Sendedatum: 02.05.2018 23:20 Uhr  | Archiv

Pressefreiheit

Türkei: Medienkonzentration bedroht Pressevielfalt

Es sind harte Zeiten für die Pressefreiheit in der Türkei. Wer sich mit Themen wie Rechtsstaatlichkeit, Korruption oder Meinungsfreiheit beschäftigt, rückt schnell ins Blickfeld von Regierung und Justiz. Auf der Rangliste von Reporter ohne Grenzen belegt das Land Platz 157 - von 180. Vor wenigen Tagen ging ein Prozess gegen Mitarbeiter der Zeitung Cumhuriyet zu Ende: 14 der 18 Angeklagten sollen zwischen drei und acht Jahre ins Gefängnis.

Baris Ince, Chefredakteur der Zeitung BirGün  Foto: Screenshot
Hat selbst ein Verfahren laufen - wegen Beleidigung des Staatspräsidenten in einem seiner Texte: Baris Ince, Chefredakteur von BirGün.

BirGün gilt ebenfalls als regierungskritisch und unabhängig. Baris Ince, Chefredakteur der Zeitung, hat selbst ein Verfahren laufen - wegen Beleidigung des Staatspräsidenten in einem seiner Texte: "Das Gesetz existiert in der Türkei nicht mehr. Richter treffen Urteile aus Angst vor der Regierung. Unter diesen Umständen Journalismus zu machen, ist eine echte Herausforderung. Denn furchtbare Exempel werden ja direkt vor unseren Augen statuiert", sagt er.

Unkritische Berichterstattung durch Medienkonzentration?

Auch eine zunehmende Medienkonzentration bereitet Beobachtern Sorgen. Die Dogan-Mediengruppe, die größte in der Türkei, soll an den regierungsnahen Mischkonzern Demirören verkauft werden. Das Ergebnis seien regierungsfreundliche Nachrichten - oder zumindest eine unkritische Berichterstattung nach dem Motto: Die eine Hand wäscht die andere, so die Medienwissenschaftlerin Ceren Sözeri. Das sei inzwischen bei 90 Prozent der großen Medien der Fall. 

Sich öffentlich gegen Erdogan zu positionieren, ist gefährlich

Und wer quer schießt, trägt die Konsequenzen, wie der Journalist Irfan Degirmenci erfahren musste. 20 Jahre lang gehörte er zu den bekanntesten Gesichtern im türkischen Privat-Fernsehen, moderierte zahlreiche Politikshows und Nachrichtenprogramme - hatte sogar eine eigene Sendung. Bis er sich öffentlich gegen die Pläne Erdogans stellte und im Frühjahr 2017 auf Twitter bekannt gab: Er werde beim Verfassungsreferendum mit 'NEIN' stimmen. "Nur eine halbe Stunde nachdem ich es gepostet hatte, rief mich der Sender an und sagt, dass ich ab Montag nicht mehr auf Sendung sein werde."

Irfan Degirmenci, Journalist  Foto: Screenshot
Schreibt bei BirGün eine eigene Kolumne: Irfan Degirmenci.

Seit einiger Zeit schreibt Degirmenci Kolumnen für die Zeitung BirGün: "Ich kann jetzt in meine Kolumne meine eigenen Vorstellungen und Ideen packen - ohne Einmischung und Zensur."

2.000 neue Leser hat die Zeitung in den letzten Monaten bereits gewonnen, Degirmenci und Chefredakteur Ince hoffen, dass es noch mehr werden. 

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ZAPP | 02.05.2018 | 23:20 Uhr