Stand: 14.07.2015 11:00 Uhr  | Archiv

"Ägypter haben ein Grundbedürfnis nach guter Laune"

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Seit 2013 leitet Volker Schwenck das ARD Studio in Kairo.

Volker Schwenck ist Leiter im ARD Studio in Kairo, das nur einen Steinwurf entfernt vom Tahir-Platz liegt. "Umm id-dunya" - “Mutter der Welt” nennen die Ägypter stolz ihr Land. Schwenck und sein Kollege Thomas Aders berichten aber nicht nur über Ägypten, sondern aus der gesamten arabischen Welt: von Libyen bis zum Sudan, von Oman bis nach Syrien. Neben IS-Terror und dem Krieg in Syrien gibt es aber auch viele faszinierdende Themen aus der Region: Wasserschildkröten am Roten Meer, Kamelkarawanen durch die Weiße Wüste oder Beduinen in Jordanien sind nur einige davon.
Auf Twitter können Sie Volker Schwenck folgen unter: @VSchwenck.

Was hat Sie bis jetzt in Ihrer Korrespondenten-Wahlheimat am meisten beeindruckt?

Volker Schwenck: Dass es den Leuten irgendwie gelingt, einigermaßen fröhlich zu bleiben, egal wie schwierig das Leben ist. Die Ägypter haben ein offenbar angeborenes Grundbedürfnis nach guter Laune. Es geht hier in Kairo oftmals ziemlich ruppig zu, vor allem im Straßenverkehr ist Rücksichtnahme nicht sehr verbreitet. Doch scherzen, charmant sein, sich unterhalten, nett sein zueinander - das ist hier im Alltag (wenn man eben nicht gerade Auto fährt) sehr wichtig. Dabei hat ein Großteil der ägyptischen Bevölkerung angesichts der aktuellen politischen und wirtschaftlichen Lage im Land eigentlich eher wenig zu lachen.

Was hat Sie am meisten schockiert?

Schwenck: Wie bereitwillig in Ägypten und anderen arabischen Staaten absurde Verschwörungstheorien und allzu einfache Erklärungen akzeptiert werden. Bildung ist ein Problem. Das öffentliche Schulsystem in Ägypten ist marode, wer kein Geld für Privatschulen hat, kann seinen Kindern oft keine echte Bildung ermöglichen. Und so glauben viele die immer gleichen Ideologien: Israel ist an allem schuld, Amerika grundlegend böse, Muslimbrüder sind alles Terroristen, der Westen hasst den Islam und der Führer hat immer recht. Das ist etwas zugespitzt, aber nicht sehr. Es gibt natürlich auch in Ägyten sehr kluge, umfassend gebildete Menschen mit differenzierten Meinungen. Aber ein großer Teil der Bevölkerung ist  leicht manipulierbar. Und von den klugen Menschen höre ich sehr oft  den Satz "Ägypten braucht eine starke Hand, Demokratie funktioniert hier nicht". Das ist schockierend, wenn ich mich an die Bilder des Jahres 2011 erinnere.

Welche Geschichte wollen Sie unbedingt in Ihrer Zeit als Korrespondent erzählen?

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Volker Schwenck in einem der größten Flüchtlingslager der Welt: Zaatari in der Wüste im Norden Jordaniens. Hier hat er einen Beitrag über syrische Flüchtlinge gedreht.

Schwenck: Ich möchte unbedingt mit einem jungen Mann, der uns bei Dreharbeiten in Nordsyrien unterstützt, in Damaskus Kaffee trinken. Ohne zu fürchten, dass ihm, der auf Seiten der Rebellen steht, oder seiner Familie ein Leid droht. Ich möchte gerne mit ihm durch die Straßen Aleppos schlendern, in denen gerade Trümmer beseitigt und Wahlplakate aufgehängt werden. Ich wünsche mir, dass dieses furchtbare Schlachten in diesem wunderschönen Land Syrien endlich ein Ende hat. Ich glaube nicht, dass dies in meiner Korrespondentenzeit bis Ende 2017 möglich sein wird - aber diesen Film würde ich wirklich sehr, sehr gerne machen.

Was ist die größte Herausforderung für die Zusammenarbeit mit den Redaktionen in Deutschland?

Schwenck: Der Kampf gegen den Hype einerseits und die Gewöhnung andererseits. Oftmals werden Themen für eine kurze Zeit riesengroß gemacht - da scheint es nichts anderes zu geben. Natürlich ist für andere, genau so interessante und wichtige Geschichten, dann kein Platz. Und wenig später sind die gerade noch gehypten Themen völlig aus der Öffentlichkeit verschwunden und kein Mensch interessiert sich mehr dafür. Das ist schwer zu ertragen und noch schwerer zu erklären.

