Zeitreise: Kernkraftwerk Brokdorf geht nach 35 Jahren vom Netz

Stand: 19.12.2021 05:00 Uhr

Brokdorf im Kreis Steinburg in den 70er-Jahren. Ein Dorf, tief gespalten wegen einer Frage: Atomkraft ja oder nein? Es ist eine Geschichte von Protest. Von Angst vor der Nuklear-Katastrophe. Von absolutem Vertrauen in die Technik. Von Hoffnung auf volle Gemeindekassen. Vor 45 Jahren wurde das Kernkraftwerk gebaut, vor 35 Jahren ging es ans Netz. In wenigen Tagen wird es stillgelegt.

von Janina Harder

Ein Montag im Dezember. Es ist die letzte, die 425. Mahnwache, vor der Stilllegung des AKW in Brokdorf. Seit es 1986 ans Netz ging, haben sich Atomkraftgegner hier einmal im Monat getroffen. Etwa 30 Menschen stehen in einem Kreis, direkt vor dem Haupttor des Kernkraftwerks, singen Friedenslieder. Karsten Hinrichsen ist heute auch dabei. Seit 45 Jahren ist der Meteorologe aktiver Gegner des Atomkraftwerks. Er selbst wohnt in Brokdorf, seitdem der Bau geplant war. "So war ich schneller an Ort und Stelle, wo ich gebraucht wurde", sagt der Atomkraftgegner. Karsten Hinrichsen wohnt anderthalb Kilometer vom Kernkraftwerk entfernt. Er ist ausgerechnet in das Haus direkt gegenüber von der Person gezogen, die den AKW-Bau mit zu verantworten hat: Der ehemalige Bürgermeister Eggert Block. Zwei verfeindete Parteien direkt Auge in Auge - über Jahrzehnte.

Atomkraft-Gegner sind zusammen alt geworden

Ein Luftaufnahme zeigt das Panorama von Brokdorf mit dem AKW am Horizont. © NDR
Das AKW Brokdorf spaltet das Dorf.

Jetzt schiebt Karsten Hinrichsen sein Fahrrad in Richtung Mahnwache. Dort warten schon alte Bekannte auf ihn. Mit ihnen zusammen hat er unzählige Demos und Mahnwachen erlebt. Ein Mann mit rotem Kapuzenpullover und einer Protestflagge begrüßt ihn: "Lange nicht gesehen." Karsten Hinrichsen wandert um ihn herum, mustert ihn, guckt verblüfft auf seine Haare: "Hast Dich ein bisschen verändert", sagt er zu seinem Mitstreiter. "Bin grau geworden", antwortet dieser. Als junge Leute haben sie sich kennengelernt im gemeinsamen Kampf gegen die Atomkraft - gemeinsam sind sie auch gealtert. "Mein erster Beweggrund war, dass ich den Menschen hier vor Ort helfen wollte, weil ich einen Film darüber gesehen hatte", erzählt Hinrichsen. Das war 1975.

Ungeklärte Endlager-Frage und Angst vor Nuklearkatastrophen

Das geplante Kernkraftwerk Brokdorf ist damals das Medienthema schlechthin. Einige Brokdorfer Bürger schließen sich zu einer Klägergemeinschaft zusammen, um den Bau juristisch zu verhindern. "Das hat mich ziemlich stark beeindruckt", sagt der Atomkraft-Gegner. "Und dann habe ich mich gleich als einer der vielen Wissenschaftler angeschlossen, die dann diesen Prozess mit Argumenten begleitet haben." Seit Bekanntwerden der Bauplanung fürchten viele, dass Ruhe und unbedenkliches Leben endgültig der Vergangenheit angehören. Die Atomenergie gilt als Büchse der Pandora, einmal geöffnet, so ihre Sorge, werden den Menschen die Risiken der Technik über den Kopf wachsen. Ungeklärt war und ist, was mit dem über Jahrtausende strahlenden, hochradioaktiven Atommüll passieren soll und wie die Verantwortlichen garantieren wollen, dass es nicht zu Fehlern - und damit zu Nuklearkatastrophen - kommt.

Befürworter preisen Arbeitsplätze und hohe Steuereinnahmen an

Es gibt aber auch die andere Seite: Zum Beispiel den Brokdorfer Bürgermeister Eggert Block. Er wird vom Kritiker zum Befürworter. Der Besuch eines Atomkraftwerks in Frankreich soll laut eigener Aussage der Anstoß für seinen Meinungsumschwung gewesen sein. Es gibt aber auch andere Motive: In Kiel verhandelt der Bürgermeister mit der Landesregierung. Als er durchsetzen kann, dass Brokdorf im einschlägigen Regionalplan zum förderungswürdigen Naherholungsort wird, lässt Eggert Block seine Bedenken fallen und engagiert sich für den Bau des Kernkraftwerks. Damals erzählt er einem Fernsehreporter des NDR: "Wir haben immer darunter zu leiden gehabt, dass die jungen Leute dieser Region immer in den Raum Hamburg abwanderten, um dort diese Arbeitsplätze anzunehmen, die wir hier nicht bieten konnten." Viele Brokdorfer folgen seinen Argumenten.

