Zeitreise: 70 Jahre Pavillon-Schulen in Kiel

Sendedatum: 09.05.2021 19:30 Uhr

Vor 70 Jahren wurden in Kiel die ersten Pavillonschulen gebaut. Der neuartige Schulbautyp war damals das Gegenteil der bis dahin gängigen Lernkasernen.

von Thomas Kahlcke

Für die einen sind sie international beachtete Bauwerke von höchster Qualität, für die anderen sind sie ein Geldgrab mit unendlichem Sanierungsbedarf: Die Wellen schlagen hoch, wenn in Kiel über die sogenannten "Schroeder-Schulen" gesprochen wird. Unbestritten ist jedoch: Die 21 Gebäude, über das ganze Stadtgebiet verteilt, bilden ein weltweit einmaliges Ensemble an Pavillon-Schulen.

Ein Bild aus dem Unterricht an einer der Kieler Pavillonschulen. © Peter Cornelius
Mit hellen Räumen und offenen Schulhöfen sollte nach dem Zweiten Weltkrieg die neue Schulform überzeugen.
Reformpädagogik der 1920er Jahre

Als es nach Nationalsozialismus und Zweitem Weltkrieg darum ging, wie man die Menschen zu friedlichen Demokraten erziehen könnte, gerieten die Schulen in den Fokus. Autoritäre Halbgötter, die den Zöglingen das Wissen eintrichterten, und düstere Herrschaftsarchitektur, die blinde Ehrfurcht erzeugten - so konnte es nicht funktionieren. Stattdessen besann man sich vielerorts auf die Reformpädagogik der 1920er Jahre: Die jungen Leute sollten nach ihren Neigungen und Fähigkeiten gefördert und in ihrer individuellen Entwicklung unterstützt werden.

Licht, Luft und Transparenz im Schulunterricht

Die Gebäude dafür entwarf der Kieler Magistratsbaudirektor Rudolf Schroeder. Jede Klasse bekam einen eigenen Pavillon mit einem Garten, der auch für den Unterricht genutzt werden sollte. Die Klassenräume sind quadratisch und von mehreren Seiten belichtet. So gibt es auch bei alternativen Lernformen wie der Gruppenarbeit keine dunklen Ecken. Verbunden sind die Pavillons durch offene Laubengänge. Licht, Luft, Transparenz statt Hierarchie und Machtgehabe - das war das Credo.

Ein Bild der Friedrich-Junge-Schule in Kiel. © Peter Cornelius
Die Friedrich-Junge-Schule in Kiel war eine der Ersten, die nach den Idealen der Reformpädagogik erbaut wurde.
Schroeder-Schulen unter Denkmalschutz

So entstanden in den 1950er und 60er Jahren in der Stadt Kiel 21 "Schroeder-Schulen", 13 von ihnen stehen heute unter Denkmalschutz. Sie werden von Architektur-Kennern auf der ganzen Welt sehr geschätzt: Nirgendwo sonst gibt es ein so großes, gestalterisch wertvolles Ensemble an Pavillon-Schulen. Aber viele der Gebäude sind mittlerweile sanierungsbedürftig. Nun muss geklärt werden, wie mit dem historischen Erbe umgegangen wird. Kann und will sich die Stadt die Sanierung aller Schroeder-Schulen leisten? Sind die Pavillon-Schulen überhaupt noch den Anforderungen von heute gewachsen? Argumente für diese Diskussion möchte auch eine Tagung liefern, die im Mai unter dem Titel "Kieler Pavillon-Schulen & der Schulbau zwischen 1920-1950" am Kunsthistorischen Institut der Kieler Universität stattfindet.

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Dampflokomotive aus dem 19. Jahrhundert. © dpa - report Foto: Votava

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 09.05.2021 | 19:30 Uhr