Was haben Sie bei jeder Drehreise dabei?

Schwenck: Ein kleines Verbandspäckchen mit dem Notwendigsten und einen Korkenzieher. Als Weintrinker hat man es nicht leicht in der arabischen Welt. Da muss man auf Eventualitäten und glückliche Zufälle vorbereitet sein.

Was war bisher die größte Panne, die Ihnen widerfahren ist?

Schwenck: Bislang hatte ich ziemlich Glück mit Pannen. Manchmal funktioniert die Technik nicht, und Filme kommen nicht zur Aufführung - das gibt es. Kurzfristig extrem ärgerlich, aber nicht schlimm. Schlimmer als Pannen sind Fehler, die man selber macht, für die man niemanden und nichts sonst verantwortlich machen kann. Wenn man im Schaltgespräch "Kobane" denkt, aber "Mossul" sagt. Wenn man einen Frontverlauf, der schon seit einem Jahr unverändert ist, gerade nicht parat hat. Fehler tun weh, auch wenn sie keiner merkt. Es tröstet ein bisschen, dass auch andere Fehler machen. Aber nicht sehr.

Video
03:25

ARD Studio Kairo

Die Korrespondenten berichtet aus der arabischen Welt: von Libyen bis zum Sudan, von Oman bis Syrien, von politischen Pulverfässern, dem Zauber der Wüste bis zu Luxushotels am Golf. Video (03:25 min)

Mussten Sie aus Höflichkeit bei einer Drehreise schon mal Merkwürdiges essen oder trinken?

Schwenck: Ja, aber es ging nicht. Im Südsudan wurde uns ein Fleischbrei serviert, bei dem ich lieber nicht wissen will, was da alles drin war. "Wild meat" nannte es sich und schmeckte wie fauliges Katzenfutter. Zwei Löffel habe ich runtergebracht, dann ging es nicht mehr. Der Gastgeber hatte zum Glück lange in Australien gelebt, bekam schließlich Mitleid und servierte etwas, das Huhn sein sollte. Ich habe noch nie ein Huhn mit so langen Beinen und so wenig Fleisch gesehen. Aber man konnte es essen.

Was sind Ihre Lieblingsplätze in Kairo?

Schwenck: Ganz ehrlich - meine Wohnung. Die liegt mitten in der Stadt, ein Zimmer geht Richtung Hinterhof und dort ist herrlich ruhig. Diese Stadt schafft mich. Hitze, Verkehr, üble Luft, überall immer Menschen und ein wahnsinniger Geräuschpegel. Ich bin viel unterwegs, auch in unschönen Gegenden - ein stilles Zimmer, das ich kenne, Sonnenschein auf der Wand und draußen zwitschern Vögel - das genieße ich dann sehr. Ist nicht gerade globetrotter-mäßig. Aber beim Genießen tanke ich auf, und dazu brauche ich Ruhe.

Wie sieht für Sie ein perfekter Sonntag aus?

Schwenck: Es ist später April in Kairo - schon warm, aber noch nicht heiß. Die Frühstückseier gelingen genau richtig. Der Friseur in seinem alten, etwas abgeschabten Laden vergisst, mir auch die Haare auf den Wangenknochen und an den Schläfen auszurupfen. Er macht das virtuos mit einem Stück Faden, aber es ziept ungemein. Mit meiner Frau gehe ich bummeln, wir schauen kurz bei Amr vorbei, der schöne Handtaschen verkauft und uns mittlerweile schon ziemlich gut kennt. Also vor allem meine Frau. Um die Ecke hat vor kurzem eine kleine ägyptische "Eisdiele" aufgemacht und auf dem Rückweg grüßt uns fröhlich der Müllmann, der sich wahrscheinlich täglich schlapp lacht, dass ich Glas, Dosen, Papier und Restmüll voneinander trenne. Denn das machen die Müllmänner später selber, Wertstoffe werden aussortiert und verkauft, ich will ihnen nur die Sauerei ersparen. Weil es keinen Stromausfall gibt, schauen wir am Abend unterbrechungsfrei "Tatort" via Internet. Das ist ein ziemlich perfekter Sonntag.

Was vermissen Sie am meisten aus Ihrer Heimat?

Schwenck: Saubere Luft, Kirchenglocken am Sonntagmorgen, Salzstangen und richtiges Brot.

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