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Das Atomkraftwerk in Brokdorf. © Chris Emil Janßen Foto: Chris Emil Janßen

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Bürgermeister treibt Bau des Atomkraftwerks aktiv voran

Außerdem locken den Bürgermeister damals hohe Steuereinnahmen, die mit dem Kernkraftwerk verbunden sind. So baut die Gemeinde im Jahr 1980 ein Schwimmbad, später noch eine Eissporthalle, eine Mehrzwecksporthalle und einen Kindergarten. Nicht schlecht für einen Ort mit damals 700 Einwohnern. Heute hat Brokdorf 1.000 Einwohner und Eggert Block ist 86 Jahre alt. Aus gesundheitlichen Gründen kann der ehemalige Bürgermeister nicht mit uns sprechen. Aber sein Sohn Thorsten Block. Er kann sich noch gut an die Zeit erinnern. "Er hat damals dafür gesorgt, dass dieses Kernkraftwerk hier gebaut worden ist, hat die Zustimmung dafür gegeben", erzählt der Bürgermeistersohn. Die kontroverse Zeit hat er als 18-jähriger, junger Mann erlebt. "Mein Vater hat natürlich auch viele Unannehmlichkeiten dafür ertragen müssen, auch unsere Familie", sagt er.

Bürgermeisterfamilie: unter Polizeischutz, wohnen hinter Panzerglas

Schon der Bau beginnt 1976 abgeriegelt um ein Uhr nachts - unter Polizeischutz, wie in einer Festung. Das trifft auch die Bürgermeisterfamilie. "Zu Spitzenzeiten, wenn die Großdemonstrationen hier waren, wo überall auch die Polizei herkam, hatten wir zu Hause und meine Eltern Personenschutz", erzählt Thorsten Block. So wurden beispielsweise die Wohnzimmerscheiben ausgetauscht durch schusssicheres Panzerglas. "Das war schon nicht ohne", sagt der 64-jährige heute. Einmal hätte er während der Proteste aus Sicherheitsgründen sein neues Auto beim Nachbarn abstellen wollen. Damals trägt er, wie bei vielen jungen Leuten üblich, einen Parka. "Als ich zurück nach Hause wollte, haben die Polizisten mich dann für einen Atomkraftgegner gehalten", erzählt Block. "Ich konnte mich nicht ausweisen - irgendwann konnten dann die Personenschützer den Irrtum aufklären und ich durfte zurück zu meiner Familie."

VIDEO: AKW Brokdorf wird stillgelegt - und dann? (5 Min)

Ministerpräsident Stoltenberg bezeichnet Demonstranten als "Terroristen"

Der Bürgermeistersohn bekommt dieses eine Mal fälschlicherweise das Misstrauen der Staatsgewalt gegenüber den Atomkraftgegnern zu spüren. Der damalige Ministerpäsident Gerhard Stoltenberg (CDU) bezeichnet die Demonstrierenden wiederholt als "Terroristen, linke Chaoten und Kommunisten". Die wehren sich ihrerseits dagegen, empfinden das als diffamierend. "Ich war weder links noch rechts, noch ein Terrorist, ich war einfach nur gegen Atomkraft", sagt Karsten Hinrichsen mit Nachdruck. Seinem Mitstreiter Andreas Panzlau war es ein Anliegen, "die Umwelt, unsere Mitgeschöpfe, uns und unsere Nachfahren vor diesem Irrsinn zu beschützen."

Wasserwerfer und CS-Gas vs. Demonstrationsfreiheit

Immer wieder gibt es 1976 Großdemonstrationen mit bis zu 30.000 Teilnehmern, unter ihnen auch Kernkraftgegner Karsten Hinrichsen. Und immer wieder kommt es zu Eskalation und Gewalt auf beiden Seiten. Die Polizei setzt Schlagstöcke, Wasserwerfer und Tränengas ein. "Wir waren natürlich entsetzt. Und wer nicht schnell genug seinen Mundschutz hoch hatte, der hatte großes Pech", erzählt Hinrichsen. "Die Mädchen haben geweint und die Jungs haben geflucht, wegen der Schmerzen." Die Polizei versprüht damals CS-Gas oder mischt es dem Wasser bei. Per Wasserwerfer erreicht es die Demonstranten. Das gefährliche chemische Kampfmittel reizt Augen und Atemwege, führt zu Schmerzen. In hoher Konzentration kann es schwere Schäden in Herz und Lunge hinterlassen und schlimmstenfalls zum Tod führen. In einigen Fällen setzt die Polizei Tränengas und Wasserwerfer auch gegen die große Masse einfacher Kundgebungsteilnehmer ein. Die Demonstranten tragen immer Zitronen bei sich - die sollen Linderung nach einem Einsatz von Tränengas verschaffen.

