Sendedatum: 01.12.2019 19:30 Uhr

Zeitreise: Die Wiederentdeckung von Bismarcks Stimme

von Janina Harder

Vor 130 Jahren gab es merkwürdigen Besuch bei Fürst Otto von Bismarck in Friedrichsruh im Kreis Herzogtum Lauenburg. Der Mann, der sich angekündigt hat, ist der erste Aufnahmeleiter der Welt. Der ausgewanderte Deutsche Adelbert Theodor Wangemann ist ein Mitarbeiter des amerikanischen Erfinders Thomas Alva Edison. Im Schlepptau hat er einen sogenannten Phonographen. Damit kann man Tonaufnahmen machen und abspielen. Das Gerät war im Jahr 1889 neu, die Technologie der Sprachaufnahme in ihren Anfängen. Wangemanns Auftrag: Er darf erst wieder zurück nach Amerika kommen, wenn er die Stimmen der wichtigsten Staatsmänner Deutschlands für immer auf seinen Tonwalzen eingefangen und konserviert hat. 

Eine Tonwalze in einer Schachtel mit der Überschrift "Es spricht Otto von Bismarck" steht auf einem Tisch. © NDR

Die Wiederentdeckung von Bismarcks Stimme

Schleswig-Holstein Magazin -

Vor 130 Jahren besucht ein Mitarbeiter des Erfinders Edison Fürst Otto von Bismarck in Friedrichsruh. Im Schlepptau hatte er einen Phonographen. Was er damit machte, erzählt unsere Zeitreise.

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Eine Stimme aus dem Jenseits

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In der Ausstellung der Otto-von-Bismarck-Stiftung in Friedrichsruh steht einer der alten Phonographen von Edison. Ein solches Gerät zeichnet vor 130 Jahren die Stimme von Bismarck auf.

Eines dieser Tonaufnahmegeräte steht heute in der Ausstellung der Otto-von-Bismarck-Stiftung in Friedrichsruh. "Edison" steht auf dem Phonographen. Stephan Puille, Tonarchäologe aus Berlin, ist in Bismarcks Heimatort gekommen, um eine bedeutsame Sprachaufnahme mit dem historischen Gerät abzuspielen. Er steckt die Tonwalze auf den Konus, kurbelt per Hand und startet dann mit einem Hebel die Aufnahme. Die Walze setzt sich in Bewegung, dreht sich. Der alte Diamant-Abtaster senkt sich auf die Rillen ab, ein Ton kommt durch den gold schimmernden Schalltrichter und trifft auf das menschliche Ohr. Eine Stimme aus dem Jenseits, kaum zu verstehen. Stimmlage, Intonation, Duktus. Ein unverkennbares Persönlichkeitsmerkmal. Festgehalten für die Ewigkeit.

Mehr als hundert Jahre lang galt die Sprachaufnahme vom Reichskanzler Otto von Bismarck als verschollen. Tonarchäologe Stephan Puille hat sie im Jahr 2011 wiederentdeckt. "Ich wusste sofort, das ist die Entdeckung meines Lebens", sagt Puille. "Denn die Aufnahme von Bismarck war die gesuchteste deutschsprachige Tonaufnahme - obwohl man sie inzwischen schon vergessen hatte." Man habe nicht gewusst, wo sie sich befand und ob sie überhaupt noch existierte.

Beunruhigende, neue Technologie

Friedrichsruh 1889. Der Besuch ist da. Der Toningenieur Theo Wangemann und seine Frau Anna sind für einen Tag die Gäste von Fürst Otto von Bismarck und dessen Frau Johanna. Wangemann will seinen Spezialauftrag in die Tat umsetzen. Er soll den 74-jährigen Reichskanzler überzeugen, eine Tonaufnahme von sich machen zu lassen. "Er hat zumindest zurückhaltend reagiert, wollte - so ist es der Presse der damaligen Zeit zu entnehmen - zunächst einmal gar keine Aufnahme machen", sagt der Tonarchäologe. "Er hat schon geahnt, dass er das, was er in diesen Apparat hineinspricht, nicht mehr zurückholen kann."

Für die Menschen damals ist eine Technologie, die Stimmen einfangen kann, etwas Beunruhigendes - auch für Bismarck. Unvorstellbar, dass aus einem technischen Gerät die menschliche Stimme herauskommt. "Erst, als er ein paar Walzen gehört hatte, die Stimmung ein bisschen lockerer war und dann vor allem seine Frau ihn gebeten hat, eine Aufnahme zu machen, hat er sich dann doch entschlossen", erzählt Puille. Der Toningenieur gibt genaue Anweisungen, wie Bismarck vorgehen soll. Er soll den Sprechschlauch ganz dicht vor den Mund halten, soll laut und deutlich sprechen. Trotz der Anstrengungen ist die Aufnahme aus heutiger Sicht schwer zu verstehen:

Transkription der Original-Tonaufnahme 

"In good old colony times
when we lived under the King
three roguish chaps fell into mishaps
because they could not sing.

