Sendedatum: 11.04.2012 23:20 Uhr  | Archiv

Kritisch und hartnäckig: Zehn Jahre ZAPP

Also auf so eine Idee muss man erst mal kommen. Stellen Sie sich bitte mal vor, man richtet als Unternehmen eine Abteilung ein, die alles kritisch durchleuchten soll. Und das, was diese Abteilung herausfindet, wird nicht etwa nur intern besprochen. Nein, es wird groß in alle Welt hinausposaunt. Absurd! Welches Unternehmen würde sowas schon machen? Der NDR hat es getan - vor zehn Jahren - da wurde nämlich ZAPP gegründet. Und seitdem begleiten wir kritisch alles, was in den Medien so schief läuft. Auch im eigenen Haus. Und darauf sind wir stolz. Der NDR auch. Freunde allerdings, macht man sich damit nicht immer.

VIDEO: (8 Min)

ZAPP Reporterin: "Herr Dietl? Norddeutscher Rundfunk, ZAPP Redaktion."
Dietl: "Nee, bestimmt nicht."

ZAPP Reporterin: "Herr Köhser, warum kaufen Sie sich den mit unlauteren Mitteln in ostfriesische Verlage ein?"
Köhser: "Wieso?"

Waldemar Hartmann: "Nee, für ZAPP nicht."

ZAPP Reporter: "Frau Merkel, ganz kurz. Robert Bongen. NDR Fernsehen."
Angela Merkel: "Nee, dafür haben wir jetzt keine Zeit."

ZAPP hat immer viele Fragen, doch manchmal gibt es keine Antworten. Auch damals, als es beim "Spiegel" hoch her ging, nach dem Ende der "Aust-Zeit" schwiegen die, die andere gern so vieles fragen: die Spiegel-Journalisten. Spiegel-Mitarbeiter: "Ich halte das für ein Unglück, wenn 'Spiegel'-Mitarbeiter sich über das eigene Haus äußern, das sollte so nicht passieren."

"Ein investigatives Magazin, wo saubere Recherche dahinter liegt"

Sich äußern über das eigene Haus. Was manche "Spiegel"-Mitarbeiter als "Unglück" bezeichnen, gehört für die ZAPP Redaktion zum journalistischen Alltag. Denn um glaubwürdig zu sein, berichtet ZAPP auch über Missstände im eigenen System. Wie über dubiose Beraterverträge und mysteriöse Zahlungen im Dunstkreis des ehemaligen MDR-Unterhaltungschefs Udo Fohtund natürlich auch über das Desaster beim Kinderkanal. Der Herstellungsleiter des KiKa schaffte Millionen aus dem Sender und das mit System. Das Vier-Augen-Prinzip funktionierte offenbar nicht.

Michael Hanfeld, Leiter der Medienredaktion "FAZ", meint: "Wie kann das sein? Wie sehen die Strukturen aus, wie kann jemand mit öffentlichem Gebührengeld so lange Schindluder treiben?"

Udo Reiter, damaliger Intendant des MDR, erklärt: "Das haben wir uns alle gefragt, wie das eigentlich gehen kann."

Inzwischen ist der Herstellungsleiter verurteilt. Doch der MDR stand vor dem nächsten peinlichen Schauspiel: Die Intendanten-Wahl geriet in der ersten Runde zur Farce.

Karola Wille, Intendantin des MDR, sagt: "Also ich habe ZAPP immer erlebt als ein investigatives Magazin, wo saubere Recherche dahinter liegt. Und ich kann nur sagen: Zurzeit der Intendantenwahl, die beim Mitteldeutschen Rundfunk war, die Beiträge, die sich damit befasst haben, waren bestimmt hier im Haus die meist angeschauten Beiträge, die es damals gegeben hat."

DerZAPP Bericht über den Schleichwerbungs-Skandalgehörte 2005 in vielen ARD-Anstalten sicher auch zu den meist angeschauten Beiträgen. Ebenso die Tour-de-France-Berichterstattung: sportliche Helden, spannende Bilder. Doch kaum ein Wort über Doping, denn ausgerechnet die ARD engagierte sich für das damalige "Team Telekom". Die "Eins" auf dem Trikot. ZAPP prangerte die fehlende journalistische Distanz immer wieder an.

Claus Kleber, Moderator des "heute journal" im ZDF, erklärt: "ZAPP braucht es, eindeutig. Berichterstattung in ZAPP, die vielleicht nicht ein 10-Millionen-Publikum erreicht, oder sie kommen nahe ran manchmal, ist aber für uns in den Medien ein guter Gradmesser, für das, was wir machen, für das, was andere machen. Inzwischen unverzichtbar."

Auch das öffentlich-rechtliche System kritisch betrachtet

Für gewaltiges Aufsehen sorgte vor drei Jahren die ZAPP Recherche über die Nebenverdienste öffentlich-rechtlicher Moderatoren.

Nikolaus Brender, ehemaliger Chefredakteur des ZDF, meint: "ZAPP hat den Mut, auch das öffentlich-rechtliche System von innen, auch den NDR, auch das ZDF, auch die anderen Rundfunkanstalten, kritisch zu betrachten und ist deswegen ein Vorreiter für freien, unabhängigen Journalismus."

Entertainer Harald Schmidt sagte 2008: "Ich finde die Sendung toll. Es ist eine dieser Sendungen, die der unvergessene Jobst Plog, ich meine, es geht ihm gut, aber unvergessen im Sinne von seiner Lebensleistung für das Weltfernsehen, erfunden und geschützt hat. Und ich hab mir schon oft gewünscht, einen Beitrag von ZAPP bei mir in der Sendung zu haben, habe schon versucht, da Beiträge zu klauen und so."

