Sendedatum: 18.03.2009 23:00 Uhr  | Archiv

Winnenden: Stadt im Ausnahmezustand

Anmoderation:

Herzlich Willkommen zu Zapp. Das Medienaufgebot nach dem Amoklauf in Winnenden sprengt wohl alles bisher Dagewesene. Jeder, der irgendwie Stift oder Mikrofon halten kann, war da. Jeder, der Tim K. schon mal gesehen hat, und sei es nur, weil er mal neben ihm an der Bushaltestelle stand, wurde vor die Kameras gezerrt. Ein mediales Unwetter hat sich über dem kleinen Ort entladen. Die Zeitung von Winnenden titelte am Samstag: „Lasst uns in Ruhe trauern“. Aber die Medien dulden keine Stille. Natürlich müssen Journalisten von so einem Ereignis berichten. Die Frage ist nur: Wie? Gita Datta und Anne Ruprecht waren in Winnenden und haben solche und solche Journalisten getroffen.

(Unser Beitrag über Winnenden im Ausnahmezustand sorgt für Diskussionen im Netz, zum Beispiel im Weblog von Stefan Niggemeier.)

Beitragstext:

(Plakate von Schülern am Schulgebäude): „Lasst uns in Ruhe trauern“, „Keine Presse“ - wütende Botschaften von Schülern an Journalisten. Die Albertville-Realschule, seit Mittwoch belagert von Übertragungswagen und Reportern. Der Amoklauf von Winnenden – ein mediales Großereignis. Anwohnerin: „Ich finde es schrecklich! Es sieht aus wie auf dem Campingplatz und sie erfahren hier nichts Neues, sie sollten das einfach lassen und abziehen.“ Anwohnerin: „Ich find das total widerlich, wie die Journalisten hier stehen und versuchen irgendwo noch ein Bild zu ergattern! Ich find das so, ich find das zum Kotzen. Ich finde es richtig widerlich!“ Auch bei der „Winnender Zeitung“ hat man Erfahrungen mit aufdringlichen Journalisten gemacht. Permanent klingelte hier das Telefon. Frank Nipkau, Redaktionsleiter „Winnender Zeitung“: „Öffentlich-rechtliche Sender, die Fotos des Attentäters haben wollten und dafür angeboten haben, den Zeitungsnamen in der Hauptnachrichtensendung einzublenden, bekannte Wochenmagazine, wo Redakteure anrufen, Herr Nepkau, ich hab hier die Liste mit den Lehrern, können Sie mir sagen, wer tot ist? Bis hin zu Illustrierten, die nach ganz bestimmten Fotos von getöteten Lehrern fragten. Also wenn man das erlebt hat, dann ist man einfach nur fassungslos.“

Journalisten als Regisseure des Entsetzens

Mittlerweile liegt die Tat 36 Stunden zurück. Vor der Albertville-Realschule, die immer gleiche Frage: Warum? Journalisten aus der ganzen Welt können darauf keine Antwort geben. Versuchen dennoch, die Fassungslosigkeit in Worte zu fassen. Die Medienmaschinerie läuft auf Hochtouren. Reporterin, portugiesisches Fernsehen: „Ich verstehe, dass die Leute ihre Privatsphäre, ihre Ruhe haben wollen. Aber wir müssen ihnen auch erklären, dass wir der Öffentlichkeit verpflichtet sind, dass wir zeigen müssen, was in der Welt passiert. Und dies ist eine Tragödie, die man nicht verschweigen kann.“ Und eine, die die ganze Welt sehen will. Scheinwerfer sind aufgebaut, die die Trauernden und das Kerzenmeer ausleuchten. Kuscheltiere, Abschiedsbotschaften. Tränen – nichts bleibt den Kameras verborgen. Die drehen jede Regung. Für das ZDF ist Reporter Anton Jany vor Ort. Er arbeitet seit mehr als 20 Jahren als Journalist. Hat schon über viele Katastrophen berichtet. Anton Jany, Reporter ZDF: „Als ich am zweiten Tag zum Schauplatz kam, hatte ich irgendwann das Gefühl, persönlich das Gefühl, das ist der schlimmste Tag in meinem journalistischen Leben. Es war Jahrmarkt, es war Jahrmarkt. Es war wie ein Gefühl, die ganzen SNGs, die ganzen Journalisten, Hunderte von Journalisten, die in Trauben, die alle in einer Reihe zum Teil oder in Trauben irgendwo standen und jeder der vorbeikam, wurde, wurde gleich einvernommen.“ Freitag morgen. Wieder sind alle da. Vor der Albertville-Realschule. Journalisten suchen nach neuen Interviewpartnern, neuen Bildern, neuen Geschichten. Sogar am Ort der Trauer. Grenzen werden überschritten. Klaus Hinderer, Polizei-Pressesprecher: „Nachdem wir festgestellt haben, dass Journalisten direkt, bzw. Kameras, Fernsehteams dort direkt standen und diese Gedenkgegenstände verrückt haben, haben wir uns heute morgen entschlossen, diesen Bereich abzusperren.“ Journalisten als Regisseure. Schutzzonen der Polizei werden einfach ignoriert. Klaus Hinderer, Polizei-Pressesprecher: „Das ist jetzt das typische Beispiel – was Sie jetzt hier sehen.“

