Sendedatum: 29.04.2018 19:30 Uhr

Zeitreise: Der erste Waldkindergarten Deutschlands

von Janina Harder

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Der Waldkindergarten in Flensburg ist der erste seiner Art in Deutschland.

Am 3. Mai ist der internationale Waldkindergartentag. Dieses Datum ist nach dem Gründungstag des ersten offiziellen Waldkindergartens in Deutschlands in Flensburg festgelegt worden. Petra Jäger ist von Anfang an dabei und hat das Konzept vor 25 Jahren von Dänemark nach Deutschland geholt. Noch heute arbeitet sie im selben Wald im selben Kindergarten, den sie damals zusammen mit ihrer Freundin Kerstin Jebsen gegründet hat.

Kinder und Betreuerinnen sitzen im Waldkindergarten in einem Kreis.

Flensburg 1993: Erster Waldkindergarten öffnet

Schleswig-Holstein Magazin -

Vor 25 Jahren begann die Geschichte der Waldkindergärten in der Bundesrepublik. Petra Jäger und Kerstin Jebsen haben das Konzept von Dänemark nach Deutschland geholt.

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Täglich an der frischen Luft

Mit 17 Kindern und bis zu vier Betreuern sind sie bis zu vier Stunden draußen - bei jedem Wetter, ohne Spielzeug. Der Wald bietet viele Denkanstöße. Aus einem Stock wird ein Schwert, eine Hacke oder ein Kochlöffel. Aus einem Baumstamm ein Piratenschiff. "Geduld, Ausdauer und Konzentration verlangt die Natur jeden Tag", sagt Petra Jäger. "Man kann mit fertigem Spielzeug schnell zu einem Ergebnis kommen. Hier ist es so, dass die Fantasie und Kreativität mit ins Spiel reingehört."

Ursprung stammt aus Dänemark

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Lernen und Bewegen an der frischen Luft: Das Konzept ist von den Dänen inspiriert.

Mittlerweile gibt es etwa 2.000 Waldkindergärten in Deutschland und das Pädagogik-Konzept ist in der breiten Gesellschaft angekommen. Aber bis dahin war es ein langer Weg. Der Ursprung des Konzepts stammt aus Dänemark. Kerstin Jebsen stieß 1991 auf einen Zeitschriftenartikel, in dem eine Mutter vom Waldkindergarten ihrer Kinder bei Kopenhagen berichtete. Sofort waren sie und Petra Jäger Feuer und Flamme. Kurz darauf überzeugten sie sich vor Ort davon, dass Wald und Natur sich positiv auf die gesunde Entwicklung und das Befinden der Kinder auswirken. Die beiden wollten unbedingt auch einen Waldkindergarten gründen. Dann galt es, das auch den Behörden klarzumachen, die den ersten offiziellen Waldkindergarten genehmigen sollten.

Überzeugendes Pädagogik-Konzept?

Es waren Zeiten leerer Stadtkassen. Kindergärten mussten wegen Kindermangels schließen. Mit einem Konzept zu überzeugen, das in kein Raster passte, war schwierig. Und so scheiterten sie im ersten Anlauf. "Wir haben beide auch die Traurigkeit gespürt, dass das in dem Moment nicht weiter ging," sagt Petra Jäger. Aber Kerstin habe ihr Mut gemacht, es noch einmal zu probieren. "Wir haben letztendlich immer dran geglaubt, dass wir es schaffen können", so Kerstin Jebsen. Jeden Tag brüteten sie über ihrem Konzept und überarbeiteten es. Zuerst neben ihren Vollzeitjobs, dann ließen sie sich sogar ein Jahr von der Arbeit freistellen. Sie versuchten, auf alle möglichen Fragen, die man ihnen stellen könnte, Antworten zu finden. Fachliteratur zu dem Thema gab es damals noch nicht.