446 Sendungen in zehn Jahren. Vier Moderatoren und so einige Studiogäste vorm Kamin. Manche davon schlug ZAPP am besten mit den eigenen Waffen:

Caren Miosga: "Darf ich Sie einmal anfassen?"
Michel Friedman: "Oh, bitte."
Caren Miosga: "Mal sehen, wie sich das anfühlt, das ist nämlich Ihre Lieblingsgeste."

Andere waren erstaunlich ehrlich.

Caren Miosga: "Ist das Beschönigen von Wahlverlusten ein Einstellungskriterium für Generalsekretäre?
Olaf Scholz: "Ja."

Und wieder andere gaben überraschend zu, wie in ihrer Zeitung PR und Journalismus vermischt werden.

Caren Miosga: "Dieser Artikel ist nicht geschrieben von einem Journalisten oder Autor, sondern, nach unseren Recherchen, von einem Mitarbeiter einer PR-Agentur, die diesen Computer herstellt und auch vermarktet. Das ist reine PR oder?"
Claus Richter: "Also, wenn dies so ist, ich kann es jetzt so im Detail nicht klären, halte ich das für grauenvoll."

ZAPP dokumentiert Grenzüberschreitungen der Kollegen

Besonders grauenvoll aber war, wie Winnenden von den Medien belagert wurde. Nach dem Amoklauf mit 17 Toten wurde alles mit Scheinwerfern ausgeleuchtet: nicht nur das Kerzenmeer, auch die Trauernden. ZAPP dokumentierte die vielen Grenzüberschreitungen der Kollegen.

Anton Jany, Reporter des ZDF, erklärt: "In Winnenden ist meiner Meinung nach das Grundrecht auf eine Privatsphäre aufs Tiefste verletzt worden. Wir alle sind fast alle freie Mitarbeiter und wir alle haben einen Riesendruck. Ich hab also Verständnis dafür. Und trotzdem kann man einen Job verantwortungsbewusst machen." (2009)

Seinen Job verantwortungsbewusst machen. Immer wieder deckt ZAPP auf, dass viele Journalisten genau dies nicht tun. Wie der Lieblingsgegner von ZAPP: die "Bild". Regelmäßig wurde das Blatt kritisch beleuchtet und wird es noch. Immer wieder.

Ebenso kritisch beleuchtet: Die mediale Vorverurteilung von Jörg Kachelmann. Und der schäbige Umgang des RTL-2-Magazins "Frauentausch" mit seinen Protagonisten.

Ihre Geschichte war eine, die sich gut verkaufte, aber mit der Wahrheit nicht viel zu tun hatte: Senait Mehari, eine angebliche Kindersoldatin. Ihr Buch wurde ein Bestseller. Doch ZAPP fragte nach und erfuhr von ihr selbst: Sie war gar keine Kindersoldatin. Aber die Medien hatten ihr Spiel gern mitgespielt. Senait Mehari sagte 2007: "Selbst wenn sie mich ständig als Kindersoldatin betiteln, sag ich okay, wenn sie das brauchen, um mich so nennen. Hauptsache, ich komm an mein Ziel."

Auch bei ihm hatte ZAPP mal nachgefragt: Wie er mit seiner Rolle als Sportjournalist der ARD und gleichzeitig Weißbier-Werbeträger klar kommt. Waldemar Hartmann wollte dazu partout nichts sagen. Und ist seither eingeschnappt. Waldemar Hartmann, ARD-Sportreporter, sagte 2009: "Sie wissen doch, dass ich mit Ihnen nichts mache. Sie haben mich mal sieben Minuten mit einer Glattrasur behandelt, die unter aller Sau war, die schäbig war und deswegen werde ich mit Ihnen nicht reden."

Harald Schmidt: "Viele sind ja beleidigt. Waldi hat vorhin gleich sehr kritisch mit Frau Schneider gesprochen, weil die irgendwas gemacht hat, wo er ein Weizenbier einschenken musste, wo er aber von den Geheimdienstlern bei "DAS!" - heißt die Sendung "DAS!", mit dem roten Sofa? - gezwungen wurde. Und dann hat man ihn in ZAPP dafür an die Wand gestellt."

Andere, sogenannte Finanzjournalisten, manipulieren Aktienkurse statt journalistisch zu berichten. ZAPP deckte das auf. Und: kämpft ebenso für einen unabhängigen öffentlich-rechtlichen Rundfunk, wie für Mindeststandards im Boulevard.

Kai Diekmann: "Ich hab einfach in den letzten Wochen zu wenig ZAPP geguckt, ich weiß auch nicht warum, ich muss mich darum kümmern."

Unbedingt, Herr Diekmann. Denn jede Woche wieder versucht ZAPP, Verfehlungen in der Medienwelt zu entlarven. Seit zehn Jahren. Und jetzt? Glückwünsche bitte!

Karola Wille, Intendantin MDR: "Dass es ZAPP noch weiter gibt, ganz viele Jahre, mindestens noch zehn Jahre"
David Denk, Medienredakteur der "taz": "Dass das Format seinen Biss behält"
Nikolaus Brender: "Glück, eine gute Hand, tolle Recherchen, Mut und Unterstützung seines Intendanten"
Harald Schmidt: "Wenn die Intendantinnen der ARD sich mal zusammenschließen könnten und sagen: Hallo wir machen eine Late Night von einer Frau moderiert, ZAPP jeden Tag, anstelle der Tagesthemen. Miosga und Buhrow raus, dann ZAPP rein. Programm ist so einfach."

Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 11.04.2012 | 23:20 Uhr

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