Sendedatum: 08.09.2019 19:30 Uhr

Zeitreise: Die Geschichte des Tönninger Packhauses

von Janina Harder

Das Packhaus am historischen Hafen von Tönning kennen die meisten wohl als den längsten Adventskalender der Welt. Das historische Gebäude mit seinen zahlreichen Fenstern und Lagertüren wird alljährlich weihnachtlich dekoriert und als großer Kalender in Szene gesetzt. Bereits vor seinem Dasein als Adventskalender hatte das Packhaus eine bewegte Geschichte. Das Wort Packhaus ist übrigens vom dänischen "Pakhus" entlehnt und bedeutet Speicher oder Güterschuppen.

Bild vergrößern
Im 18. Jahrhundert der Dreh- und Angelpunkt des norddeutschen Handels: das Packhaus in Tönning.

Torsten Kreß, Vorsitzender des Förderverein Packhaus 1783 e.V., will mit einigen ehrenamtlichen Helfern nach ganz oben in den vierten Stock des Speichers gehen. Die schmalen Treppenstufen knarren, die alten Holzdielen sind 236 Jahre alt. Kreß öffnet die große Luke, sofort erhellt sich das Innere des großen Speichers und der Blick wird frei auf den Tönninger Hafen. "Das ist schon was ganz Besonderes, hier in diesem alten Gebälk zu stehen und sich vorzustellen, wie hier früher Waren ein- ausgeladen wurden", sagt Kreß.

Das Tönninger Packhaus von außen

Zeitreise: Das Tönninger Packhaus

Schleswig-Holstein Magazin -

Das Tönninger Packhaus gibt es seit 1783. Lange war es Dreh- und Angelpunkt des norddeutschen Handels. Der Bau war die erste künstliche Verbindung zwischen Nord- und Ostsee.

5 bei 9 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

Lebensgroße Installationen von Arbeitern

Das Tönninger Packhaus gibt es seit 1783. Lange war es der Dreh- und Angelpunkt des norddeutschen Handels, ein riesiger Umschlagplatz für Waren. Daran erinnern seit kurzem Installationen von lebensgroßen Arbeitern aus der damaligen Zeit, die aus einigen Luken des Speichers herausschauen. Der Künstler Werner Krömeke hat sie erschaffen.

Bild vergrößern
Im Packhaus wurde vieles gelagert: Getreide, Steinkohle, Stoffe, aber auch lebende Tiere und schnell verderbliche Lebensmittel.

Der Bau des Packhauses hängt mit dem des Eiderkanals zusammen. Die Dänen, die damaligen Herrscher, hatten ihn in Auftrag gegeben. Es war die weltweit erste künstliche Verbindung zwischen Nord- und Ostsee, mit einem Packhaus an jeder Ein- und Ausstiegsstelle: In Kiel-Holtenau steht der baugleiche Zwilling des großen Tönninger Packhauses, außerdem gibt es in Tönning noch ein weiteres, kleineres Packhaus, das einen baugleichen Zwilling in Rendsburg hat. Das denkmalgeschützte große Tönninger Packhaus ist das Einzige im Originalzustand.

Blütezeit: Bedeutendster Umschlagplatz für Waren

Es hat Ende des 18. Jahrhunderts den optimalen Standort: Der Hafen ragt in den Stadtkern, gleichzeitig liegt man mit der großen Eider direkt an der Nordseemündung und kann schnell von hier verschiffen. Bis zu 4.000 Schiffe fahren jährlich durch den Kanal. Die bis dahin kleine Stadt entwickelt sich rasant. "Seine Blütezeit hatte Tönning während der Blockade der Elbe, zwischen 1803 und 1806", sagt Uwe Wrigge, ehrenamtlicher Helfer des Fördervereins Packhaus. "Da ist der gesamte Warenverkehr für Hamburg über Tönning gelaufen." Auf einer Lagerfläche von 4.000 Quadratmetern wurden die verschiedensten Waren umgeschlagen und nach ganz Westeuropa transportiert. Branntwein zum Beispiel, Getreide, Trink- und Apothekergläser, Gewürze, Steinkohle, Stoffe, Leder und Tierfelle, aber auch lebende Tiere und schnell verderbliche Lebensmittel, die dann ins Erdgeschoss des Packhauses kamen. Alles wurde sorgsam quittiert und geprüft, für jede Ware musste der Besitzer eine Packhausmiete bezahlen.

Niedergang: Nord-Ostsee-Kanal kommt

Im Jahr 1895 kommt dann aber der Nord-Ostsee-Kanal. Er löst den Eiderkanal ab, ist viel breiter, tiefer und damit für noch größere Schiffe geeignet. Damit endet die Bedeutung von Tönning als wichtiger Durchgangshafen und auch die Bedeutung des Packhauses. Lange Zeit lagern gar keine Waren mehr darin. Den Tönningern bleibt als Wirtschaftszweig nicht mehr viel bis auf die Krabbenfischerei. Mit der Zeit wird das Packhaus zweckentfremdet, es fristet ein Schattendasein. Im Laufe der Jahre sammelt sich dort viel Müll aus verschiedenen Nutzungen an. Als Torsten Kress im Jahr 1997 neuer Tourismusdirektor wird, möchte er aus dem Packhaus wieder einen Ort machen, an dem das Leben pulsiert und Menschen von weit her kommen - so wie früher.

Die Idee mit dem Adventskalender

Bild vergrößern
In der Adventszeit verwandelt sich das Tönninger Packhaus in einen Adventskalender.

"Als ich das erste Mal hier im Tönninger Hafen längs ging und dieses riesige Gebäude mit 24 Luken gesehen hab, kam mir einfach spontan die Idee, dass man dort drinnen einen Weihnachtsmarkt machen könnte", verrät Kreß. "Und außen könnte man ihn auch so aussehen lassen." Von März bis November hatten sie Zeit, das Packhaus wieder auf Vordermann zu bringen. Bei der Entrümpelung halfen ihm viele Tönninger. Dutzende Container Schutt und Schrott wurden abtransportiert. Mit seiner Idee hatte Kreß Erfolg: "Das Weihnachtsereignis ist gleich 1998 ins Guinessbuch der Rekorde gerutscht und hat dann einen unglaublichen Aufschwung erfahren", erzählt er stolz. Mit 6.000 Besuchern startete es einmal - heute kommen in der Adventszeit bis zu 50.000 Menschen aus ganz Deutschland und Dänemark in den alten Speicher, der durch das Engagement der Tönninger wieder neue Glanzzeiten erlebt. 

Weitere Informationen

Hafenflair und Watt in Tönning erleben

Der malerische Hafen mit dem Packhaus und die hübsche Altstadt zeichnen Tönning aus. Bekannt ist das Eider-Städtchen auch für die Erlebnisausstellung Multimar Wattforum. mehr

Archiv

Alle Zeitreise-Beiträge sortiert nach Datum

Hier finden Sie alle Zeitreisen des Schleswig-Holstein Magazins. mehr

Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 08.09.2019 | 19:30 Uhr

Alle Zeitreise-Beiträge sortiert nach Datum

Hier finden Sie alle Zeitreisen des Schleswig-Holstein Magazins. mehr