Überzeugungsarbeit beim Förster leisten

Die erste Hürde damals: Der Revierförster der Stadt Flensburg. Wenn er nicht zustimmt, ist das Konzept zum Scheitern verurteilt. An einem Winterabend waren sie mit ihm in seinem Försterhaus mitten im Wald verabredet. Mit Taschenlampen bahnten sie sich ihren Weg durch die dunkle Marienhölzung. Er hatte klare Vorstellungen: Ihm ging es um die Sicherheit der Kinder - dass bestimmte Äste und Bäume bei Sturm eine Gefahr sind. Aber auch darum, dass die Wildtiere nicht gestört werden. Gemeinsam kamen sie überein, dass sie bei starkem Wind eine rettende Sturmhütte aufsuchen und die Kinder in die entlegenen Wildtiergebiete ohnehin nicht kämen. Mittlerweile sind Förster Jörn Hinze und die beiden Erzieherinnen gute Bekannte, treffen sich heute nach 25 Jahren wieder vor dem Försterhaus und lassen das damalige Treffen Revue passieren. Der Förster ist über die Jahre ein wichtiger Ansprechpartner für die Kinder geworden.

Der nächste Schritt ist das Sozialministerium

Als nächstes mussten die beiden jungen Frauen das Sozialministerium in Kiel überzeugen. Um offiziell anerkannt zu werden, brauchten sie die Zustimmung vom Land und der Stadt Flensburg. Harald Otto, Referent für Kindertagesstätten im Sozialministerium, war es wichtig, dass der Waldkindergarten ausreichend auf die Schule vorbereitet. Die Erzieherinnen konnten ihn davon überzeugen, dass auch der Waldkindergarten auf den Umgang mit Papier und Bleistift vorbereiten kann. "Wenn die Kinder mit Eicheln, mit Bucheckern oder mit Moos Figuren herstellen und damit spielen, wird auch ihre Feinmotorik geschult", war auch er nach dem Gespräch mit den beiden Frauen überzeugt. Auch ist er ehemaliger Pfadfinder und konnte sich das Konzept nun doch ganz gut vorstellen.

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Auch Gesundheitsamt muss zustimmen

In der Stadt Flensburg hatten die Entscheidungsträger dann noch viele andere Fragen: Ist es im Winter nicht zu kalt? Was ist, wenn es zu stark regnet oder stürmt? Was passiert, wenn es keine räumliche Begrenzung für die Kinder gibt? Rennen sie dann weg? Und was macht man mit kleinen Kindern ohne Toilette mitten im Wald? "Also musste das Gesundheitsamt mal mit der Lupe darauf gucken, ob alles so bei uns in Ordnung ist", sagt Petra Jäger. "Ich glaube schon, dass einigen das klar war, wenn wir das Konzept hier genehmigen, offiziell, dann wird es auch Leute geben, die es auch machen möchten." Nach anfänglichen Bedenken genehmigte auch der Amtsarzt vom Gesundheitsamt den Waldkindergarten. Bei der Toiletten-Frage empfahlt er zum Beispiel, einen Klappspaten mitzunehmen und die jeweilige Stelle dann zu kennzeichnen.

Ziel endlich erreicht

Rückblickend hat die meist schon älteren Entscheidungsträger eins besonders überzeugt: "Wenn wir gefragt haben, wie war Ihre Kindheit? Wo haben Sie gespielt? Was hat Sie glücklich gemacht? Das hatte immer mit Natur zu tun - bei allen, mit denen wir gesprochen haben", sagt Kerstin Jebsen und schmunzelt. Die Erinnerung an eigene Naturerlebnisse lässt die Bedenkenträger weich werden. Am 3. Mai 1993 darf der Waldkindergarten dann endlich eröffnen. Mittlerweile hilft Petra Jäger Erziehern in vielen anderen Ländern, Waldkindergärten aufzubauen. Sogar in Südkorea ist sie eine gefragte Expertin, wenn es darum geht, Kinder im Einklang mit der Natur aufwachsen zu lassen. Und ansonsten ist sie natürlich immer noch Erzieherin in ihrem Waldkindergarten, in der Marienhölzung in Flensburg.

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Schleswig-Holstein Magazin | 29.04.2018 | 19:30 Uhr