Stand: 04.06.2019 14:59 Uhr

Abschied: "Mopo"-Chefreporter geht in Rente

von Sophia Münder

Nach 25 Jahren geht der Kult-Fotograf der "Hamburger Morgenpost" (Mopo) in den Ruhestand: Volker Schimkus. Seine Kollegen nennen ihn liebevoll "Schimmy". Schimmy ist für seine waghalsigen Foto-Positionen bekannt: Um ein Foto vom Hafengeburtstag zu machen, sei er auf einem Schiff die Wanten hochgeklettert, erzählt sein Kollege Olaf Wunder: "Der Kapitän dachte, er sieht nicht richtig, als er da oben herumkletterte, nur um das bessere Bild zu bekommen." Zu Schimkus' Markenzeichen zählen auch seine schrillen Anzüge und sein Fahrstil: er lenkt sein Auto mit dem Knie.

Volker Schimkus © NDR

Abschied: "Mopo"-Chefreporter geht in Rente

ZAPP -

Fast 25 Jahre lang hat Volker Schimkus mit seiner Kamera Zeitgeschichte eingefangen und Zeitungsgeschichte bei der "Mopo" geschrieben. Jetzt hört der Ausnahme-Fotograf auf.

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Die andere Sichtweise als tägliches Brot

Schimmy sei ein "Türöffner", sagt Wunder: "Ihm gelingt es, dass die Tür aufgeht und dass sie aufbleibt und nicht sofort wieder geknallt wird." Reihenweise gelang es Schimmy, die Wohnzimmer von Hamburgern zu fotografieren: Politiker, Inhaber von Kiez-Clubs und Uni-Professoren zeigten ihm ihr Zuhause. "Man kann in diesem Beruf in die extremsten Situationen hineingehen", sagt Schimkus. "Andere zahlen Geld für einen Kinobesuch oder für irgendetwas, das eine andere Sichtweise bedeutet. Bei uns ist das das tägliche Brot. Das finde ich faszinierend."

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Um dichter an ein Thema zu gelangen, schlüpfte Volker Schimkus für die "Mopo" immer wieder auch in andere Rollen, wie hier als Obdachloser.

Fast 25 Jahre lang waren Olaf Wunder und Volker Schimkus ein Team. Um Hygienestandards in Hamburger Hotels und Krankenhäusern zu testen, versteckten sie Plastikhundehaufen. Sie blieben tagelang unentdeckt - ein Skandal. Volker Schimkus schlüpfte noch im Wallraff-Stil in andere Rollen: Mehrere Male gab er sich als Obdachloser aus: "Wenn man ganz unten sitzt, auf dem Boden, im Winter und man sieht eigentlich nur noch Schuhpaare und die Beine bis zum Knie, ansonsten muss man hochgucken und die Leute gucken auf einen runter, dann merkt man, wie klein man selber ist und das ist eine Erfahrung, die ist finde ich, nachhaltig."

Schimkus ist in den Journalismus eingestiegen, wie es heute kaum noch möglich ist. Er lernte Dekorateur und Siebdrucker, studierte Visuelle Kommunikation. Dann wurde er Fotograf und schließlich Chefreporter bei der "Mopo". Er fotografierte die Rolling Stones, Udo Lindenberg und Angela Merkel. Schimkus sagt, er liebe Menschen. "Eigentlich ist es bei jedem Thema so, wie wenn man Brötchen kauft. Man redet miteinander."

Der ideale Beruf

Volker Schimkus hat in seiner Berufslaufbahn bei der "Mopo" fünf verschiedene Besitzer und acht Chefredakteure erlebt. "Ein Teil der Menschen hat gesagt, das ist der Untergang. Aber es ist nichts untergegangen."  Der Journalismus ändere sich und auch das Printprodukt. "Und das ist der entscheidende Punkt. Wir würden vielleicht in vier, fünf Jahren das letzte Printprodukt und dann 'Mopo Online' als Produkt haben." Olaf Wunder sagt, Schimmy blicke grundsätzlich nach vorne, habe nie Zweifel. "Das liegt vor allem daran, dass er nie aufgibt und dass er sogar noch nachts um eins mit guter Laune durch die Gegend rast und recherchiert und immer Reporter ist."

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Für waghalsige Positionen und eine andere Sichtweise ist Volker Schimkus bekannt.

2013 hat Volker Schimkus in 13 Tagen Hamburg umrundet. 205 Kilometer ist er zu Fuß gelaufen, mit fünf Euro Taschengeld pro Tag. Die "Mopo"-Leser wurden ständig über den Standort der Reporter informiert. Eine Studentin kam mit ihrem Geburtstagskuchen in den Waschsalon, in dem Schimmy und sein Kollege gerade ihre Wäsche wuschen. "Wir haben dort Geburtstagskuchen gegessen. In Unterwäsche. Es war unglaublich." 

Mit 66 Jahren geht Volker Schimkus in den Ruhestand, er wird als freier Fotograf weiterarbeiten. Ganz aufzuhören, das kann er sich nicht vorstellen. Schimkus sagt: "Ich glaube, der Beruf des Reporters war ideal für mich."

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Dieses Thema im Programm:

ZAPP | 05.06.2019 | 23:20 Uhr