Zeitreise: Der letzte Wettermann in Schleswig

Stand: 19.09.2021 12:30 Uhr

Seit 140 Jahren gehört der Standort Schleswig zu den wichtigsten Wetterstationen bundesweit. Hier werden Daten gesammelt, die Meteorologen auswerten und an die Medien weiterleiten.

von Karl Dahmen

Er ist der Letzte "seiner Art" in Schleswig. Matthias de Vries ist Wettertechniker, der letzte Wettermann in der Wetterstation am Schleswiger Regenpfeiferweg. Mehr als 140 Jahre wurde in der Stadt das Wetter gemessen, angefangen mit dem Arzt Hermann Adler, der 1877 Wettermessgeräte an den Fenstern eines Krankenhauses befestigte, bis heute.

Ein Haus für das Wetter

Die Wetterstation in Schleswig aus der Ferne. Ein Archivbild in schwarz-weiß. © NDR / SH Magazin
Die Wetterstation in Schleswig gilt seit über 140 Jahren als einer der wichtigsten Standorte bundesweit.

Als die Wetterstation 1953 gebaut wurde, arbeiteten bis zu 60 Menschen in dem 600 Quadratmeter großen Gebäude. Wetterbeobachter sammelten die Daten, die die Meteorologen auswerteten und an die Medien, an die Landwirte und andere Stellen weitergaben. Das ist nun vorbei. Automaten und Computer haben ihre Arbeit übernommen und liefern schnell und detailliert Ergebnisse. Seit zwei Jahren ist die Erfassung vollautomatisiert, nur Matthias de Vries ist noch da. Als letzter Techniker der Wetterstation greift er ein, wenn es eine Störung gibt oder Daten überprüft werden müssen.

Heute fliegt der Ballon vollautomatisch

Zwei Satellitenschüsseln der Wetterstation in Schleswig messen Wetterdaten. Ein Archivbild in schwarz-weiß. © NDR / SH Magazin
Wetterballone, Satelliten und sogar Aufzeichnung von Radioaktivität in der Umgebung: In Schleswig werden seit über einem Jahrhundert Daten erfasst.

Als er vor 20 Jahren in Schleswig anfing, arbeiteten noch 20 Kollegen in der Station. Nach und nach gingen sie in Pension oder wurden an andere Plätze versetzt, bis allein er übrigblieb. Um sechs Uhr morgens beginnt er seinen Tag und erledigt seine Aufgaben. Um ihn herum geht die Sammlung von Daten durch Computer weiter. Wie sich die Abläufe verändert haben, das erzählt ein kleines Gebäude im Garten der Wetterstation. Von hier aus wurden früher pünktlich zweimal am Tag Wetterballons gestartet, die in der Atmosphäre Daten sammelten. Zwei Menschen waren dazu notwendig, die den Ballon durch ein Rolltor hinaustrugen und dann starteten.

Heute geschieht das von einem futuristisch anmutenden Behälter im Garten des Hauses aus. Punkt 12.45 Uhr öffnet sich eine Klappe und ein weißer Ballon mit einer Messsonde fliegt empor. Menschen sind dafür nicht mehr nötig.

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Der Meteorologe Matthias de Vries steht auf dem Dach der Wetterstation in Schleswig und schaut in die Ferne. © NDR / SH Magazin
Heute ist kein Mensch mehr auf der Wetterstation in Schleswig nötig. Die Daten werden digital gesammelt.

Auch ein anderer Teil ist heute vollautomatisiert, von dem wenige Menschen wissen. Denn in Schleswig steht eine der Messstationen in Deutschland, in denen die Radioaktivität in der Umwelt bestimmt und an den Zentralrechner des Wetterdienstes in Offenburg weitergeleitet wird. In den 1950er Jahren - mitten in den Zeiten des Kalten Krieges - wurde die Messung eingeführt, als die Supermächte mit weltweiten Atombombentests die Menschen beunruhigten. In den 1980er Jahren überlegte man, diese Messungen einzustellen, aber nach der Nuklearkatastrophe von Tschernobyl 1986 machte man doch damit weiter.

Im kommenden Jahr wird auch für Matthias de Vries Schluss sein, er geht dann in Pension. Seine Stelle in Schleswig wird nicht wiederbesetzt. Dann summen in der alten Wetterstation nur noch Computer und Maschinen.

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Dampflokomotive aus dem 19. Jahrhundert. © dpa - report Foto: Votava

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 19.09.2021 | 19:30 Uhr