[Als] Kaiser Rotbart lobesam
zum heil’gen Land gezogen kam,
da mußt er mit dem frommen Heer
durch ein Gebirge wüst und leer.

Gaudeamus igitur, Juvenes dum sumus.
Post jucundam juventutem,
Post molestam senectutem
Nos habebit humus!

Allons enfants de la Patrie
le jour de gloire est arrivé!
Contre nous de la tyrannie
l’étendard sanglant est levé." Otto von Bismarck in Friedrichsruh, 7. Oktober 1889, aufgenommen von Theo Wangemann

Der Bitte seines Gastes, "etwas zur Erinnerung für das deutsche Volk" zu sprechen, kam Bismarck nicht nach. Stattdessen rezitierte er nach einer kurzen Ansage Wangemanns vier Lieder: die erste Strophe des amerikanischen Volksliedes "In good old colony times", einige Verse von Ludwig Uhlands Heldenballade "Schwäbische Kunde", das Studentenlied "Gaudeamus igitur" und die ersten Zeilen der französischen Nationalhymne, die Marseillaise. 

Tonaufnahme galt als verschollen

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Hinter Edisons Bett entdecken Amerikaner in einem Versteckt mehrere Tonwalzen. Auf einer solchen Walze findet Tonarchäologe Stephan Puille Bismarcks Stimme.

Gedichtzeilen in insgesamt vier Sprachen, allesamt gesprochen vom gleichen Mann. Dass diese Sprachaufnahme gemacht worden war, stand zwar damals in den Zeitungen, geriet aber schnell in Vergessenheit. Tatsächlich aber lagerte die Tonwalze zuerst bei Wangemann, dann im Edison-Archiv. In einem kleinen Holzkasten direkt hinter Edisons Bett wurde die zwischenzeitlich unbekannte Walze schließlich zusammen mit anderen deutschsprachigen gefunden.

122 Jahre nach der Aufzeichnung fragten die Amerikaner den Tonarchäologen Stephan Puille, ob er bei der Entschlüsselung der Tonwalzen helfen könne. "Die Anfrage war total ergebnisoffen. Ich hatte überhaupt keine Information, um welche Tonwalzen es sich da handeln könnte und war natürlich sehr gespannt, zu hören, was da überhaupt drauf ist", erzählt Puille. Er begibt sich auf Spurensuche, hört sich alle Tonträger an, bleibt dann bei einer Walze am Wort "Friedrichsruh" hängen. Moment, das war doch Bismarcks Wohnsitz, denkt sich der Tonarchäologe. In stundenlanger Arbeit versucht Puille, die Worte zu entziffern, transkribiert sie. Vergleicht das Gesagte mit historischen Quellen. Und siehe da, aus dem Mosaik an Informationen ergibt sich ein immer schärferes Bild. Es muss Bismarcks Stimme sein! "Für einige Stunden war ich der einzige Mensch auf der Welt, der wusste, dass das Bismarck ist und der wusste, wie Bismarck spricht", berichtet Puille begeistert.

Hatte Bismarck eine Fistelstimme?

Zeitzeugen berichteten davon, Bismarcks Stimme habe hoch und fistelig geklungen. Mittlerweile kann man sich ein eigenes Bild machen. Die Sprachaufnahme lieferte auch der Otto-von-Bismarck-Stiftung neue Erkenntnisse über den bedeutenden Staatsmann. "Ganz zum Schluss der Aufnahme kommt dieser eigentlich doch mehr als überraschende Rat an seinen Sohn Herbert zum Maßhalten. Obwohl wir doch wissen, dass Bismarck selbst ein Mensch war, der es mit dem Maßhalten nicht ganz so ernst genommen habe, so Professor Dr. Ulrich Lappenküper von der Otto-von-Bismarck-Stifung.

"Treibe alles in Maßen und Sittlichkeit namentlich das Arbeiten, dann aber auch das Essen und im Übrigen gerade auch das Trinken. Rat eines Vaters an seinen Sohn." Otto von Bismarck in Friedrichsruh, 7. Oktober 1889, aufgenommen von Theo Wangemann

Der vielsprachige Staatsmann

Der Fürst habe sich also durchaus mit Augenzwinkern der beunruhigenden Sprachaufnahme gewidmet und wollte als vielsprachiger Staatsmann erscheinen, sagt Ulrich Lappenküper über Bismarck. Die Tonqualität hat durch das häufige Abspielen gelitten. Aber für den Tonarchäologen ist diese Aufnahme das größte Geschenk - verbunden mit der Erkenntnis, dass Bismarcks Stimme gar nicht fistelig klang.

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