Stand: 24.03.2015 11:00 Uhr  | Archiv

"Schlangenschnaps überlasse ich gerne anderen"

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Philipp Abresch leitet seit 2014 das ARD Studio in Singapur und berichtet aus 13 asiatischen Ländern.

Am Niederrhein geboren und aufgewachsen, verdient Philipp Abresch sein erstes Geld in Namibia, beim staatlichen Rundfunk NBC. Zurück in Deutschland studiert er Politik in Berlin und volontiert beim NDR. Weitere Stationen sind danach Libanon, Irak und der Balkan. Asien ist mittlerweile seine zweite Heimat: 2009 kam Abresch als Korrespondent ins ARD Studio Singapur. 2011 wechselte er als Studioleiter nach Tokio und ist 2014 nach Singapur zurückgekehrt. Dort leitet er jetzt das Studio und die Berichterstattung aus insgesamt 13 Ländern Asiens.
Auf Twitter können Sie Philipp Abresch folgen unter: @PhilippAbresch.

Herr Abresch, was hat Sie bis jetzt in Ihrer Korrespondenten-Wahlheimat am meisten beeindruckt?

Philipp Abresch: Meine Korrespondenten-Heimat das sind im Moment 13 Länder, Südostasien, also das tropische Asien und, man staunt, die Antarktis. Wo wir auch hinkommen, die Zukunft war schon da. Fast überall bei uns im Berichtsgebiet, von Myanmar bis Neuseeland, spüre ich diesen unerschütterlichen Glauben an Morgen, Aufbruch, Optimismus und Zuversicht. Die Völker Südostasiens haben vieles gemein. Gleichzeitig ist jedes Land für sich beeindruckend: Die Gastfreundschaft der Vietnamesen, die Gelassenheit der Laoten, die Kockünste der Thailänder, der Pragmatismus der Singapurer.

Was hat Sie am meisten schockiert?

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Philipp Abresch hat nach dem verheerenden Taifun Haiyan 100 Kameras an 100 Kinder verteilt. Enstanden ist daraus sein Fotoprojekt "Die Kinder von Tacloban".

Abresch: Tja, was schockt einen eigentlich? Der Containerfrachter, der im Taifun strandet und eine ganze Hüttensiedlung unter sich zermalmt? Oder freut man sich vielmehr für die Familie, die unversehrt unter dem Bug hervorkrabbelt und ihr neues, zweites Leben inmitten der Trümmer beginnt? Der Schrecken und das Schöne sind wie zwei Geschwister. Und sie sind stete Begleiter auf unseren Drehreisen. Man muss mit seinen Gefühlen haushalten. Und man muss auch lernen, Abstand zu nehmen. Denn wir wollen ja funktionieren, wir wollen arbeiten, wir wollen berichten. Aber ich merke über die Jahre immer mehr, dass mich Menschen und Begegnungen weiter begleiten und beschäftigen. Sie rücken an mich heran.

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Bernadette ist das "Spaghetti-Girl": Ihre ungebrochene Zuversicht nach der Zerstörung durch Taifun Haiyan, hat unseren Korrespondenten Philipp Abresch tief beeindruckt.

Einmal, nach Taifun Haiyan auf den Philippinen, habe ich ein junges Mädchen getroffen: Bernadette. Aber alle nennen sie Spaghetti-Girl. Wegen ihrer lockigen Haare. ‘Wenn das alles vorüber ist’, hat sie damals gesagt, ‘dann irgendwann werde ich Miss World.’ Ich habe daran immer wieder denken müssen, an die Fähigkeit, noch im Schlimmsten seine kleinen und großen Träume nicht zu vergessen.

Das Leben kehrt zurück in Tacloban

 

Welche Geschichte wollen Sie unbedingt in Ihrer Zeit als Korrespondent erzählen?

