Stand: 09.02.2015 13:15 Uhr  | Archiv

"Aus Höflichkeit werde ich zur Vegetarierin"

Christine Adelhardt leitet seit 2010 das ARD-Studio in Peking.

Christine Adelhardt ist China-Korrespondentin und seit 2010 Leiterin des ARD-Studios Peking. Nach ihrem Studium der Politik, Geschichte und Wirtschaft war sie Reporterin beim Bayerischen Rundfunk und berichtete aus dem Kosovo, Mazedonien und Pakistan. 2001 wechselte sie zum NDR und war politische Berichterstatterin für Tagesschau und Tagesthemen. Von 2004 bis 2007 berichtete sie als USA-Korrespondentin aus Washington, danach war sie Autorin für Panorama. Wir haben mit ihr über ihre Wahlheimat China und ihre Arbeit als Korrespondentin gesprochen.

Frau Adelhardt, was hat Sie bis jetzt in Ihrer Korrespondenten-Wahlheimat am meisten beeindruckt?

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Für Korrespondenten in China ist es oft schwierig Menschen aus der Bevölkerung vor die Kamera zu bekommen. Zu groß ist oft die Angst vor möglichen Repressalien durch das Regime.

Christine Adelhardt: Der Mut und die Zivilcourage vieler Chinesen. Sie leben in einem autoritären Polizei- und Überwachungsstaat, in dem keiner so genau weiß, wo jeweils die "rote Linie" verläuft - die Grenze, an der sich entscheidet, ob man für sein Tun verfolgt und bestraft wird oder einfach damit durchkommt. Was heute erlaubt ist, kann morgen verboten sein. Dennoch treffe ich immer wieder Menschen, die mutig für ihre Meinung einstehen und unerschrocken für eine Zivilgesellschaft kämpfen, die den autoritären Machthabern höchst suspekt ist. Ich wäre nicht so mutig, wenn ich in solch einem System leben müsste.

Was hat Sie am meisten schockiert?

Adelhardt: Bei Dreharbeiten zum Thema "Korruption" wurde unser Team von bezahlten Schlägern eines korrupten Parteikaders verfolgt und unser Auto mit Baseballschlägern zertrümmert. Nur mit viel Glück wurde niemand verletzt. Die Brutalität dieser Schergen, der Filz zwischen Parteibonzen und Polizei, die Dreistigkeit mit der alle Beteiligten uns die Schuld in die Schuhe schieben wollten und die Erkenntnis, dass ich im schlimmsten Fall kaum Möglichkeiten habe, vor allem meine chinesischen Kollegen zu schützen, hat mich schockiert.

Video-Porträt
03:22

ARD Studio Peking

China ist schon längst nicht mehr nur das Land der Fahrräder. Trotzdem ist der Drahtesel in Peking fast unverzichtbar. Unsere Korrespondenten erzählen Geschichten aus dem Land der Mitte. Video (03:22 min)

Welche Geschichte wollen Sie unbedingt in Ihrer Zeit als Korrespondentin erzählen?

Adelhardt: Ach, da fallen mir jeden Tag dutzende ein. Leider kann ich sie nicht alle erzählen. Manchmal weil ich keinen Programmplatz finde. Ein andermal weil man über eine Geschichte gut schreiben könnte, aber niemanden vor die Kamera bekommt. Grundsätzlich aber habe ich kein Ranking, für das, was ich unbedingt erzählen will. Mir ist immer die Geschichte am wichtigsten, an der ich gerade arbeite. Und wenn sie fertig ist stürze ich mich in die nächste, die dann die wichtigste ist.

Was ist die größte Herausforderung für die Zusammenarbeit mit den Redaktionen in Deutschland?

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Christine Adelhardt und ihr Team auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking - der Smog ist oft allgegenwärtig.

Adelhardt: Mir fällt immer wieder auf, dass wir besonders bei den Nachrichten sehr Europa bezogen und transatlantisch orientiert sind. Themen aus China im Programm unter zubringen, ist nicht ganz einfach. Obwohl China in der Weltpolitik immer bedeutender wird und für Deutschland als Handelspartner eine überragend wichtige Rolle spielt.

Was haben Sie bei jeder Drehreise dabei?

Adelhardt: Pulverkaffee und Müsliriegel. In manchen Unterkünften gerade auf dem Land gibt es nur chinesisches Frühstück. Da bin ich kein so großer Fan von. In Restaurants wird nur Tee gereicht und mancherorts findet man selbst in Supermärkten keinen Kaffee. In jedem Hotelzimmer aber gibt es Wasserkocher und so kann ich mir mit meinem mitgebrachten Kaffee und einem Müsliriegel überall ein köstliches Frühstück bereiten. 

Mussten Sie aus Höflichkeit bei einer Drehreise schon mal Merkwürdiges essen oder trinken?

Adelhardt: Chinesen sind sehr gastfreundlich. Sie wollen für ihre ausländischen Gäste nur das Beste und bestellen daher oft Speisen, die sie für köstlich halten: kalte Hühnerfüße, ganze Hühnerköpfe in Suppe, glibberige Seegurken. Ich ekele mich vor solchen Speisen. Aber ablehnen will ich nicht, das würde als extrem unhöflich empfunden. Ein Dilemma, denn ich will höflich sein aber auf keinen Fall diese Speisen essen müssen. Also greife ich zu einer kleinen "Notlüge": Wenn wir auf Drehreise sind behaupte ich, ich sei Vegetarierin. Dafür hat jeder hier Verständnis und so bekomme ich immer die leckersten Gemüsegerichte serviert. Ich kann dann aus tiefstem Herzen die wunderbare chinesische Küche loben und die Gastgeber freuen sich.

Was ist Ihr Lieblingsplatz in der Stadt, in der das Studio liegt?

Adelhardt: Die Terrasse meiner Wohnung. Dort versuche ich jedes Jahr erneut, Blumen und Grünpflanzen durch den heißen Sommer zu bringen. Oft verbrennen die Pflanzen einfach oder gehen aus mir unerfindlichen Gründen ein. Aber so kann ich jede Woche aufs neue zu meinem netten Blumenhändler radeln, neue Gewächse kaufen, mich wieder ans Umtopfen machen und viel Zeit auf meiner Terrasse verbringen.

Wie sieht für Sie ein perfekter Sonntag aus?

Adelhardt: An einem perfekten Sonntag muss ich nicht arbeiten und habe keinen Bereitschaftsdienst. Die Sonne scheint, die Luft ist gut, ich sitze auf meiner Terrasse lese ein Buch und am Abend kommen Freunde zum Grillen vorbei.

Was vermissen Sie am meisten aus Ihrer Heimat?

Adelhardt: Meine Tochter, Familie und Freunde. Die würde ich sehr gerne öfter sehen.

Interview

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