Stand: 13.10.2015 10:30 Uhr  | Archiv

Zwischen Drogenkartellen und gebratenen Grashüpfern

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Peter Sonnenberg berichtet seit 2012 aus rund 25 Ländern in Zentralamerika, der Karibik und dem nördlichen Südamerika.

Seit 2012 leitet Peter Sonnenberg das ARD-Studio in Mexiko-Stadt und berichtet von dort nicht nur über Mexiko, sondern über rund 25 Länder in Zentralamerika, der Karibik und dem nördlichen Südamerika. Sein Berichtsgebiet steckt voller Widersprüche: atemberaubende Natur und katastrophale Umweltsünden ebenso wie das Erbe der früheren Hochkulturen der Azteken und Mayas und die dennoch oft fehlende eigene Identität der Länder. Und noch etwas ist bezeichnend für die Region: Drogenkartelle und Korruption gepaart mit einer nicht funktionierenden Justiz.
Auf Twitter können Sie Peter Sonnenberg folgen unter: @ard_peter.

Was hat Sie bis jetzt in Ihrer Korrespondenten-Wahlheimat am meisten beeindruckt?

Peter Sonnenberg: Meine Wahlheimat ist ja Mexiko und die südlichen lateinamerikanischen Länder zähle ich einfach mal dazu, auch weil sie zu meinem Berichtsgebiet gehören. Wenn man sich die 600-jährige Geschichte Lateinamerikas betrachtet, erwartet man Stolz auf die erreichte Unabhängigkeit. Beeindruckt, leider negativ, hat mich das fehlende Selbstbewußtsein meiner Berichtsländer gegenüber allem, was weiter entwickelt ist, als man selbst. Das Aufschauen gegenüber dem vermeintlichen Paradies USA. Der lähmende Respekt gegenüber allem, was aus Europa kam und kommt, inklusive Diktatoren und Kriegswaffen (Autos und Fußballmannschaften natürlich auch). Die Angst sich zu beschweren oder gar aufzubegehren, weder gegenüber dem Spanier, der sich frech vordrängelt oder gegenüber der eigenen Regierung, die jeden Skandal aussitzt und anschließend weitermacht wie vorher. Das hat auch zur Folge, dass die ganze Welt unter "Amerika" nur die USA versteht. Der weitaus größere Teil Amerikas liegt aber auf dem südlichen Kontinent, ist arm, abhängig und in der Hand von Verbrechern. Es ist beeindruckend, wie sich der wohl reichste Kontinent, den es im 15. Jahrhundert gab, der nur nichts davon wusste, nachhaltig, auch noch hundert Jahre nach der Unabhängigkeit, nicht von seiner Kolonialvergangenheit lösen kann, nur den kurzfristigen Vorteil sucht, ohne Zukunftspläne zu machen und es in allen sozialen Schichten ablehnt, Verantwortung zu übernehmen.

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"Vamonos"

Peter Sonnenberg berichtet in seinem Videoblog auf tagesschau.de regelmäßig aus Mittelamerika und einigen Ländern Südamerikas. extern

Was hat Sie am meisten schockiert?

Sonnenberg: Mich schockiert, dass es in vielen lateinamerikanischen Ländern nicht ansatzweise eine funktionierende, verlässliche Justiz gibt. Wie sich Gewalt als Lebensalltag etablieren kann und von der Bevölkerung und den Staatsgewalten als gegeben hingenommen werden kann. Insbesondere in Mexiko lebt man mit der Gefahr von Mord, Entführung, Misshandlung oder Folter. Jeder ist gut informiert über die Schuldigen, weiß wie sie heißen, wo sie wohnen, was sie tun, aber niemand bricht das Schweigen. Es ist schockierend, dass Killerkartelle mit dem System der Einschüchterung erfolgreich sind und unbehelligt ihren schmutzigen Taten nachgehen können. Es ist noch schockierender, dass sie es nur deshalb können, weil die Staatsgewalt von Korrupten und Kriminellen durchtränkt ist, die gegen gute Bezahlung dafür sorgen, dass Mörder, Entführer und Erpresser nicht verhaftet, verurteilt und ihrer Strafe zugeführt werden.

Welche Geschichte wollen Sie unbedingt in Ihrer Zeit als Korrespondent erzählen?

Sonnenberg: Das wichtigste Thema weltweit ist für mich Migration. Nicht nur in Europa, sondern besonders in Lateinamerika. Es sterben Hunderttausende auf der Flucht ins gelobte Land im Norden. Sie fliehen vor Armut und vor der Gewalt in Südamerika, doch auf der Flucht sterben sie an Hunger, Kälte in der Wüste, werden ausgeraubt, verstümmelt oder ermordet. Der größte Teil von ihnen wird geschnappt und zurückgeschickt, in ihre Dörfer, wo längst ihr Haus geplündert, ihre Töchter vergewaltigt und ihre Familien vertrieben wurden. Wir erzählen immer wieder einzelne Schicksale von Migranten, aber ich möchte die zwei Jahre, die ich noch hier sein werde, dazu nutzen, eine große Geschichte der gefährlichsten und erfolglosesten Migration der Welt erzählen, der von Süd- nach Nordamerika.

