Sendedatum: 28.01.2018 19:30 Uhr

Zeitreise: Kinder als Opfer der Nazi-Zeit

von Corinna Below

Eigentlich wollte er nur ein Buch über die bereits existierenden Gedenkorte für die Opfer des Nationalsozialismus im Kreis Segeberg schreiben. Doch nun hat der Historiker und Journalist Helge Buttkereit selbst einen Gedenkort initiiert: Durch Zufall ist er auf ein Verbrechen der NS-Zeit gestoßen, an das jetzt endlich erinnert werden kann.

Buttkereit macht schreckliche Entdeckung

Seit Jahren schon trägt er alles für einen Wegweiser zu allen Gedenkorten für die Opfer des Nationalsozialismus im Kreis Segeberg zusammen. Sein Ziel: eine Bestandsaufnahme. Ein Buch über die Gedenkorte schreiben wollte Helge Buttkereit schon lange. Seit seiner Jugend war er mit dem Begründer der KZ-Gedenkstätte Springhirsch bei Kaltenkirchen eng verbunden. Ganz in der Nähe, in Alveslohe, ist er aufgewachsen.

Helge Buttkereit arbeitet gegen das Vergessen

Pünktlich zum Holocaust-Gedenktag am 27. Januar 2018, ist Helge Buttkereits Buch erschienen: "Verdrängen - Vergessen - Erinnern. Ein Wegweiser zu den Gedenkorten an die Opfer der NS-Zeit im Kreis Segeberg".

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Mehr als sechs Millionen Juden wurden während der NS-Zeit von Deutschen systematisch ermordet. Jedes Jahr am 27. Januar erinnert ein Gedenktag an alle Opfer des Nationalsozialismus. mehr

Helge Buttkereit erzählt, dass er für das Buch bewusst nur zusammengetragen hat, was andere bereits geschrieben und recherchiert hatten. Denn hinter jeder Gedenkstätte stünden ja engagierte Menschen, die diese Gedenkstätten initiiert hätten. Nun ist Helge Buttkereit aber bei der Recherche doch auf etwas gestoßen, wozu es noch keinen Gedenkort gibt. Geschweige denn jemanden, der ihm dazu etwas hätte erzählen können.

Die Gräber von Zwangsarbeiter-Kindern

Kindergräber auf dem Sülfelder Friedhof haben ihn stutzig gemacht. Gräber von Kindern, die nur wenige Monate, Wochen oder sogar nur wenige Tage alt geworden sind. Wenn es hier Gräber von Kindern von Zwangsarbeiterinnen gibt, müsste es eigentlich auch woanders welche geben, hat er sich gesagt. Die Frage hat ihn daraufhin nicht mehr losgelassen. Obwohl er eigentlich nicht forschen wollte, hat er sich dann doch auf die Suche nach Quellen gemacht.

Das Deutsche Kriegsgräbergesetz griff nicht

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Helge Buttkereit will mehr über die toten Zwangsarbeiterkinder von Bad Bramstedt wissen und recherchiert in alle möglichen Richtungen.

In einem Karteikasten des Volksbunds Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. von 1954 stößt er auf Namen und Daten von Zwangsarbeiter-Kindern, deren Gräber auf dem Gelände des Bad Bramstedter Kirchenfriedhofes noch bis in die 50er-Jahre gelegen haben. Darauf auch der Hinweis, dass diese Gräber aufgelöst wurden. Ihre Gräber fielen damals nicht unter das Deutsche Kriegsgräbergesetz, nach welchem Kriegsgräber eine Ewigkeitsgarantie haben, hat Helge Buttkereit herausgefunden. Er sagt: "Diese Kinder, die hier geboren worden sind, sind schon damals 1944/1945 komplett ausgestoßen gewesen und dann sind sie noch mal in den 50er-Jahren von den Friedhöfen verschwunden, das ist natürlich einfach nur heftig."

Kinder verhungerten in "Ausländerkinderpflegestätten"

Er findet im Internet Hinweise auf eine sogenannte Ausländerkinderpflegestätte in Wiemersdorf und Zeitzeugenberichte dazu. Im Standesamt Bad Bramstedt Land fügt sich beides zusammen: Hier lagern die Sterbeanzeigen der Kinder: Mindestens zehn, vermutlich bis zu 15 Kinder sind in der Obhut des Kinderheimes in Wiemersdorf gestorben. Es sei ein Hohn, von Obhut zu sprechen, sagt Buttkereit: "In den Quellen steht Ernährungsstörung und Versagen des Kreislaufs. Man muss wohl einfach sagen, die Kinder sind verhungert." Die Kinder seien nur aufbewahrt worden, hätten einen halben Liter Milch und einen halben Würfel Zucker am Tag bekommen, während ihre Mütter, allesamt Zwangsarbeiterinnen aus Polen oder der Ukraine, auf Höfen oder in Fabriken der Umgebung von Wiemersdorf schuften mussten. Helge Buttkereit schlussfolgert: Die Kinder mussten sterben, weil ihr Leben als "unwert" galt. Weil sie schlicht zu wenig zu essen bekamen und die hygienischen Bedingungen katastrophal gewesen seien.

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Die toten Kinder von Wiemersdorf bekommen jetzt einen Gedenkort

Am Ende seiner Recherche steht nun das Vorhaben der Kirchengemeinde Bad Bramstedt und Wiemersdorf, für die verhungerten Zwangsarbeiter-Kinder einen Gedenkort zu schaffen: Eine Gedenktafel und ein Stein, dort, wo einst ihre Gräber gelegen haben. Im Sommer soll es soweit sein. Der Historiker und Journalist Helge Buttkereit freut sich sehr darüber. "Erst haben wir verdrängt, dann haben wir vergessen. Jetzt können wir an das Verbrechen an diesen Kindern erinnern", sagt er. Und er wünsche sich, dass seine Recherche anderen Mut macht, auch in ihren Dörfern zu recherchieren und zu forschen. Er ist sich sicher, dass es überall Geschichten, wie die der toten Kinder von Wiemersdorf, gibt.

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 28.01.2018 | 19:30 Uhr

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