Abresch: Ich habe mir keine Geschichte zurecht gelegt, die ich unbedingt erzählen will. Veilleicht sind die schönsten, interessantesten auch die, die dir einfach passieren. Ich habe mir aber eines fest vorgenommen: Ich möchte versuchen unvoreingenommen zu berichten. Mit viel Sympathie. Mit Sympathie für die Menschen in diesem Teil der Welt, mit Sympathie für das Andersartige, das Fremde, das zunächst Unverständliche. Ich will versuchen, zu verstehen. Ich will versuchen zu erklären, das Ferne etwas näherzubringen.

Was ist die größte Herausforderung für die Zusammenarbeit mit den Redaktionen in Deutschland?

Abresch: Ich habe anfangs befürchtet, die Kollegen, kriegen das mit der Zeitverschiebung nicht hin. Es sind ja sieben Stunden zwischen Deutschland und Singapur. Ich hatte gedacht, ich würde mitten in der Nacht geweckt, weil jemand versehentlich auf die Washington-Uhr geguckt hat und nicht auf die Singapurer. Tatsächlich aber bin ich derjenige, der sich regelmäßig verrechnet. Ich rufe immer dann an, wenn die Kollegen gerade in die Konferenz gehen wollen. Für mich ist die Redaktion in Deutschland ein wichtiger Bezugspunkt. Die Kollegen sind häufig die ersten Leser meiner Manuskripte, die ersten Zuschauer meiner Filme. Wir entwickeln gemeinsam, was später auf Sendung geht.

Was haben Sie bei jeder Drehreise dabei?

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Neben seinem wichtigsten Utensil auf Drehreisen - seinem Reisenpass - braucht Philipp Abresch (re.), wie auch sein Team, oft die passende Kleidung.

Abresch: Meinen Pass habe ich dabei. Das klingt nach einer Platitüde. Aber der Pass ist für mich mehr als nur 48 Seiten Bundesrepublik Deutschland. Mit all den Stempeln, Wappen, Aufklebern und Visa ist der Reisepass für mich wie ein Tagebuch. Ich blättere gerne drin, wenn ich irgendwo auf einen Abflug warte. Seite Eins, das Foto: biometrisch, aber unausgeschlafen. Die Passnummer: kann ich im Schlaf runterbeten. Einmal umklappen, nächste Seite, die Augenfarbe: Blau-Grün-Grau. Die Dame im Rathaus damals hatte mich angeguckt und konnte sich nicht entscheiden. Also alle Farben, die es gibt. Ich schaue auf goldene Sterne aus Vietnam, die verschnörkelt-kreisrunde Schrift aus Myanmar und auf die schlichte Sachlichkeit eines Visums für Australien.
Mein Reisepass ist ein schöner Begleiter. Er öffnet Türen, Schranken, Grenzen. Er kann auch Small Talk: 'Oh, you are from Germany', sagt der Mitreisende. 'Wie ist’s in Nordkorea?', flüstert neugierig der Grenzer in Seoul. Und in Brisbane schaut der Beamte streng auf die zerfledderten Seiten: 'Einmal kommste damit noch rein!'.
Dann erinnere ich mich, dass die Grenzbeamten, die meinen Pass in Empfang nehmen, meistens sehr freundlich sind. In Thailand tragen sie so etwas wie ein Hawaii-Hemd. Jedenfalls in der Urlaubssaison. Die Grenzermode kennt keine Grenzen: In Vietnam haben sie Schulterklappen breit wie eine Landebahn, in Nordkorea Schirmützen so groß wie eine Satelliten-Schüssel, in Indonesien tragen die weiblichen Beamten elegant geschwungene Kopftücher.
Mir gefällt mein Reisepass so gut, dass ich zwei Stück davon habe. Manchmal sogar drei. Einer ist immer bei irgendeiner Botschaft. Und einer immer in meiner Tasche. Bestimmt ernte ich bestätigendes Kopfnicken bei allen Grenzbeamten dieser Welt, wenn ich sage: Ohne meinen Pass geht nix!

Was war bisher die größte Panne, die Ihnen widerfahren ist?

Abresch: Oh, ich war einmal in einem Massenaufmarsch in Pyongyang gefangen und wollte doch dringend mein Stück fürs "Mittagsmagazin" überspielen. Es war einfach kein Durchkommen mit dem Bus. Zum Verzweifeln.

