Sendedatum: 24.03.2019 19:30 Uhr

Zeitreise: Die Strandvillen vom Graswarder

von Maik Vukan

Noch dichter am Meer kann man in Schleswig-Holstein kaum wohnen. 15 Wohnhäuser, aufgereiht wie auf einer Perlenkette. Panoramablick über die Ostsee inklusive. Den Strand direkt vor der Tür. Nur die Eigentümer und ihre Gäste dürfen mit dem Auto bis vor die Gebäude fahren. Die Halbinsel Graswarder (Kreis Ostholstein) steht nämlich seit 1968 unter Naturschutz. Ein Sehnsuchtsort für viele. Doch regelmäßig richten schwere Sturmfluten Schäden an der Düne und den Fundamenten der Häuser an.

Villa am Meer von oben aufgenommen

Zeitreise: Die Strandvillen vom Graswarder

Schleswig-Holstein Magazin -

Seit Anfang des 20. Jahrhunderts stehen auf der Halbinsel Graswarder 15 Strandvillen mit direktem Zugang zur Ostsee. Ein Blick in die Geschichte des Bädertourismus.

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Flucht vor den Bomben von Berlin

Jeder Spaziergang auf dem Graswarder ist für Antje Surenbrock (geborene Neidhardt) aus Norderstedt zugleich eine Reise in die Vergangenheit. Die Anfänge der Bebauung auf der Halbinsel vor Heiligenhafen sind eng mit ihrer eigenen Familiengeschichte verbunden. Bilder aus der Kindheit werden hier am Strand in ihrem Kopf sofort wieder wach. Anfang März 1943: Britische Bomber fliegen nächtliche Angriffe auf Berlin, den Wohnort der Familie Neidhardt. Die Evakuierung der Stadt beginnt. Auch Antje Surenbrocks Mutter Anne-Marie Neidhardt bricht auf, um ihre vier Töchter in Sicherheit zu bringen. Ziel ist das Sommerhaus der Familie auf dem Graswarder. "Ich war damals erst vier", erinnert sich Antje Surenbrock. "Aber trotz des Krieges hatten meine Schwestern und ich dann eine wirklich unbeschwerte Kindheit in Heiligenhafen. Wir haben ständig draußen gespielt im Sand und ganz nebenbei schwimmen gelernt im Meer."

Nach Kriegsende im Mai 1945 kommt auch ihr Vater wohlbehalten an die Ostsee. Die britischen Besatzer machen ihn zum kommissarischen Bürgermeister von Heiligenhafen. Er setzt sich dafür ein, dass die spartanisch ausgestatteten Häuser auf dem Warder Strom und Öfen bekommen.

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Früher war der Graswarder eine echte Insel und nur über einen Holzsteg vom Festland zu erreichen.
Die Anfänge des Tourismus im Ostseebad Heiligenhafen

Doch welche Geschichte haben die Villen in bester Strandlage überhaupt? "Es ist Ende des 19.Jahrhunderts, als die Industrialisierung Heiligenhafen erreicht", weiß Archivar Jörgen Heinritz. Die Stadtväter setzen sich dafür ein, dass die Eisenbahnlinie, die in Oldenburg endet, verlängert wird. Am 15. Januar 1898 rollen die ersten Züge bis an die Ostsee, halten direkt neben dem Hafen. Die neu gegründete Deutsche Badegesellschaft nimmt sich vor, Tourismus im Ostseebad zu entwickeln und Urlaubsgäste in die Stadt und an den Strand zu locken. Dr. Adolf Neidhardt, ein Arzt aus dem Ort, ist einer der Initiatoren. Er wirbt um Investoren, pachtet den Graswarder und lässt eine Strandhalle bauen. Einige Mitglieder bekommen sogar die Möglichkeit, Grundstücke zu kaufen auf dem Graswarder - damals noch eine echte Insel, die nur über eine Holzbrücke mit dem Festland verbunden ist.

