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Hanomag - Aufstieg und Fall einer Legende

Samstag, 05. Januar 2019, 11:30 bis 12:15 Uhr
Sonntag, 06. Januar 2019, 01:55 bis 02:40 Uhr

Ob Schlepper, Laster, Landmaschine oder Pkw - das Traditionsunternehmen Hanomag aus Hannover hat viele technische Meisterleistungen auf die Räder gestellt. Für den Wiederaufbau in der Nachkriegszeit waren Hanomag-Produkte unverzichtbar. Doch unternehmerische Fehlentscheidungen und ein kriminelles Geschäftsmodell führten in den Ruin. Längst existiert das Unternehmen nicht mehr, aber der Mythos Hanomag ist lebendiger denn je. Viele der alten Traktoren, Automobile und Lastwagen sind begehrte Sammlerobjekte.

Von Dampfmaschinen zum "Kommissbrot"

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Das Hanomag Kommissbrot ist das erste Auto, das in Deutschland in Serie gebaut wurde.

Die Geschichte von Hanomag begann Mitte des 19. Jahrhunderts in Linden, damals noch ein Dorf am Rand von Hannover, heute ein Stadtteil. 1835 gründete Georg Egestorf dort eine Eisen- und Maschinenfabrik, produzierte zunächst Dampfmaschinen. Doch im anbrechenden Zeitalter der Eisenbahn verlegte er sich schon bald auf die Herstellung von Lokomotiven. Mehr als 10.000 Loks wurden von Linden aus in die ganze Welt geliefert. Nach Egestorfs Tod 1868 hatte das Unternehmen wechselnde Besitzer. 1871 bekam es den Namen Hannoversche Maschinenbau Actien-Gesellschaft, aus dem später die Abkürzung Hanomag wurde. Auch die Produktpalette änderte sich: Nach der Jahrhundertwende kamen Automobile in Mode, ab 1925 baute Hanomag einen Kleinwagen, das sogenannte Kommissbrot.

Das erste Auto vom Fließband

Das Zehn-PS-Auto mit der kastigen Form eines Brotes wurde zum Verkaufsschlager. Als der kleine Hanomag auf den Markt kam, war er der erste deutsche Kleinwagen, der am Fließband gefertigt wurde und schrieb so ein Stück Automobilgeschichte. Von den insgesamt 16.000 produzierten Fahrzeugen sollen heute noch knapp 400 existieren. Sammler zahlen dafür hohe Preise.

Fertigung von A bis Z

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In Störy, einem Dorf am Harz, haben Hanomag-Freunde eine Werkstatt eingerichtet.

Neben Lokomotiven und Automobilen stellte Hanomag ab den 1920er-Jahren auch Lastwagen, Landmaschinen und Traktoren her. Zulieferer gab es fast keine, die meisten Teile wurden selbst gefertigt. Karl Wesche, der nahezu sein gesamtes Berufsleben bei Hanomag gearbeitet hat, erinnert sich an den Lärm in den Fabrikhallen: "Wir verstanden uns praktisch nur durch die Mundbewegungen, So konnte ich aus 20 Metern jeden verstehen." Die Arbeiter im Blechwerk bekamen sogar eine Lärmzulage. Seine Ausbildung begann Wesche 1940 mit einem Stundenlohn von zwölf Pfennig.

Produktion für die Kriegsmaschinerie

Der Aufstieg der Nationalsozialisten hatte auch für Hanomag dramatische Folgen. Die Produktion von Rüstungsgütern wurde zum Kerngeschäft. Neben der Stammbelegschaft mussten Tausende Zwangsarbeiter im Werk Flakgeschütze, Kettenfahrzeuge und Granaten herstellen. Mehrfach schlugen Fliegerbomben in den Hallen ein. Die Arbeiter wurden meist rechtzeitig gewarnt, doch es gab auch Tote. Nach Kriegsende besetzen englische Soldaten einen Teil des Werks. Schon im Juni 1945 lief die Produktion wieder an - trotz erheblicher Zerstörungen und unter schwierigsten Bedingungen.