Mussten Sie aus Höflichkeit bei einer Drehreise schon mal Merkwürdiges essen oder trinken?

Abresch: Na ja, vor dem, was man trinken soll, fürchte ich mich gelegentlich. Den Schlangenschnaps überlasse ich gerne anderen. Auch das Gebräu, in dem ein Singvogel schwimmt. Oder eine Haifischflosse. Bitte nicht!
Beim Essen allerdings lasse ich mich selten zwingen. Das werden alle bestätigen, die mit mir einmal auf Drehreise waren. Gekochte Hühnerfüße sind nicht der Renner. Aber darf man probieren. Ameiseneiersalad auch: sehr merkwürdig, eine Spezialität aus dem Isaan, im Nordosten Thailands. Weich, würzig, etwas süß. Man sagt es sei gesund.
Ich bin immer wieder baff, wie erfinderisch die Völker Asiens in ihren Küchen sind. Und erst recht, wo es keine Küchen gibt. Einmal waren wir bei den Penang, Nomaden, die bis heute in den Wäldern Borneos leben. Zu Mittag gab es ein reiches Essen, aus allem was der Dschungel hergibt, serviert auf Blättern von Palmen. Es hat mir gezeigt, wie tief verwoben diese Menschen mit der Erde und ihren Schätzen sind. Und wie sehr die Abholzung der Wälder ihr traditionelles Leben zerstört.
Also, ich esse gerne. Aus Neugierde, Höflichkeit oder, auch das kommt vor, aus purem Hunger.

Welcher ist Ihr Lieblingsplatz in der Stadt, in der das Studio liegt?

Abresch: Im Moment ist mein Lieblingsplatz die Bank vor unserem Studio. Dort zu sitzen, ist wie Fernsehgucken. Es lehrt einen soviel über diese Stadt. Das ARD Studio liegt in der Keong Saik Rd. in Chinatown. Früher war die Gegend etwas schummrig, ein Rotlichtviertel. Hierhin kamen die Arbeiter nach einem hartem Tag oder die Fischer von ihren Dschunken. Mit einem Zug aus der Opium-Pfeife haben sie ihre Muskeln entspannt. Das ist lange, lange her. Singapur hat einen tiefgreifenden Wandel durchgemacht, den wir bis heute auch in unserem Viertel erleben. Überall ist Aufbruch, und überall steigen die Mieten. Es gibt sie noch, die traditionellen Shophäuser, wo unser Nachbarn Herr Lee und Herr Lim Geschäfte machen mit Reis, Mehl und Speiseöl. Es gibt sie noch, die tätowierten Männer, die zentnerschwere Reissäcke auf Pick-Ups verladen. Doch nebenan und gegenüber macht ein Restaurant nach dem anderen auf, Cafés, Bistros, Bars. Bei uns in der Straße gibt es jetzt bis 17 Uhr nachmittags Frühstück. Die Hipster sind da. Die Touristen aus China sowieso. Und wenn es dunkel wird, kommen die Banker vom Raffles Place auf einen Longdrink vorbei. Alles schön zu erleben, von der Bank vor unserem Studio.

Wie sieht für Sie ein perfekter Sonntag aus?

Abresch: Singapur ist ständig im Werden. Immer neue Hochhäuser schießen in die Höhe. Da hochzukraxeln, oder seien wir ehrlich, elegant mit dem Lift hochzufahren, und den Ausblick zu genießen, das ist für mich eine perfekte Sonntags-Beschäftigung. Über den Dächern von Singapur, das ist ein wunderbares Erlebnis.

Was vermissen Sie am meisten aus Ihrer Heimat?

Abresch: Ich freue mich immer, meine Familie und meine Freunde in Deutschland zu sehen. Mama, Papa, Bruder, Neffen, die sehen mich ja viel häufiger als ich sie - im Fernsehen. Wenn man doch nur den Übertragungsweg ab und zu umdrehen könnte…

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