Sendedatum: 25.11.2018 19:30 Uhr

Zeitreise: Der Revolver, der Bismarck töten sollte

von Janina Harder

Er war Landjunker, Graf, preußischer Ministerpräsident, Reichskanzler und Fürst: Otto von Bismarck hat Kriege gewonnen, die Sozialversicherungen eingeführt, Sozialisten und Liberale verfolgt und das damalige Deutsche Kaiserreich gegründet. Er hat Geschichte geschrieben, so wie wir sie kennen. Fast aber hätte diese Geschichte eine andere sein können.

Ein kleiner alter Revolver, aus dem auf Otto von Bismarck geschossen wurde, liegt auf einem Tisch mit blauer Tischdecke. © NDR

Zeitreise: Der Revolver, der Bismarck töten sollte

Schleswig-Holstein Magazin -

Ein Student will den "Eisernen Kanzler" Otto von Bismarck erschießen - es misslingt. Heute liegt der Revolver im Bismarck-Museum - gleich neben dem Unterhemd, das seine Kugel durchbohrte.

4,91 bei 11 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

Revolver hätte Karriere beenden können

Die letzten 27 Jahre seines Lebens verbrachte Otto von Bismarck in Friedrichsruh im Kreis Herzogtum Lauenburg. Dort erinnert das Bismarck-Museum an den "Eisernen Kanzler" und Reichsgründer. Und ein Ausstellungsstück dort hätte fast dafür gesorgt, dass Bismarcks politische Karriere beendet worden wäre, bevor sie richtig losging: ein winziger Revolver. "Es ist ein ganz kleines Objekt, aber aus diesem Revolver sind mehrere Schüsse auf Bismarck abgefeuert worden", sagt Ulf Morgenstern von der Otto-von-Bismarck-Stiftung. "Ein einziger hätte genügt, um ihn zu töten und eine politische Karriere, die nach dem Jahr 1866 überhaupt erst in Schwung gekommen ist, hätte nie stattgefunden." Dieser Revolver hätte die Weltgeschichte ändern können.

Bismarck und der Revolver

Im Londoner Exil wurde das Attentat geplant

Otto von Bismarck ist preußischer Ministerpräsident, hat gerade den deutsch-dänischen Krieg gewonnen. Schleswig und Holstein gehören jetzt nicht mehr zu Dänemark, sondern zu Preußen und Österreich. Als nächstes steuert Bismarck auf einen Krieg mit Österreich zu. Ferdinand Cohen-Blind will das verhindern. Der 22-jährige deutsche Student war in London im Exil aufgewachsen. Wegen ihrer radikaldemokratischen Ideen hatten seine Eltern Deutschland verlassen müssen.

Kurz vor dem Attentat schreibt er an eine mütterliche Freundin: "Schon früh tauchte der Gedanke öfter in mir auf, dass die einzige Lösung der so verwickelten Lage in Deutschland die Beseitigung Bismarcks sei. Jedoch überzog mich ein rechtes Schamgefühl, dass sich niemand in Deutschland findet, der den Verräter beseitigte. Es ist doch wenigstens des Probierens wert, durch das Opfer zweier Menschen viele zu retten." Und so begibt er sich von einer Studienreise in Süddeutschland nach Berlin, um Bismarck zu töten. Am 7. Mai 1866 setzt er sich nachmittags in ein Café und passt Bismarck ab. Dessen Gesicht hatte er sich von einem mitgebrachten Foto eingeprägt.

Angriff auf dem Fußweg "Unter den Linden"

Otto von Bismarck kam gerade von einem Gespräch mit dem preußischen König. "Ich ging Unter den Linden auf dem Fußweg zwischen den Bäumen nach Hause. Als ich in die Nähe der russischen Gesandtschaft gekommen war, hörte ich dicht hinter mir zwei Pistolenschüsse", wird Bismarck später berichten. "Ich drehte mich unwillkürlich rasch um und sah etwa zwei Schritte vor mir einen kleinen Menschen, der mit einem Revolver auf mich zielte. Ich griff nach seiner rechten Hand, während der dritte Schuss losging, und packte ihn zugleich am Kragen. Er fasste aber schnell den Revolver mit der linken, drückte ihn gegen meinen Überzieher und schoss noch zweimal. Eine Rippe tat zwar etwas weh, ich konnte aber zu meiner Verwunderung bequem nach Hause gehen."

