Zeitreise: Das bestgehütete Geheimnis des Zweiten Weltkriegs

Sendedatum: 14.02.2021 19:30 Uhr

Sie war unersetzlich. Sie war die große Hoffnung der Deutschen Wehrmacht. Doch die Wunderwaffe trug letztendlich dazu bei, dass die Kriegsmarine den Kampf um den Atlantik verlor. Es geht um die Verschlüsselungsmaschine Enigma.

Knapp 76 Jahre haben sieben Exemplare auf dem Grund der Ostsee gelegen. Der Stolz der Marine zwischen Algen und Sediment. Sie wurden innerhalb von wenigen Wochen in der Geltinger Bucht und bei Schleimünde zufällig von Tauchern entdeckt. Wie kamen sie dahin? Dieses Rätsel muss der Kieler Marine-Historiker Jann Witt lösen: "Wenn es gelingt, deren Seriennummer zu entziffern und man sie mit den Ausgabelisten der Marine abgleichen könnte, wäre es vielleicht tatsächlich möglich festzustellen, zu welchen Schiffen und Booten diese Enigmas gehört haben, um schlicht diese, man könnte sagen "letzte Fahrt" dieser Einheiten in die Kapitulation, genau zu beleuchten."

Jann Witt sitzt in seinem Büro, direkt am Marine-Ehrenmal in Laboe. Die Enigmas sind für ihn ein Relikt aus der dunkelsten Stunde der deutschen Geschichte. Sie gehörten zur Pflichtausstattung der Kriegsmarine im Zweiten Weltkrieg. Sie waren die Überbringer der Botschaften, die über das Sterben von tausenden Menschen entschieden. Der Historiker erklärt: "Die U-Boote operierten ja nicht allein, sondern in sogenannten Rudeln. So attackierten sie die feindlichen Geleitzüge. Diese Angriffe wurden von Land aus koordiniert. Das heißt, die Meldung über die Sichtung eines Konvois wurde per Funk an das Hauptquartier an Land gemeldet, dort wurden dann der Angriff geplant und per Funk natürlich die betreffenden U-Boote informiert." Dafür waren die Enigmas unabdingbar. Doch wo kamen sie eigentlich her?

Enigmas: Die Antwort auf die Schmach des Ersten Weltkriegs

Im Ersten Weltkrieg gelang es den Briten, ein Marine-Code-Buch des Kaiserreichs heimlich in Besitz zu nehmen. Damit konnten sie die Funksprüche entziffern und hatten somit einen großen Vorteil. Diesmal wollte das Oberkommando der Wehrmacht es besser machen. Die Führung wurde auf die Entwicklung des Berliner Elektroingenieurs Arthur Scherbius aufmerksam. Er hatte bereits das Patent für die Enigma beantragt: Eine elektrische Verschlüsselungsmaschine, die scheinbar nach einem Zufallsprinzip jeden Buchstaben einzeln codieren konnte.

Die Enigma wurde als unknackbar eingestuft und zugleich zur Pflichtausstattung für die Marine gemacht. Das sicherste Mittel der Kommunikation, an das die Offiziere damals aus vollem Herzen glaubten, wie der damals junge Funker Heinz Wilde. Er erinnert sich an die scheinbare Unmöglichkeit, diesen Code zu knacken: "Wie sicher war der Code? Die Sicherheit wurde mit der Sicherheit von einer Million oder mehreren Millionen Möglichkeiten angegeben. Heute würde man sagen: So sicher wie ein Sechser im Lotto."

Das größte Geheimnis der Deutschen: Wie die Enigma funktioniert

Zwei Männer haben eine Enigma aus dem Zweiten Weltkrieg vom Meeresgrund gehoben.
Mehr als 100.000 Enigmas sollen in Deutschland während des Zweiten Weltkriegs gebaut worden sein.

Über elektrische Kontakte auf den beweglichen Rotoren wird ein eingetippter Buchstabe ersetzt, aufgrund des Verdrehens der Rotoren jeder Buchstabe nach einem anderen Muster. Das geschieht über eine vorher eingetippte Tageseinstellung, die jeden Tag geändert wird. So ergeben sich Millionen Möglichkeiten, unvorhersehbar, unangreifbar - dachte man.

Denn schon früh gelang es den Alliierten, einige Enigmas zu erbeuten. Ohne die jeweilige Tageseinstellung waren diese zwar nicht zum Entschlüsseln zu gebrauchen, aber so konnten sie die grundsätzliche Funktion der Maschine untersuchen Zwischen 1941 und 1942 gelang es den Alliierten, mehr als zwei Millionen Codes abzufangen.

Das größte Geheimnis der Alliierten: Sie knackten den Code

Die Deutsche Wehrmacht unterschätzte, dass maschinelle Verschlüsselung durch maschinelle Entzifferung geknackt werden kann. In Polen gab es die ersten Versuche, die Enigma zu knacken. In Großbritannien, in der Nähe von London, hatte das Priorität. Operation Ultra nannte sich das: In einem Anwesen von Bletchley Park in der Nähe von London baute der englische Mathematiker Alan Turing mithilfe eines Teams von Experten eine elektromechanische Maschine, die die Enigma entschlüsselte. Bald arbeiteten etwa 14.000 Personen daran, täglich Tausende Codierungen zu entziffern.

Sie profitierten von der deutschen Gründlichkeit und den Routinemeldungen. Die wurden jeden Morgen pünktlich gemeldet und stets gleich aufbereitet. Sie enthielten immer wieder die gleichen Begriffe wie "Wettervorhersage" oder "Sieg" oder "Kampf". In nur wenigen Stunden konnte Tunings Maschine alle Möglichkeiten der Enigma durchtesten.

Damit wussten die Briten immer, wo sich die deutschen U-Boote aufhielten. Das ahnten die Deutschen damals höchstens, wie der damals 31-Jährige Marineoffizier Erich Topp. Er war verzweifelt, weil die Marineführung nicht auf seine Sorgen hörte: "Wir haben seit 1941 das Gefühl gehabt, dass die andere Seite in unseren Code eingebrochen war. Wir haben das auch gemeldet, aber die Führung hat immer wieder beteuert, das kann gar nicht sein. Die Enigma-Maschine hat millionenfache Möglichkeiten, ihren Code zu ändern. Es ist für die andere Seite völlig unmöglich, diesen Code zu brechen."

Die Enigmas in der Geltinger Bucht und Schleimünde

Die Briten haben noch gut drei Jahrzehnte verheimlicht, dass sie das Rätsel der Enigma geknackt hatten. Die Deutsche Wehrmacht ging auch im Mai 1945 davon aus, das größte Geheimnis bewahrt zu haben. Jann Witt glaubt, dass sie eben deswegen versuchten, die Enigmas loszuwerden. Denn als die Wehrmacht kapitulierte, gab es die Abmachung, dass Schiffe und U-Boote unversehrt an die Alliierten übergeben werden sollten: "Ich nehme schlicht und einfach an, dass ein Geschwader auf dem Weg war nach Flensburg oder nach Kiel, als es die Nachricht von der Kapitulation bekommen hat, oder bereits wirklich auf dem Weg war, zur Übergabe der Boote an die Alliierten, und dass man während dieser Fahrt die Sachen über Bord geworfen hat."

In den kommenden Monaten wird Jann Witt die Maschinen röntgen. Er hofft, sie dann genau bestimmen und dadurch genau sagen zu können, zu welchem Schiff sie gehörten.

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Schleswig-Holstein Magazin | 14.02.2021 | 19:30 Uhr