Zeitreise: Das "Geheimnis" der kreisrunden Narben

Sendedatum: 31.01.2021 19:30 Uhr

Trotz Corona: Deutschland hat eine Impfgeschichte, die noch heute ihre Spuren hinterlässt. Allein kleine individuelle Narben erinnern an eine der größten Impfkampagnen.

von Karl Dahmen

Woran erkennt man, dass jemand vor 1975 geboren wurde? Eigentlich ganz einfach, denn er oder sie hat zumindest zwei kleine kreisrunde Stellen am Oberarm, die unterschiedlich stark ausgebildet sind. Das kommt von den zwei Schnitten mit der Lanzette, die die Haut aufritzten, um den Impfstoff in die Blutbahn zu bringen. Ein kleines Stigma, eine individuelle Narbe, die den Träger zu einem Zeugen einer der größten Impfkampagnen der Medizingeschichte machten: der weltweite Kampf gegen die Pocken. Ganze Schulklassen traten vor medizinische Helfer, um an den Impfungen teilzunehmen. 

Heirat nur mit Impfschein

Ein schwarzweiß Foto von einem Arzt, der eine Jungen impft. © NDR Foto: NDR
Fast 100 Jahre galt die Impfpflicht.

Für diese grausame und tödliche Krankheit gab es im Deutschen Reich seit 1874 eine Impfpflicht, die 100 Jahre gelten sollte. Denn wo die Pocken auftraten, konnten Menschen zu Tausenden sterben - ein Heilmittel gab es nicht. Also wollte man vorbeugen, wollte man impfen. In Schleswig-Holstein konnten sogar schon Anfang des 19. Jahrhunderts nur Paare heiraten, wenn sie beim Pastor einen Impfschein vorlegten. Und für eine Reise nach Belgien musste man 1962 einen Impfschein gegen die Pocken vorlegen, um eine Fahrkarte zu bekommen. Wer das nicht konnte, hatte die Möglichkeit, sich in einer provisorischen Impfstation an der Grenze impfen zu lassen.  

Globaler Kampf

Die Weltgesundheitsorganisation hatte zudem 1967 einen globalen Kampf gegen die Pocken ausgerufen. In allen Erdteilen wurde nun geimpft. Heute gelten die Pocken als so gut wie ausgestorben. Alles Dank der zwei kleinen Schnitte am Oberarm, die in Deutschland bis 1975 alle ab dem Alter von einem Jahr bekamen. Dann wurde die Pockenimpfpflicht ausgesetzt.  

Schluckimpfung ist süß

Zuckerwürfel © NDR Foto: NDR
Der Impfstoff wurde auf Zuckerwürfel geträufelt.

Der Kampf gegen die Pocken ist nur die eine Geschichte des Impfens, auch in Schleswig-Holstein. Eine andere ist die Ausrottung des Virus, der zur Kinderlähmung führt. In den 1960er Jahren sah man die Plakate überall in Schleswig-Holstein: "Kinderlähmung ist grausam, Schluckimpfung ist süß." Mit einem Stück Zucker, auf den der Impfstoff geträufelt wurde, wollte man eine Krankheit besiegen, an der vor allem Kinder erkrankten. Sie bekamen durch die Krankheit Lähmungen, die zum Tod oder zu einem lebenslangen Leiden führte. 

Bewusstseinswandel

Vom Fernsehen wurde die Aktion ebenfalls unterstützt. 1964 berichtete der NDR über eine Schluckimpfung, an der auch der damalige Ministerpräsident des Landes, Helmut Lemke, mit seiner Frau und seiner Tochter teilnahmen. Mit einem entschlossenen Schluck sieht man da den Ministerpräsidenten das Stück Zucker aus einem kleinen Becher nehmen. Ein bisschen zaghafter machte es seine Familie nach. Eine mediale Unterstützung, die nötig war, denn die Impfskepsis war in Deutschland traditionell hoch. Am Besten war es eben, die Krankheiten erst gar nicht zu bekommen.

Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 31.01.2021 | 19:30 Uhr