Stand: 27.02.2020 17:19 Uhr

Zwischen Turbo-Kapitalismus und Kommunismus in China

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Daniel Satra ist seit Juli 2019 für die ARD als Korrespondent in China tätig.

Daniel Satra (45) wurde in Hannover geboren, hat in Göttingen und Prag Soziologie, Medienwissenschaften und Slawistik studiert und anschließend als Redakteur beim Tschechischen Rundfunk gearbeitet. Nach seinem NDR-Volontariat berichtete er in Hamburg als Reporter für Tagesschau, Tagesthemen, Morgen- und Mittagsmagazin und war zu Auslandseinsätzen in den ARD Studios London, Washington, Singapur und Tokio. Bereits 2009/2010 arbeitete Daniel Satra im ARD Studio Peking als Junior-Korrespondent und war seitdem immer wieder zu Arbeitseinsätzen in China. Seit Juli 2019 ist er Korrespondent im ARD-Studio in Peking.
Auf Twitter können Sie Daniel Satra folgen unter: @ChinaMonitoring.

Welche Auswirkungen hat der Ausbruch des Corona-Virus auf Ihre Arbeit?

Daniel Satra: Aufgrund der Virus-Krise in China bin ich von einer Auslandsreise statt nach Peking nach Hamburg geflogen, um für eine Weile quasi als "Korrespondent in Umleitung" das Team in Peking vom NDR in Hamburg aus zu unterstützen. Denn in Peking hätte ich nach meiner Rückkehr zwei Wochen in Quarantäne gemusst, ohne meine Wohnung verlassen zu dürfen und damit nicht arbeiten zu können. Mittlerweile haben die Behörden in Peking diese Maßnahmen zurückgefahren, aber das Corona-Virus hat mich komplett aus der Bahn geworfen - eben noch Asien, dann schon in Deutschland gestrandet.

Wie gestaltet sich derzeit das Leben in China? Ist ein "normaler" Alltag überhaupt möglich?

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Überall in Peking tragen die Menschen Atemschutzmasken, nicht nur am Flughafen.

Satra: Von Kollegen und Freunden höre ich, dass in Peking nichts mehr so ist wie noch Ende Januar, als die Krise hochkochte. Peking erstickt sonst im Stau, jetzt sind die Straßen weitgehend leer. Die Shopping- und Ausgehmeile mit ihren zig Läden und Restaurants in unserer Pekinger Nachbarschaft ist sonst vollgestopft mit Menschen, jetzt ist dort tote Hose. Geschäfte und Restaurants sind fast alle geschlossen, die wenigen Menschen, die draußen unterwegs sind, tragen alle Atemschutzmasken - und wer diese mal vergisst, wird von Aufpassern, die an jeder Ecke kontrollieren, sofort gemaßregelt. Eine Freundin erzählte: "Wer in der Öffentlichkeit hustet, wird sehr schräg angeguckt." Sie empfindet das Leben in Peking gerade als sehr beklemmend.

Muss die Bevölkerung mit Versorgungsengpässen rechnen?

Satra: Es gab immer Gerüchte, das Lebensmittel knapp werden könnten oder Dinge des täglichen Bedarfs. Das hat in Hongkong zum Beispiel dazu geführt, dass die Menschen die Läden gestürmt haben um beispielsweise Toilettenpapier zu horten, aus Angst, die stillstehenden Fabriken würden zu einem Versorgungsengpass führen. Ich glaube jedoch, dass vor allem die Städte in China vorerst keine Engpässe fürchten müssen - mit Ausnahme von abgelegenen Gebieten oder in der abgeriegelten Millionenstadt Wuhan und der Provinz Hubei. Dort ist der Brennpunkt der Krise und die Versorgungslage deutlich schwieriger. Zudem kann niemand sagen, wie lange die Krise noch andauert und was das für den Alltag auch in Peking und andernorts in China bedeuten wird. Wo es allerdings gleich zu Beginn der Krise knapp wurde: Atemschutzmasken, Schutzkleidung für medizinisches Personal und Desinfektionsmittel - da waren plötzlich in China die Läden, Apotheken und Online-Anbieter ausverkauft. Auch im Studio Peking mussten wir Masken aus Deutschland bestellen.

