Stand: 11.10.2019 18:36 Uhr

100 Jahre JVA Kiel: Gefangen mitten in der Stadt

von Karl Dahmen

Er weiß immer noch nicht, ob ihm die 22 Jahre in der JVA Kiel gut getan haben, sagt Martin Hagenmaier und lächelt dabei. Von 1993 bis 2015 war er der Gefängnispastor in Kiel - ein Seelsorger mit eigenem Schlüssel, der die Gefangenen betreute, sich ihre Nöte anhörte und half, wo er es konnte. Er hat zugleich zahlreiche Justizreformen miterlebt, all die kleinen Schritte, wie er sagt, zu einem humanen Strafvollzug.

Eine alte schwarz-weiß Luftbildaufnahme zeigt das Panorama von Kiel mit dem weißen Gebäude der neu errichteten Justizvollzugsanstalt. © NDR

Zeitreise: 100 Jahre Justizvollzugsanstalt Kiel

Schleswig-Holstein Magazin -

Im September 1919 ziehen erste Häftlinge in ihre Zellen in der Justizvollzugsanstalt Kiel. Seitdem hat sich im Gefängnis und auch am Gebäude selbst viel getan.

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Fremdbestimmtes Leben im Gefühl des Alleinseins

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Arbeitete 22 Jahre im Gefängnis: Pastor Martin Hagenmaier.

Vor 100 Jahren wurde das Kieler Gefängnis in Betrieb genommen. 365 Plätze standen damals zur Verfügung, von denen einige sogar für Frauen waren. Heute ist Kiel eine Haftanstalt nur für Männer. Laut Pastor Hagenmaier aber hätte sich eines in diesen hundert Jahren nicht verändert: das Gefühl des Alleinseins. Dieses Gefühl, wenn sich hinter einem Häftling die Zellentür schließt und ihm in der Zelle bewusst wird, dass nun andere über ihn entscheiden. Er habe oft erlebt, sagt Hagenmaier, dass das eine der bedrückensten Erfahrungen im Gefängnis war.

Eine Zeit der ständigen Reformen

Als Gefangene 1919 zum ersten Mal in Kiel die Zellen betraten, hatten sie Glück, dass eine Reform der Strafgesetzgebung gerade Dunkelhaft und Schläge durch Wärter verboten hatte. Hauptziel war nun, dass Gefangene "an Ordnung und Arbeit gewöhnt und sittlich gefestigt werden".

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Als dann die Nazis 1933 die Macht ergriffen, wirkte sich das auch auf die Gefängnisse aus. Nicht nur Straftäter, wie Diebe, Betrüger oder Mörder wurden nun eingesperrt, sondern auch Menschen, die einfach anderer Meinung als die Nazis waren, aus politischen Gründen oder weil sie Juden waren. Diese Zeit der staatlichen Willkür endete erst mit der deutschen Niederlage im Zweiten Weltkrieg 1945. Hagenmaier ärgert bis heute, dass viele Juristen aus dem Dritten Reich für ihre Verbrechen nie büßen mussten und nur wenige Nazi-Verbrecher auf den Anklagebänken und in Gefängnissen wie dem in Kiel landeten.

Nun zählt vor allem der Resozialisierungsgedanke

1969 gab es eine große Strafrechtsreform: Die Zuchthausstrafe wurde abgeschafft. Aus Gefängnissen und Zuchthäusern wurden nun einheitlich Justizvollzugsanstalten. Seitdem galt immer mehr der Resozialisierung-Gedanke, bei dem die Häftlinge schon im Gefängnis auf das Leben in der Freiheit, in der Gesellschaft vorbereitet wurden. Ein Insasse ist zwar Häftling, bleibt aber auch im Gefängnis ein Mensch mit Rechten, die er einfordern kann. Hagenmaier denkt, dass es auch in hundert Jahren noch Gefängnisse geben wird. Aber er hofft, dass das Außen und Innen "fließender" wird: Dass zum Beispiel die Kieler die Möglichkeit haben, die Menschen im Gefängnis zu besuchen und die Haftanstalt als ein normales Haus in ihrer Stadt begreifen.

In unserer Zeitreise blicken wir zurück auf hundert Jahre Kieler Gefängnis und berichten von den vielen Entwicklungen, die sich auf die Haftanstalt ausgewirkt haben.

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 13.10.2019 | 19:30 Uhr