Sendedatum: 14.09.2014 19:30 Uhr  | Archiv

Zeitreise: Späte Aufarbeitung

Ein historisches Foto von SS-Mann Ernst Szymanowski © NDR Foto: NDR
Ernst Szymanowski wurde vom Probst zum SS-Einsatzgruppenleiter mit neuem Namen: Ernst Biberstein

Es liegt ein dunkler Schatten auf der Kaltenkirchener Kirchengemeinde St. Michaelis: die Vergangenheit ihres ehemaligen Pastors Ernst Szymanowski. Von 1927-1933 predigt der überzeugte Nationalsozialist völkisch-national und die Gemeinde folgt begeistert seinen Worten. Er wird Probst. 1936 geht er nach Berlin, tritt aus der Kirche aus und geht zur SS. 1943, als die Deportation der europäischen Juden in die Konzentrationslager im Osten in vollem Gange sind, ändert er seinen Namen in Biberstein, weil ihm Szymanowski zu slawisch klingt.

Als SS-Einsatzgruppenleiter Ernst Biberstein geht er in die Ukraine und wird dort zum Massenmörder: Dort ist er für die Erschießung von mindestens 2.000- 3.000 Juden verantwortlich. 1947 wird er im Einsatzgruppenleiterprozess in Nürnberg als Kriegsverbrecher zum Tode verurteilt - ein einmaliger Fall. Doch in der St. Michaeliskirche ist von all dem nichts zu sehen. Im Gegenteil: eine vollständig wirkende Pastoren-Bildergalerie in der Sakristei verschweigt, dass es diesen Pastor überhaupt gegeben hat.

Theologe sucht moralische Auseinandersetzung

Ein Personenregister © NDR Foto: NDR
Im Landeskirchenarchiv steht der ehemalige Pastor Szymanowski drin - von seiner Verurteilung und den Verbrechen wird nichts erwähnt.

Der Alvesloer Theologe Gerhard Hoch hat in den 1970er Jahren angefangen, die Geschichte Kaltenkirchens im Nationalsozialismus zu erforschen und ist dabei auf eine Kultur des Schweigens gestoßen. Er hat lange für eine offene Auseinandersetzung mit der Vergangenheit der Stadt und im Besonderen der Kirchengemeinde gekämpft - vergebens. Das bestätigt der Historiker Stephan Linck vom Landeskirchenarchiv, der sich seit Jahren mit der Geschichte der Aufarbeitung beschäftigt. Er sagt, Hoch habe eine moralische Auseinandersetzung gesucht, zu dem seine Gegner nicht in der Lage gewesen seien. Gerhard Hoch fordert seit Langem, dass Szymanowski-Biberstein sichtbar gemacht werden muss.

Die Kirchengemeinde will die Geschichte sichtbar machen, hat es aber bisher nicht geschafft. Es ist wie eine offene Wunde, sagt Pastorin Martina Dittkrist. Und es brauche Zeit, diese zu heilen. Gerhard Hoch ist jetzt 91 Jahre alt und er hofft, dass er das noch erleben wird.

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Schleswig-Holstein Magazin | 14.09.2014 | 19:30 Uhr

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