Kindheit auf dem Graswarder

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"Mein Großvater Adolf Neidhardt war der erste, der sich dann auch selbst eine solche Villa sicherte. Gebaut von seinem Vater Christoph, der Architekt und Baumeister war", erzählt Antje Surenbrock und bleibt am Strand vor der Villa mit dem Namen "Wotan" stehen. "Der Quadratmeter Baugrund wurde damals für einen Pfennig angeboten." 1901 ist die erste Villa auf dem Graswarder fertig. Weitere Gebäude folgen kurz danach. Es sind einfache Sommerhäuser: kein fließendes Wasser, kein Strom, keine Heizung. Die meisten haben nur ein kleines Plumpsklo in einem Anbau. "Der Weg über die Brücke bis in die Schule auf dem Festland war natürlich etwas weiter", lacht Antje Surenbrock. "Aber das hat uns Kindern vom Graswarder überhaupt nichts ausgemacht. Und wenn eine schwere Sturmflut im Anmarsch war, wurden wir oft früher von der Schule heimgeschickt, damit uns nicht der Rückweg abgeschnitten war."

Einst Tourismusziel - heute Naturschutzgebiet

Immer wieder bekommt ihre Familie, die Naturgewalt zu spüren, verbringt auch so manche ängstliche Winternacht. "Das Meer war so gewaltig, dass das Wasser über das Haus hinweg peitschte und wir uns Sorgen machten: Wird die Betonmauer und auch das Reetdach halten?" Sie haben Glück, Haus "Wotan" hält den Sturmfluten stand. Als 1953 ihr Vater überraschend stirbt, muss Antje Surenbrocks Mutter die vier Kinder alleine versorgen. Sie funktioniert Haus "Wotan" zu einer Pension um, vermietet 20 Jahre lang Zimmer an Feriengäste. Doch die Schäden durch die Stürme werden so teuer, dass die Familie 1973 schweren Herzens das Haus verkauft.

Durch Glück oder Erbschaft zur Villa auf der Halbinsel

Das ist eher die Ausnahme auf dem Graswarder. Nur selten wechseln die Strandvillen den Besitzer, viele werden über Generationen weitervererbt. Star-Architekt Meinhard von Gerkan hat Glück, bekommt dort Mitte der 1960er-Jahre zu einem niedrigen Preis ein Haus zum Kauf angeboten: "Zu einer Zeit, wo man so ein Gebäude eigentlich nicht handelt: im Winter. Schließlich hängt doch die Wertschätzung eines solchen Hauses ganz wesentlich vom Wasser, der Sonne und dem Strand ab." Der Architekt renoviert die Villa von Grund auf, genießt mit seiner Familie nicht nur die Sommerfrische, sondern lässt sich am Meer oft für seine Arbeiten inspirieren. "Ich habe immer wieder auch Mitarbeiter mit auf den Graswarder genommen", erzählt von Gerkan. "Da haben wir dann tagelang draußen in der Sonne gearbeitet und Entwürfe gezeichnet." Zu den größten Projekten des weltbekannten Architekten gehören der Flughafen Tegel, der neue Berliner Hauptbahnhof und auch der Hauptstadtflughafen Berlin-Brandenburg. Und noch immer fährt der inzwischen 84-jährige Architekt regelmäßig von seinem Hamburger Büro nach Heiligenhafen, um abzuschalten. Auch im Winter, wenn das Wetter rau und ungemütlich ist.

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Der letzte Neubau, der auf dem Graswarder genehmigt wurde, war 2004 ein Beobachtungsturm für den NABU.
Keine große Baugenehmigung seit 15 Jahren

Vollständige Neubauten sind auf dem Graswarder eher nicht mehr möglich, erklärt Roland Pfündl, der Leiter des Bauamtes in Heiligenhafen. Schließlich gebe es in Schleswig-Holstein die Vorschrift, mindestens 150 Meter Abstand vom Ufer einzuhalten: "Es geht bei den Eigentümern also lediglich darum, das Vorhandene zu schützen. Und das mit großem finanziellen Aufwand." Soll heißen: der Hochwasserschutz an den Fundamenten muss von den Hausbesitzern permanent erneuert und verstärkt werden. Öffentliche Gelder gibt es dafür nicht. Die letzte große Baugenehmigung für ein komplettes Gebäude bekam 2004 der NABU für einen Vogelbeobachtungsturm. Entworfen von Meinhard von Gerkan. Von einer inzwischen mit internationalem Architekturpreis gekrönten, verglasten Aussichtsplattform in zwölf Metern Höhe bietet sich jedem Besucher der Blick über das Naturschutzgebiet und auch die besonderen Häuser: die Strandvillen vom Graswarder.

Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 24.03.2019 | 19:30 Uhr

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