Zeitreise: Vergessene Akten aus dem Kieler Archiv

Stand: 14.10.2021 17:51 Uhr

Erlittenes Unrecht zwischen Aktendeckeln: In Ordnern aus dem Kieler Archiv werden Fälle erzählt, in denen es um Menschen geht, die während der NS-Zeit viel Leid erfahren mussten.

von Karl Dahmen

Agnes Jepsen hatte nichts Unrechtes getan und trotzdem wurde sie Ende 1944 verhaftet. Ein Widerstandskämpfer hatte unter der Folter den Namen ihres Ehemannes als Hochverräter genannt. Der aber war unschuldig. Dennoch wurden er, seine Frau und seine Tochter eingesperrt. Im Arbeitslager Kiel-Russee versuchte Agnes Jepsen, in einen dunklen feuchten Keller zu überleben. 51 Jahre war sie da alt und musste fast drei Wochen bei Eiseskälte und Nässe und bei völliger Dunkelheit auf einem Betonboden ausharren. Schwer krank und innerlich zutiefst verletzt wurde sie entlassen - mit gesundheitlichen Schäden, von denen sich Agnes Jepsen nie wieder erholte.

Vor dem Zerfall gerettet

Ihr Fall wird in einem der Aktenordner erzählt, die nun zum ersten Mal veröffentlicht werden. Bisher waren sie vergessen, in Aktenschränken im Kieler Stadtarchiv ungelesen verwahrt. Langsam fraß sich die Zeit durch das Papier, das langsam gelb wurde und sich auflöste. Erst mit einem finanziellen Zuschuss des Landes konnten die Papiere und damit die auf ihnen erzählten Geschichten gerettet werden.

In den Aktenordnern wird von mehr als 500 Fällen erzählt, in denen Menschen vom NS-Regime Unrecht angetan wurde und die deshalb 1946 eine Wiedergutmachung einfordern. Das reicht von finanzieller Unterstützung oder der Bewilligung einer Wohnung, bis zu einem einfachen Radio. 

Die Akten und die wiedergefundenen Geschichten der NS-Opfer

Für die Historikerin Karen Bruhn vom Historischen Seminar in Kiel ist der Fund in den Archiven ein "absoluter Quellenschatz". Man kann in ihnen nicht nur die Abläufe von Wiedergutmachungsverfahren kennenlernen, sondern auch anhand von Einzelbiografien viel über die Mentalität der Gesellschaft im Nachkriegsdeutschland erfahren. Diese sei nach 1945 noch gar nicht bereit gewesen für eine Aufarbeitung des Nationalsozialismus. Immer noch wurde das Vokabular der NS-Zeit verwendet. Menschen, die mit dem NS-Regime in Konflikt geraten waren, wurden immer noch an den Rand der Gesellschaft gedrängt, weil es eine Kontinuität in den Köpfen gab. Darunter hatten vor allem auch Homosexuelle und Sinti und Roma zu leiden, denen man jegliche Ansprüche für erfahrenes Leid versagte.  

Auch für die Archivarin Jutta Briel ist der Archivfund ein Schatz. Für sie ist es nicht nur ein "Stück Geschichte", sondern in ihm wird das Leid der von den NS-Tätern verfolgten Menschen lebendig und erfahrbar - mit Briefen, Handschriften und vielen anderen Dokumenten. Geschichte wird so für sie nacherlebbar. Und sie ist sehr froh, dass das bröselig werdende Papier erhalten konnte.

Ein paar Lebensmittelkarten

Agnes Jepsen schreibt später in ihrem Antrag auf Wiedergutmachung: "Ich war völlig unschuldig, wurde aber beschuldigt, für die 'Rote Hilfe' gearbeitet zu haben. Sie steckten mich in Einzelhaft, in die bekannten und berüchtigten Wasserzellen. Ich war im ständigen Dunkeln und war der Nässe und der Kälte ausgesetzt - und das 18 Tage lang". Sie hat für ihr Leid, für die erlittene Folter und den in Kiel-Russee erfahrenen Terror schließlich ein paar Lebensmittelkarten als Entschädigung bekommen. Mit den Auswirkungen der Quälereien im Arbeitslager, in dem 578 Häftlinge ermordet wurden, hatte Agnes Jepsen bis zu ihrem Lebensende zu kämpfen. Bereits im Sommer 1947 ist Agnes Jepsen an den Folgen der Haft gestorben.

Archiv
Dampflokomotive aus dem 19. Jahrhundert. © dpa - report Foto: Votava

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Schleswig-Holstein Magazin | 17.10.2021 | 19:30 Uhr