Stand: 31.03.2016 12:15 Uhr  | Archiv

Türkei: Satire-Zeitschrift unter Druck

Satiriker und Karikaturisten gibt es auch in der Türkei. Doch sie fürchten sich vor Protesten religiöser Eiferer und müssen sich mit Gerichtsverfahren und Druck von oben auseinandersetzen. Schon nach dem Anschlag auf "Charlie Hebdo" Anfang 2015 berichtete ZAPP über den schweren Stand des türkischen Magazins "Leman".

Ein Mann liest die türkischen Satire-Magazine "Penguen" und "Uykusuz". © dpa-Bildfunk Foto: Sedat Suna
Ganz in Schwarz: Türkische Satirezeitungen titelten mit "Je suis Charlie".

Die erste Ausgabe der türkischen Satirezeitschrift "Leman" nach dem Anschlag auf "Charlie Hebdo" ziert ein schwarzes Cover mit dem Titel "Je suis Charlie". "Leman" ist eine Art Bruderzeitschrift, nicht nur im Geiste. Seit einem Redaktionsbesuch der französischen Karikaturisten vor 13 Jahren herrscht ein reger Austausch zwischen Istanbul und Paris. Und so haben die türkischen Journalisten vor zwei Wochen auch gute Freunde verloren.

VIDEO: Istanbul: Karikaturisten unter Druck (6 Min)

Morddrohungen gegen Journalisten

Seit ihrer Solidarisierung mit den Karikaturisten hat die Redaktion von "Leman" nun diverse Morddrohungen erhalten. Schon vor dem Anschlag hatten es die Zeichner schwer - viele hatten, wie zahlreiche Journalisten in der Türkei, immer wieder mit Gerichtsverfahren zu kämpfen, weil sie mit spitzer Feder türkische Politiker kritisiert und offen ihre Meinung gesagt hatten. Jetzt sind sie mit dem Leben bedroht. Dabei haben sie, anders als die oppositionelle Tageszeitung "Cumhurriyet" weder "Hebdo"-Karikaturen noch das "Hebdo"-Cover mit dem weinenden Mohammed abgedruckt. Dieses erschien in der Türkei nur in dieser Zeitung und nur ganz klein in den Kommentarspalten des Blattes. Sogar die Polizei, die vor der Ausgabe an die Kioske die Zeitung durchgeguckt hatte, war der Abdruck durchgegangen. Die Lkw mit den Zeitungen waren kurzzeitig von der Polizei abgefangen und untersucht worden. Erst nach einer Entscheidung der Staatsanwaltschaft, so wird berichtet, konnten die Wagen weiterfahren und die Zeitungen ausliefern. Neben dem kleinen Cover hatte die Zeitung auch vier Seiten mit "Hebdo"-Karikaturen übersetzt und nachgedruckt.

Polizeischutz vor der Redaktion

Demonstranten gegen die türkische Zeitung "Cumhuriyet" vor dem Gebäude des höchsten Istanbuler Gerichts. © dpa-Bildfunk Foto: Sedat Suna
Demonstranten protestieren gegen die türkische Zeitung "Cumhuriyet" in Istanbul.

Der Abdruck des weinenden Mohammed hat dazu geführt, dass sich seit Tagen strenggläubige Muslime vor der Redaktion versammeln, die nur mühsam durch Barrieren und Polizei von der Erstürmung des Hauses abgehalten werden können. Eine islamistische Zeitung hatte die Wut noch angefeuert, indem sie Fotos der beiden Journalisten veröffentlichte, die für den Kommentar und die Veröffentlichung der Karikatur verantwortlich zeichnen. Und auch Staatspräsident Erdogan ist vorne mit dabei, geht es darum, die Stimmung weiter anzuheizen. Seine Einlassung vor einigen Tagen, einige Medien in der Türkei versteckten sich hinter dem Anschlag auf "Charlie Hebdo" und beleidigten den Propheten, wozu sie dennoch keinerlei Recht hätten, sucht nicht nach Mäßigung.

Der Kolumnist und "Cumhurriyet"-Urgestein Hikmet Cetinkaya macht sich angesichts dieser Entwicklungen Sorgen um die Pressefreiheit in seinem Land. In der Redaktion herrscht Angst, vor der Tür steht geballte Wut. Nur, weil er als Zeichen der Solidarität vier Seiten Karikaturen nachgedruckt hätte, würde ihn die Politik nun zur Zielscheibe machen. Arbeiten unter diesen Umständen wird immer schwieriger.

Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 21.01.2015 | 23:15 Uhr