Zeitreise: Schleswig-Holstein und das Geschenk der Briten

Stand: 20.08.2021 12:13 Uhr

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der Kapitulation Deutschlands wurde das Land in vier Besatzungszonen aufgeteilt: Schleswig-Holstein kam in den britischen Einflussbereich.

von Karl Dahmen

Von den Dalben im Hafen von Kiel-Friedrichsort an, da begann Großbritannien. Auf dem Areal des Britischen Yachtclubs hat die Queen das Sagen. Mehr als sechs Jahrzehnte war das so und in dieser Zeit wandelte sich die Feindschaft zwischen Deutschen und Briten, die im Zweiten Weltkrieg herrschte, erst in Kooperation und dann in Freundschaft um. Vor fünf Jahren verließen dann die letzten Angehörigen der britischen Armee den Norden. Eine Ära war zu Ende. Mancher Brite ist aber auch geblieben. Simon Lockley war 25, als er 1986 im Britischen Yachtclub anfing zu arbeiten. Drei Jahre blieb er dort. Eine ungemein spannende Zeit, die er nicht missen möchte. Heute ist er Inhaber eines Fahrradladens in Kiel und mit vielen Schleswig-Holsteinern befreundet. Vor 75 Jahren war diese Entwicklung noch nicht abzusehen.

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Wehrmachtssoldaten ergeben sich 1945 und halten weiße Tücher hoch. © picture alliance/akg-images Foto: akg-images

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Die Kapitulation und Besatzungszonen

Im Mai 1945 überquerten britische Pioniereinheiten die Elbe und das letzte Kapitel des Zweiten Weltkriegs für Schleswig-Holstein begann. In rasender Geschwindigkeit kämpften sich die Briten Richtung Norden. Am 5. Mai erklärte sich Kiel zur offenen Stadt, nun schwiegen die Waffen in der Fördestadt. Am 8. Mai 1945 kapitulierte Deutschland. In Europa ist der Krieg zu Ende und Deutschland wurde in Besatzungszonen eingeteilt. Schleswig-Holstein kam in den britischen Einflussbereich.

"Changing the Hearts"

Großbritannien ist eine erfahrene Kolonialmacht, sagt der Historiker Uwe Danker. Die britischen Beamten gingen mit Pragmatismus und auch Optimismus an die Arbeit. Ihr Hauptziel war es, den Deutschen die Demokratie zu "verordnen". Ein heikles Unterfangen, denn immerhin hatten diese fast die Demokratie der Weimarer Republik preisgegeben. Die Herzen der Deutschen sollten bewusst geändert werden, meint Uwe Danker, denn die Briten hatten festgestellt, dass der deutsche Nationalcharakter zum Extremen und Autoritären neige. Die Antwort der Briten darauf war ein "Changing the Hearts". Die Briten erlaubten, dass sich bereits im Sommer 1945 wieder Parteien bilden durften. Ein Jahr später gab es bereits Wahlen auf Kreisebene und im April 1947 durften die Schleswig-Holsteiner ihren ersten Landtag wählen.

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Eröffnungssitzung der Regierung des Landes Schleswig-Holstein am 2. Dezember 1946 in Kiel © picture-alliance / dpa

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Das Geschenk der Briten

Aber die Briten ließen die Deutschen nicht einfach gewähren: Sie achteten sehr genau darauf, dass die demokratischen Spielregeln eingehalten wurden. Als der erste ernannte Landtag 1946 zum ersten Mal zusammentrat, durfte der damalige Oberpräsident Theodor Steltzer nur eine Rede vortragen, die er zuvor der britischen Behörde zur Genehmigung vorgelegt hatte. Für Danker ist die Demokratie ein Geschenk der Briten. Die fühlten sich relativ rasch im Norden wohl. Die Briten gelten als ein Seefahrervolk und so wurde bereits im August 1945 die "Kiel Week" abgehalten, wobei sie Segelboote nutzten, die sie im Kieler Olympiahafen erbeutet hatten.

Vom Feind zum Freund

Am 26. August 2016 holten die Briten die Flagge im Britischen Yachtclub in Kiel ein. Seitdem wächst Gras, Moos und kleine Bäume auf den Bootsstegen. Inzwischen hat die Landeshauptstadt Kiel das Gelände erworben und will es im kommenden Jahr instandsetzen. Dann wird auch Simon Lockley wieder hierher fahren. Ein Brite, der sich heute als Kieler fühlt.

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Dampflokomotive aus dem 19. Jahrhundert. © dpa - report Foto: Votava

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Schleswig-Holstein Magazin | 22.08.2021 | 19:30 Uhr