Überlebtes Attentat wie ein Wunder

Fünf Schüsse feuert der Student auf Bismarck ab, davon zwei Körpertreffer. Aber die Kugeln dringen nicht in die Haut ein. Bismarck kommt mit einer Rippenprellung und dem Schrecken davon. Seine Kleidung ist verrust und durchlöchert. Neben dem Revolver gehört auch das durchlöcherte Seidenunterhemd, das er am Tag des Attentats trug, zu den Museumsstücken in Friedrichsruh. Die Einschusslöcher wurden von Bismarcks Frau Johanna gestopft. Sein Leibarzt sprach von einem Wunder, dass Bismarck das Attentat überlebte.

Die Kleidung hat ihm das Leben gerettet

Nach allem, was Historiker heutzutage wissen, war es Bismarcks dicke Kleidung, die sein Überleben gesichert hat. "Bismarck hatte zuvor eine schwerere Erkältung überstanden und sich deshalb ungewöhnlich warm angezogen mit mehreren Kleidungsschichten: Westen, Unterhemd, Gehrock", sagt Ulrich Lappenküper, Leitung der Otto-von Bismarck-Stiftung. "Die haben dann ganz offensichtlich die Schüsse abgelenkt."

Bismarck wittert eine Verschwörung

Bild vergrößern
Ferdinand Cohen-Blind begeht wenige Stunden nach dem gescheiterten Attentat Selbstmord.

Bismarck überwältigt den Attentäter zusammen mit einem Passanten und übergibt ihn einer Kompanie von Soldaten. Cohen-Blind begeht nur wenige Stunden später im Polizeigewahrsam Selbstmord. Bismarck wittert eine Verschwörung der liberaldemokratischen Kräfte. "Er beauftragt also Berliner Polizeistellen, in London Recherchen durchzuführen, um seiner These gemäß eben eine terroristische Zelle auszuheben", erzählt Ulrich Lappenküper. "All das verläuft ergebnislos, denn es gab keine terroristische Zelle - Ferdinand Cohen-Blind war ein Einzeltäter."

Es kommt zum Krieg zwischen Österreich und Preußen

Als die persönliche Betroffenheit verblasst, plant Bismarck, das Attentat politisch für sich zu nutzen. "Er hat sich natürlich als denjenigen dargestellt, der bereit ist, bis zum eigenen Tod seine Politik voranzutreiben", sagt Ulf Morgenstern. "Er wollte den Konflikt mit Österreich auf keinen Fall entschärfen, sondern in Kauf nehmen, dass es jetzt zum Krieg kommt." Und tatsächlich beginnt nur wenige Wochen später der Krieg zwischen Preußen und Österreich. Die Entscheidungsschlacht bei Königgrätz ist nur zwei Monate später. Cohen-Blinds Schreckensvision ist Wirklichkeit geworden: Mehr als 50.000 Menschen haben beim preußisch-österreichischen Krieg ihr Leben lassen müssen.

Die Waffe als Reliquie

Bismarck nimmt den Revolver an sich und behält ihn als Reliquie bis zu seinem natürlichen Tod am 30. Juli 1898 in Friedrichsruh. Viele Zeitzeugen erzählten, Bismarck habe den Revolver stets offen und geladen auf seinen Schreibtisch gelegt. Was gewesen wäre, wenn Bismarck das Attentat nicht überlebt hätte, das ist eine andere Geschichte.

Archiv

Alle Zeitreise-Beiträge sortiert nach Datum

Hier finden Sie alle Zeitreisen des Schleswig-Holstein Magazins. mehr

Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 25.11.2018 | 19:30 Uhr