkam, war die Ablehnung groß. Ich kam schließlich von Boko Haram, mit Kindern. Nur meine Mutter hat zu mir gehalten."

Für viele junge Frauen ist daher das Woman Safe House zur neuen Heimat geworden. Zur einzigen Heimat, die sie noch haben.

 

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Aktuell | 28.01.2019 | 06:20 Uhr