1.000 Demonstranten durchbrechen Bauzaun

Einmal durchbrechen sogar etwa 1.000 Demonstranten den Bauzaun, besetzen das Baugelände. "Natürlich haben einige Steine geschmissen oder mit Latten auf dem Zaun und auf der Leitplanke rumgetrommelt", resümiert Karsten Hinrichsen. "Aber was macht man in seiner Hilflosigkeit, wenn man auf der anderen Seite, diese Macht, die zusammengezogen worden ist, spürt?"

Wegen der ungeklärten Endlagerfrage verhängt das Verwaltungsgericht Schleswig 1976 einen Baustopp. Der wird nach fünf Jahren wieder aufgehoben. Dagegen demonstrieren 1981 in der Wilstermarsch knapp 100.000 Menschen, es ist die bis dahin größte Anti-Atomkraft-Demo. Aber sie wird brutal zerschlagen, Hubschrauber des Bundesgrenzschutzes fliegen tief und dicht über den Köpfen der abrückenden Demonstranten. Eine Demonstration der Staatsmacht. Es herrschen bürgerkriegsartige Zustände in dem kleinen Ort im Kreis Steinburg. Brokdorf wird bundesweit zum Symbol des Widerstands gegen die Atomkraft und zum Symbol staatlicher Gewalt.

Durchsuchung des Schafstalls nach Waffen

Monika Paulsen, Mitglied der Brokdorfer Klägergemeinschaft, kann sich erinnern, wie der Staatsschutz einmal bei ihr klingelte. Ihren Schafstall durchsuchte, weil die Polizei darin ein Waffenlager vermutete. Sie verhafteten die Kernkraft-Gegnerin für mehrere Stunden, fanden bei ihr jedoch keinerlei Waffen. Kernkraft-Befürworter aus dem Dorf hätten ihr mehrfach gedroht, sagt sie, hätten nichts mit ihr zu tun haben wollen. "Heute verhalten sich die gleichen Leute auf einmal freundlich - aber darauf gehe ich nicht mehr ein", erzählt Paulsen. Für sie ist es schmerzlich, wenn sie sich an das Geschehene erinnert.

1986 geht Brokdorf ans Netz - trotz Tschernobyl-Katastrophe

Es folgen noch viele weitere Demonstrationen gegen das Atomkraftwerk. Brokdorfer Landwirte, die selbst AKW-Gegner sind oder mit ihnen sympathisieren, bauen auf ihren Höfen Lazarette für verletzte Demonstranten. Immer wieder werden Demonstrationen zerschlagen. Gewalt mit Gewalt beantwortet. Demonstranten machen Jagd auf einen Polizisten, andere Demonstrierende retten ihn. 1986, kurz nach der Atomkatastrophe von Tschernobyl, geht Brokdorf ans Netz - trotz weiterer Proteste der Kernkraftgegner. Das AKW bringt die vom Bürgermeister erwarteten Arbeitsplätze und Gewerbesteuern und erzeugt die größte Strommenge weltweit. Es gibt aber auch Probleme mit Betriebsgenehmigungen, Transformatoren, zuletzt mit oxidierten Brennstäben.

Stilllegung am 31. Dezember 2021

Nach der Katastrophe in Fukushima 2011 beschließt die Bundesregierung endgültig den Atomausstieg: Am 31. Dezember 2021 geht das AKW Brokdorf nun für immer vom Netz. "Das ist schon ganz gut, dann ist das endlich vorbei, hier immer rumzustehen", freut sich Karsten Hinrichsen. "Dann kann man mal ein bisschen Urlaub machen." Mittlerweile begrüßen 76 Prozent der Deutschen den Ausstieg aus der Atomkraftnutzung. In dem kleinen Ort Brokdorf dagegen gibt es mittlerweile mehr Kernkraft-Befürworter als -gegner. Viele sehen in dem Werk den Grund für den hohen Freizeitwert ihres Ortes.

Dorf ist weiterhin gespalten

Dass das Kernkraftwerk nun stillgelegt wird, findet Thorsten Block schade. "Aber es wurde entschieden, es soll abgeschaltet werden, dann ist das Geschichte - dann müssen wir damit leben", konstatiert Block. Bis heute kann er nicht verstehen, weshalb die Kernkraftgegner damals protestierten. "Die Technik ist sauber und sicher", findet er. "Dass die Sache mit dem Endlager bis heute nicht geklärt ist, das ist nicht die Sache der Bürger von Brokdorf", so der Bürgermeistersohn. Die Atomkraftgegner sehen das ganz anders. Sie gehen nach der Mahnwache noch zum Gedenkstein auf der Deichseite des Kernkraftwerks. Dort gedenken sie jeden Monat den Opfern der Nuklearkatastrophen von Tschernobyl und Fukushima, zum 425. Mal seit 1986. Hinrichsens Mitstreiter Andreas Panzlau sagt: "Die Geschichte hat uns Recht gegeben, wir waren auf jeden Fall auf der richtigen Seite." Der jahrzehntelange Streit ist mit der Stilllegung des Atomkraftwerks Brokdorf entschieden. Aber das Dorf noch lange nicht versöhnt.

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Dampflokomotive aus dem 19. Jahrhundert. © dpa - report Foto: Votava

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 18.12.2021 | 19:30 Uhr