Die Geschichte hinter der Torten-Mumie aus der Bombennacht

Stand: 02.01.2022 06:00 Uhr

Im September machten Lübecker Archäologen eine spektakuläre Entdeckung: eine unter Trümmern konservierte Nusstorte von 1942. Jetzt gibt es Hinweise darauf, wem die Torte damals gehört haben könnte.

von Philip Schroeder

Wer im Moment bei den Lübecker Archäologen anfragt und die "Nusstorte aus der Bombennacht" filmen will, der beißt auf Granit - keine Fotos, keine Filmaufnahmen. Zu empfindlich ist der 79 Jahre alte Kuchen, als dass man ihn ständig aus dem klimatisierten Plastikbeutel holen könnte. Die Nusstorte ist geschrumpft, wie mumifiziert durch die Hitze der Brandnacht, tiefbraun verfärbt - aber man erkennt noch: Das war mal ein Prachtstück, mit Glasur, Dekoration und Krokant. Dafür musste man damals, 1942, erstmal die nötigen Mengen an Fett, Zucker, Eiern zusammenbekommen. Es war Krieg und alles rationiert.

War es die Torte der Urgroßmutter?

Frank-Timo Lange lebt in Berlin, ist aber gebürtiger Lübecker - und kommt regelmäßig in seine Heimatstadt. Nach den vielen Medienberichten über die "Torten-Mumie von Lübeck" erst recht. Lange glaubt: Die Nusstorte könnte seiner Urgroßmutter gehört haben. Dagmar Hitze hieß sie. "Zu 100 Prozent sicher lässt sich das nie beweisen - aber sie wurde auf dem Grundstück gefunden, das bis in die 1950er-Jahre meiner Urgroßmutter gehört hat: Alfstraße 18. Und meine Urgroßmutter war gutbürgerlich, legte Wert auf die Kaffeetafel am Sonntag. Ich kann mir schon vorstellen, dass sie eine Torte in der Speisekammer hatte", sagt Lange bei einem Ortstermin in der Alfstraße.

Erste Flächenbombardierung einer deutschen Großstadt

Es ist eine Nacht auf Sonntag, Palmsonntag, als am 28. März 1942 mehr als 200 Bomber der britischen Royal Air Force ihren Angriff auf Lübeck fliegen. Das erste Flächenbombardement gegen eine deutsche Großstadt: 320 Tote, 15.000 Obdachlose in Lübeck. Der fast drei Jahre zuvor von Nazi-Deutschland begonnene Krieg erreicht damit auch die Alfstraße. Sie wird schwer zerstört, große Teile der Lübecker Altstadt geraten in Brand - auch das Haus von Frank-Timo Langes Urgroßeltern.

"Meine Mutter war damals ein Kind, lebte mit meiner Großmutter ein paar Straßen weiter und hat mir erzählt, wie Urgroßmutter in der Bombennacht zu ihnen kam, nur in Nachthemd und Pelzmantel, Familienpapiere unter dem Arm, und sagte: Mein Haus ist abgebrannt. Es ist weg." Dagmar Hitze hat das nie verwunden, berichtet ihr Urenkel: "In meiner Familie wurde immer wieder erzählt, dass sie nicht mehr dieselbe war nach der Bombennacht."

Mumifizierte Torte steht für mehr als nur ein Schicksal

Das Haus der Familie Hitze - es wurde nicht wieder aufgebaut. Das Trümmergrundstück hat Frank-Timo Langes Urgroßmutter nach dem Krieg an die Stadt verkauft. Die Alfstraße gehört zu den Lübecker Altstadt-Ecken, denen man das Weltkulturerbe heute nicht mehr ansieht - der Krieg hat es hier ausgelöscht. Und die Torte? Soll weiter untersucht und konserviert werden, dann irgendwann Teil einer Ausstellung sein.

Frank-Timo Lange fände das gut. Wenn dann womöglich nie ganz geklärt werden kann, ob es wirklich die Sonntagstorte seiner Ur-Oma war, dann sei das nicht schlimm: "Meine Großmutter, der Verlust ihres Hauses, die Traumatisierung, das war ja kein Einzelschicksal", betont Lange. Zahllosen Menschen sei im Zweiten Weltkrieg Ähnliches widerfahren - in Lübeck, in Deutschland, in Europa und in der Welt. Deswegen ist die uralte Nusstorte von Lübeck auch keine Kuriosität, sondern Symbol für unermessliches Leid.

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Schleswig-Holstein Magazin | 02.01.2022 | 19:30 Uhr

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