Der Polizeipressesprecher muss einschreiten und eine Reporterin stoppen. Nicht zum ersten Mal – in diesen Tagen. Anton Jany, Reporter ZDF: „In Winnenden ist meiner Meinung nach das Grundrecht auf eine Privatsphäre aufs Tiefste verletzt worden. Jede Minute irgendwo. Ich habe Verständnis für alle Kollegen, die müssen ihren Job machen, die müssen was abliefern, weil irgendwo in den Sendern oder Agenturen Auftraggeber sitzen und wir alle sind fast alle freie Mitarbeiter und wir haben alle einen Riesendruck. Ich hab also Verständnis dafür. Und trotzdem kann man einen Job verantwortungsbewusst machen – denk ich.“

Kein Meter Raum für Intimes

Auch in Weiler zum Stein ist das längst nicht allen Journalisten gelungen. Hier lebt die Familie des Amokläufers. Und auch hier waren die Journalisten. In jedem Restaurant, in jedem Geschäft. Auf der Jagd nach immer neuen Informationen. Sigrid Wolfram, Verkäuferin in Weiler zum Stein: „Die kommen rein, mit Kamera, mit Mikro. Du wirst regelrecht überfallen. Und dann werden dir die Fragen gleich zugeschrieen und zack, dann sollst du antworten und wenn du sagst: ´nein danke´, dann geben sie keine Ruh.“ Reporterin: „Wie sieht das genau aus? Keine Ruhe?“ Sigrid Wolfram: „Indem dass sie dich weiter bedrängen, weiterbohren, weiterfragen und teilweise sehr extrem fragen und wenn du dann wieder sägst: ´nein´, dann kriegst du ganz gewisse Dinge an de Kopf geschmissen. Ob man denn Schuld sein will, dass man quasi jemand decken will, der so ne Tat begangen hat. Und das ist dann schon der Hammer.“ Zurück in Winnenden. Endlich gibt es neue Bilder. Vor der Schule legt ein Vertreter der muslimischen Gemeinde einen Trauerkranz nieder. Und alle Journalisten sind dabei. Die Anteilnahme wird zum Medienspektakel. Anton Jany, Reporter ZDF: „Dann stehen da noch solche Horden, von Menschen, die sie bedrängen, die keinen Meter Raum zulassen für intime Sphäre. Es konnte dort keiner ein Gebet sprechen, ohne dass er angeglotzt wurde von 10 Objektiven.“

Jagd nach Bildern geht weiter

Samstag - Tag 3 nach dem Amoklauf. Auf dem Stadtfriedhof wird das erste Opfer beerdigt. Familie und Freunde der 16-jährigen Schülerin wollen in Ruhe trauern. Die Polizei hat ein Film- und Fotografierverbot verhängt. Aus der Distanz dürfen Journalisten filmen. So ist die Abmachung mit der Polizei. Doch es gibt Mittel und Wege, den Blickschutz Friedhofsmauer zu überwinden. Fürs lukrative Foto vom 1. Sarg. Fotografen und Kameraleute bei ihrer Jagd nach Bildern, wollen sie jedoch nicht gefilmt werden. Kameramann: „Junge Frau. Ich find’s aber ziemlich scheiße, dass du dauernd auf uns drauf hältst, um den Zwischenschnitt zu machen, wie scheiße wir Fotografen sind. Das wir dort oben drüber fotografieren.“ Reporterin: „Aber ihr steht doch dazu, dass ihr das macht? Und dass das in Ordnung ist?“ Kameramann: „Wir stehen dazu, dass wir unseren Beruf machen müssen, weil wir einfach heute und hier diese Tage einfach einen Scheiß-Job haben, wie jeder andere auch.“ Am kommenden Samstag ist die offizielle Trauerfeier in Winnenden. Zehntausende werden erwartet. Darunter viele Journalisten. Die Menschen hier haben nur eine Bitte: (Zeitungsartikel „Winnender Zeitung“ vom 04.03.2009): „Lasst uns in Ruhe trauern“, Frank Nipkau, Redaktionsleiter „Winnender Zeitung“: „Wenn man das erlebt hat, dann ist man einfach nur fassungslos. Weil hier eine Entgrenzung stattfindet, die mit journalistischer Arbeit nicht mehr zu begründen ist. Unsere Aufgabe ist es zu informieren. Wir können mit Informationen auch den Menschen helfen, dafür müssen wir aber nicht alles zeigen. Wir müssen nicht alles sagen und wir müssen auch nicht alles wissen.“

Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 18.03.2009 | 23:00 Uhr

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