Zeitreise: 25 Jahre nach dem Brandanschlag in der Hafenstraße

Stand: 15.01.2021 17:00 Uhr

Der Brand mit zehn Toten bleibt eine offene Wunde: Bis heute ist ungeklärt, wer im Januar 1996 im Lübecker Asylbewerberheim das Feuer gelegt hat.

von Naïs Baier

Ein Vierteljahrhundert später kämpfen Menschen in Lübeck noch immer für Aufklärung. Menschen wie Abdulla Mehmud, damals auch Asylbewerber, und Jana Schneider, für die ihre Arbeit politisches Erbe ist. Auf seinem Weg zur Arbeit wird Abdulla Mehmud täglich an die Tragödie erinnert. Täglich kommt er am Gedenkstein vorbei und sieht die leere Stelle, an der das Haus 52 damals stand. "Ich kann es immer noch nicht glauben, dass so etwas passieren konnte. Als ich damals davon gehört habe, bin ich sofort losgelaufen", erzählt der heute 60-Jährige.

Abdulla Mehmud steht vor einer Gedenkstätte in der Hafenstrße © NDR/naïv bayer Foto: NDR/naïv bayer
Der frühere Asylbewerber Abdulla Mehmud erinnert sich an das Feuer von 1996 in Lübeck.

Rückblick, der 18. Januar 1996: Zwischen drei und vier Uhr morgens bricht im Asylbewerberheim in der Hafenstraße 52 ein Feuer aus. 50 Asylbewerber aus Afrika und dem Nahen Osten leben damals in dem alten freistehenden Haus an der Trave. Sie werden von den Flammen im Schlaf überrascht. Panisch versuchen die Menschen, unter ihnen viele Familien mit Kindern, vor dem Feuer zu fliehen. Viele springen aus den Fenstern.

Zehn Tote, zwei Prozesse, keine Verurteilung

38 Menschen verletzen sich in der Nacht, tragen Verbrennungen oder Brüche davon. Zehn Menschen sterben, darunter sieben Kinder. War es ein Anschlag, womöglich rassistisch motiviert? Oder wurde das Feuer von einem der Bewohner gelegt? Für beide Thesen gibt es damals Tatverdächtige, gegen die ermittelt wird. Vier Grevesmühlener sollen sich in der Tatnacht in der Hafenstraße aufgehalten haben, drei von ihnen haben am nächsten Tag Sengspuren im Gesicht. Doch einer der Sanitäter will in der Brandnacht ein Geständnis von einem der Bewohner gehört haben: "Wir waren es", habe ein damals 21-jähriger Asylbewerber ihm gesagt. Der streitet das ab. Der folgende Prozess wird begleitet von Ungereimtheiten: Verschiedene Brandgutachten, die den Ursprung und Verlauf des Feuers unterschiedlich beschreiben, widersprüchliche Übersetzungen von mitgeschnittenen Gesprächen des Angeklagten aus der U-Haft, Geständnisse eines Verdächtigen aus der rechten Szene, die der dann zurückzieht - um nur einige zu nennen.

Kampf für Gerechtigkeit

Für Abdulla Mehmud ist der Prozess damals eine große Enttäuschung: "Ich hatte viel Vertrauen in die deutsche Demokratie und den deutschen Rechtstaat. Aber das war keine richtige Verhandlung damals, das war lächerlich." Die These eines rassistischen Brandanschlags wird von der Staatsanwaltschaft schnell fallengelassen, die Tatverdächtigen werden freigelassen. Der Verdächtige aus dem Haus wird angeklagt und freigesprochen. Bis heute ist der Fall nicht aufgeklärt. "Für mich war das ein Massaker", sagt Abdulla Mehmud. "Und dass damals Opfer zu Täter gemacht wurden und es bis heute nicht aufgeklärt ist, das ist eine offene Wunde für mich. Das schreit nach Gerechtigkeit."

Jana Schneider von der Initiative Hafenstraße sitzt an ihrem Schreibtisch © NDR/naïv bayer Foto: NDR/naïv bayer
Die Initiative Hafenstraße’96 um Jana Schneider hat sich zur Aufgabe gemacht, das politische Erbe des Anschlags weiterzutragen, um gegen Rassismus vorzugehen.
Damit Erinnerungen nicht verblassen

Der Brandanschlag vor 25 Jahren prägt Abdulla Mehmuds Leben bis heute. Sowohl beruflich als auch ehrenamtlich setzt er sich seitdem für Flüchtlinge in Lübeck ein. Zu den Familien aus der Hafenstraße hält er bis heute Kontakt und setzt sich dafür ein, dass an die Opfer des Brandanschlags erinnert wird. Unterstützt wird er dabei von der Initiative Hafenstraße’96 um Jana Schneider. Die Lübeckerin hat den Anschlag als Kind miterlebt, auch sie prägt das bis heute. "Ich bin auf die gleiche Schule gegangen wie die überlebenden Kinder aus der Hafenstraße. Das war für mich nicht weit weg. Heute ist das für mich ein politisches Erbe." Mit der Initiative kämpft Jana Schneider dafür, dass die Erinnerung wach bleibt.

"Gedenken & Anklagen"

Jedes Jahr im Januar organisieren sie eine Gedenkveranstaltung - in diesem Jahr eine ganze Woche unter dem Motto "Gedenken & Anklagen". Ihr Hauptanliegen in 2021: eine Online-Petition für einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss. Seit über zwei Jahrzehnten sammelt die Initiative dafür Prozessnotizen, Zeitungsartikel und Briefe der Bewohnerinnen und Bewohner. "Noch gibt es eine Chance, den Fall aufzuklären und die Fehler der Behörden zu untersuchen", sagt Jana Schneider. "Wir wollen, dass das Thema rechte Gewalt präsent bleibt und klar wird: Das ist kein Problem der 1990er Jahre, das ist auch unser Problem heute." Auch Abdulla Mehmud hofft immer noch auf eine juristische Klärung der Tat - damit die Wunde endlich heilt.

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Dieses Thema im Programm:

Schleswig-Holstein Magazin | 17.01.2021 | 19:30 Uhr