Video
05:30

ARD Studio Mexiko-Stadt

Seit 1982 berichten die Korrespondenten aus Mexikos Hauptstadt über Zentralamerika, die Karibik und das nördliche Südamerika - immer auf der Suche nach den Geschichten Lateinamerikas. Video (05:30 min)

Was ist die größte Herausforderung für die Zusammenarbeit mit den Redaktionen in Deutschland?

Sonnenberg: Vertrauen! Ein Thema wird nicht dadurch gut, dass Nachrichtenagenturen darüber schreiben. Ich finde es wichtig, dass wir Themen als erste ansprechen und über sie berichten. Aber dafür müssen Korrespondenten recherchieren, und dann das Interesse der Redaktionen für die Recherche gewinnen. Dafür brauchen wir das Vertrauen der Heimatredaktionen. Wir arbeiten und leben in unseren Berichterstattungsgebieten und können aufgrund unserer Erfahrungen einschätzen, ob ein Thema wichtig ist oder nicht. Aber natürlich kosten intensive Recherchen Zeit und - sie können auch mal daneben gehen.

Was haben Sie bei jeder Drehreise dabei?

Sonnenberg: Für das Privatvergnügen: Sonnenschutz und Hut, denn wenn das Haupthaar weniger wird und sich das erste Mal die Kopfhaut pellt, ist die Sonne in den Anden oder am Äquator der größte Feind des Korrespondenten. Und dienstlich: ein zehn Zentimeter kleines Notizbuch, dass keinen Platz wegnimmt und immer in die Hosentasche passt. Dass ich aber auch bei jeder Gelegenheit irgendwo liegenlasse und dass Hector Rodriguez, unser mexikanischer Tonmann, mir ständig hinterherträgt. Im Gegenzug finde ich immer seine Brillen, die er mit Vorliebe verliert.

Was war bisher die größte Panne, die Ihnen widerfahren ist?

Sonnenberg: In meinen ersten Monaten hier dachte ich, die Dienstreisen müssten mit Pannen versehen sein. Mit unseren ständigen Autopannen war es so schlimm, dass ich sogar eine Serie in Facebook eröffnet habe, in der ich massenweise Fotos von offenen Motorhauben oder Reifenwechseln gepostet habe. Eine richtig große Panne beim Dreh ist uns glücklicherweise noch nicht unterlaufen. Dennoch ist Filme machen in Lateinamerika eigentlich ein ständiges Verhindern von Katastrophen, aber darin haben wir mittlerweile viel Erfahrung.

Mussten Sie aus Höflichkeit bei einer Drehreise schon mal Merkwürdiges essen oder trinken?

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Was kann ein Magen alles aushalten? Als Korrespondent in Mittelamerika steht Peter Sonnenberg häufiger vor dieser Frage. Bisher hat seiner alles geschafft. Respekt!

Sonnenberg: Wie - mal??!!?? Ich muss ständig irgendwelche komischen Sachen essen. Kostprobe? Catchos in Ecuador, so eine Art gekochter Maikäfer, aus dem eine scharfe Flüssigkeit spritzt, wenn man draufbeißt - furchtbar! Escamoles, Ameiseneier, die in Mexiko in Tortillas serviert werden und gar nicht so schlecht schmecken. Ein bisschen fischig. Chapulines, Grashüpfer mit Chili gebraten, werden beim Fußball genascht wie Kartoffelchips - hmmmm! Und das schlimmste war bis jetzt Chicha!! Ein milchiges Getränk aus der Maniokwurzel, dass das Volk der Kichua in Kolumbien im Mund fermentiert und zurück in den Topf spuckt. Chicha wird aus einem Becher gemeinsam getrunken, was aber auch schon egal ist, weil die Köchin es ja sowieso schon x Mal im Mund hatte.

Was ist Ihr Lieblingsplatz in Mexiko-Stadt?

Sonnenberg: Das Straßencafé Jarocho in meinem Stadtteil Coyoacan. Der Kaffee ist mittelmäßig und die Straßenmusiker schlecht. Aber aus irgendeinem Grund hat der Bürgersteig auf dem nur Plastikstühle und kein einziger Tisch stehen etwas Entspanntes. Fast jedes Mal komme ich hier mit Leuten ins Gespräch, die auch Kaffee aus ihren Pappbechern schlürfen. Meinen Lieblings-Taco-Stand haben die Behörden leider schließen lassen - ich habe nicht recherchiert warum.

Wie sieht für Sie ein perfekter Sonntag aus?

Sonnenberg: So wie ich ihn mir am Samstag überhaupt nicht vorgestellt hätte, und er muss sich definitiv fern des Büros abspielen.

Was vermissen Sie am meisten aus Ihrer Heimat?  

Sonnenberg: Ich könnte ja jetzt der einfachheithalber sagen, die Wurst, das Brot, das Bier. Aber leider ist das zum Schluss wieder ein leidiges Thema. Ich vermisse in Mexiko tatsächlich die Unbeschwertheit, das Haus zu verlassen und sicher zu sein, dass nichts passiert. Dass es meiner Familie und meinen Freunden noch gut geht, wenn ich von der Dienstreise zurückkomme. Ich lebe sehr gerne hier und genieße die andere Kultur und meine spannende Arbeit, aber es ist nicht das Land, in dem ich alt werden möchte. Man lernt sein eigenes Land zu schätzen, wenn man hier ist und viel mehr auf sich aufpassen muss, als man das von zu Hause gewöhnt ist.

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