Was hat Sie bis jetzt in Ihrer Korrespondenten-Wahlheimat am meisten beeindruckt?

Satra: Dass in China beides geht: Turbo-Kapitalismus und Kommunismus gleichzeitig. In der Theorie ist das ein krasser Widerspruch, im chinesischen Alltag ist das völlig normal. Die Menschen tragen Markenkleidung, fahren Mercedes, BMW oder Tesla und für viele ist der Konsum und das Zurschaustellen teurer Dinge enorm wichtig. Auf der anderen Seite verdonnert die Kommunistische Partei ihre Mitglieder zu Wochenendseminaren, in denen sie Marxismus büffeln müssen. Wie passt das zusammen? Wie lange geht das gut? China wirft viele Fragen auf und ich kann ganz nah dran Antworten suchen. Das ist einfach großartig.

Was hat Sie am meisten schockiert?

Satra: Schon 2009/2010, als ich das erste Mal für eineinhalb Jahre in China gelebt und für NDR und ARD berichtet habe, war das krass: Wer rote Linien überschreitet, wer andere Ansichten als die Kommunistische Partei hat, der wird drangsaliert, bedroht oder weggesperrt. Damals hofften wir alle: Chinas wirtschaftliche Öffnung und die Globalisierung werden das autoritäre System entschärfen - weniger Diktatur, mehr Demokratie. Damit lagen wir falsch: Heute gibt es weder Rede- oder Pressefreiheit, noch können die Menschen mitbestimmen. Die Parteiführung gibt den Kurs vor, wer abweicht oder nicht zur vorgegebenen Linie passt, ist auf verlorenem Posten. Mehr denn je herrschen in China Zensur und Repression, die Führung hat dazu einen hochmodernen digitalen Überwachungsstaat installiert, der völlig beispiellos ist. Extrem darunter zu leiden haben zum Beispiel muslimische Minderheiten im autonomen Gebiet Xinjiang, die dort in Umerziehungslagern inhaftiert sind. Besonders schockierend finde ich, dass kein Staat der Welt, auch Deutschland nicht, China die Stirn bietet und mit Nachdruck und Konsequenz die Menschenrechtslage anprangert. Das passiert allenfalls am Rande, denn China ist einfach ein zu wichtiger Handelspartner.

Welche Geschichte wollen Sie unbedingt in Ihrer Zeit als Korrespondent erzählen?

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Die Geschichte der kleinen Guo Guo liegt Daniel Satra besonders am Herzen.

Satra: Wir haben das dreijährige Mädchen Guo Guo kennen gelernt, das auf dem Dorf mit seiner Oma lebt, während seine Eltern 1.000 Kilometer weit weg als Wanderarbeiter in einer Fabrik arbeiten. Guo Guo sieht ihre Eltern nur im Video-Chat auf dem Smartphone oder einmal im Jahr, wenn sie zum Neujahrsfest nach Hause reisen. Aus unserer Sicht eine traurige Kindheit, aber die Eltern wollen unbedingt, dass Guo Guo einmal studiert, dafür schuften sie und nehmen die Trennung in Kauf. Ich wäre gerne mit der Kamera dabei, wenn Guo Guos erster Uni-Tag ist, so circa in 16 Jahren - unrealistisch, aber eine schöne Vorstellung.

Was ist die größte Herausforderung für die Zusammenarbeit mit den Redaktionen in Deutschland?

Satra: Vor allem die Winterzeit mit sieben Stunden Zeitverschiebung ist hart. Wenn Deutschland um 13 Uhr Mittagessen geht, ist es bei uns in Peking schon 20 Uhr. Da wird’s oft sehr spät.

Was haben Sie bei jeder Drehreise dabei?