Goldene Jahre nach dem Krieg

Mit der Treckerproduktion begannen nach dem Krieg die Boomjahre von Hanomag. 1950 arbeitete noch fast jeder vierte Deutsche in der Landwirtschaft. Entsprechend groß war die Nachfrage nach den neuen Viertakt-Schleppern, aber auch nach Lastwagen und Baumaschinen von Hanomag. Zu den besten Zeiten des Unternehmens arbeiten dort mehr als 13.000 Menschen. "Man fühlte sich als König, das ist der richtige Ausdruck, wir hatten Ansehen", blickt Karl Wesche zurück.

Ausverkauf auf Raten

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Die Transporter von Hanomag-Henschel trugen später das Mercedes-Zeichen.

Nach zahlreichen Besitzerwechseln war das Werk seit 1952 Teil des Rheinstahl-Konzerns. Doch der Konzern zeigte wenig Interesse an dem Fahrzeugbauer. Ende der 60er-Jahren litt Hanomag immer stärker unter dieser Unternehmenspolitik. Dringend notwendige Investitionen blieben aus. 1970 entschied Rheinstahl, die Traktoren-Produktion einzustellen - Hanomag verlor seinen Kernbereich. Ein Jahr zuvor war bereits die Lkw-Sparte mit Henschel zusammengelegt und schließlich an Mercedes verkauft worden.

Ein Aufsteiger tritt als Retter an

Die Wut der Hanomag-Beschäftigten äußerte sich immer wieder in Arbeitskämpfen. 1980 übernahm Horst Dieter Esch das Unternehmen. Der Sohn eines Schlossers aus Hannover hatte sich in Amerika vom Kartenabreißer zum Chef einer Autokino-Kette hochgearbeitet. Mit seiner Internationalen Baumaschinen Holding (IBH), wollte er den Weltmarkt aufmischen - mit Hanomag als Kernbereich. Das Erfolgsrezept war einfach: Fast ohne Eigenkapital kaufte er marode Unternehmen billig auf. Es entstand ein Imperium auf Pump, finanziert mit Bankkrediten und staatlichen Bürgschaften. Dafür versprach der smarte Unternehmer den Erhalt von Arbeitsplätzen. Doch Eschs große Pläne gerieten schnell ins Wanken. Die Konjunktur stockte und immer mehr Baumaschinen fanden keinen Abnehmer.

Die Scheinwelt bricht zusammen

Im November 1983 brach Eschs Scheinwelt zusammen. Rund 2.700 Beschäftigte verloren ihre Jobs. Mit der Insolvenz kamen die Geschäftspraktiken Eschs ans Licht. Mit gefälschten Auftragspapieren hatte er sich jahrelang Bankkredite erschlichen. Im März 1984 wurde Esch wegen Betrugs und Konkursverschleppung festgenommen und später verurteilt. Nach vier Jahren kam er aus der Haft frei und übernahm in New York die zweitgrößte Modelagentur der Welt.

Hanomag baut noch immer Baumaschinen

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In den frühen 1960er-Jahren baute Hanomag die Kettenraupe K10.

Drei hannoversche Mittelständler versuchten, Hanomag mit kleinerer Belegschaft weiterzuführen. 1989 übernahm der japanische Baumaschinen-Konzern Komatsu die Aktienmehrheit. Heute ist Hanomag ganz in dessen Besitz. Rund 650 Mitarbeiter bauen in Hannover Bagger und Radlader zusammen. Doch der größte Teil des einst 44 Hektar großen Hanomag-Geländes wird heute anders genutzt. Die meisten alten Produktionshallen sind längst abgerissen oder in Gewerbe- und Wohnraum umgewandelt. Nur wenig erinnert an das ruhmreiche Unternehmen Hanomag, das mit seinen Produkten die Geschichte der Mobilität maßgeblich geprägt hat.

Die Dokumentation erzählt in authentischen Bildern und emotionalen Interviews die faszinierende Geschichte vom dramatischen Aufstieg und Niedergang des hannoverschen Traditionsunternehmens.

Gefördert mit Mitteln der nordmedia - Film- und Mediengesellschaft Niedersachsen/Bremen mbH.

Leitung der Sendung
Andrea Lütke
Redaktion
Susanne Wachhaus
Autor/in
Sascha Schmidt
Producer
Micha Bojanowski
Kamera
Micha Bojanowski
Produktionsleiter/in
Frederik Keunecke

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