Satra: Ladegerät und Powerbank fürs Handy, Mütze für die Glatze und immer ein bisschen Bargeld. In China kann man zwar überall - ob im Taxi, Restaurant oder am Gemüsestand - mit Smartphone-App digital bezahlen, aber fürs Gefühl finde ich etwas Bargeld in der Tasche immer ganz gut.

Was war bisher die größte Panne, die Ihnen widerfahren ist?

Satra: Am Ende einer Taxifahrt war der Handy-Akku leer und ich hatte kein Bargeld dabei. Aber Pekinger Taxifahrer kennen das zum Glück und haben für jedes Handy der Welt das passende Ladekabel.

Mussten Sie aus Höflichkeit bei einer Drehreise schon mal Merkwürdiges essen oder trinken?

Satra: Ja. Und dabei gilt auch in China: Manchmal gewinnt man, manchmal verliert man! Das meiste, was ich probiert habe, war ausgesprochen lecker, aber einmal gab es sauer eingelegten Stinke-Tofu, das war nicht so meins. Zum Glück gibt es an einer chinesischen Tafel immer viele Speisen, von denen alle reihum etwas essen. Da kann man sich schnell mit einem leckeren Happen retten.

Welcher ist Ihr Lieblingsplatz in Peking?

Satra: Im Frühsommer im Park in Peking, das ist toll. Da könnte ich stundenlang den Menschen zugucken, vor allem den alten Pekingern. Die treffen sich, um gemeinsam alte  kommunistische Lieder zu schmettern, Tango oder andere Paartänze aufzuführen oder auch chinesisch Hacky Sack zu spielen - dabei steht man zu dritt oder viert im Kreis, schießt ein Säckchen oder einen Federball hin und her, der nicht auf den Boden fallen darf. Keiner rastet, keiner rostet.

Wie sieht für Sie ein perfekter Sonntag aus?

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Daniel Satra tankt gerne frische Luft auf der Chinesischen Mauer.

Satra: Raus aus Stadt zur Großen Mauer fahren, ein paar Stunden bergauf und bergab wandern und danach im sehr rustikalen kleinen Dorfrestaurant ausruhen und frische Forelle vom Grill sowie knusprig gebackene Auberginen genießen. 

Was vermissen Sie am meisten aus Ihrer Heimat?

Satra: Familie, Freunde, frische Luft sowie ab und zu mal eine leckere Portion Curry-Pommes.

Was macht für Sie der Beruf der Auslandkorrespondenten so besonders?

Satra: In Peking ist man mitten im Leben, es ist laut, wuselig und wo gestern noch ein Haus stand, ist heute schon eine Baustelle. Alles ist ständig in Bewegung. Da kommt keine Langeweile auf. Und nirgends auf der Welt erlebe ich so krasse Kontraste: Reiche Großstädter in modernen Glitzermetropolen, arme Dorfbewohner in abgehängten Provinzen. Digitalisierung, High-Tech, wissenschaftlicher Fortschritt, aber auch zugleich Unterdrückung, Überwachung und die Allmacht der Kommunistischen Partei. Spannender geht kaum. 

Wenn Sie nicht Korrespondent geworden wären, dann wären Sie ....?

Satra: … öfter mal im Schrebergarten oder an Nord- und Ostsee eine Runde Windsurfen.

Haben Sie ein spezielles Ritual zum Abschalten, beispielswiese nach einer anstrengenden Berichterstattung oder bei Themen, die einem persönlich unter die Haut gehen? Wie schafft man es, diese Dinge nicht allzu sehr an sich heranzulassen?

Satra: Für mich funktioniert: Reden. Zum Beispiel, wenn wir Tage lang in Hongkong bei den großen Protesten im Einsatz waren. Da waren wir ständig unter Zeitdruck, immer angespannt in einer schwer zu überblickenden Lage mit einer unberechenbaren Polizei und mitunter radikalen Demonstranten. Da hilft es mir, all das später jemanden zu erzählen und so diese Eindrücke zu verarbeiten.

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03:22

ARD Studio Peking

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Dieses Thema im Programm:

Weltbilder | 03.03.2020 | 23:23 Uhr