Stand: 16.10.2019 15:35 Uhr

NS-Verbrechen: So viele Verfahren laufen noch

von Julian Feldmann

Insgesamt laufen derzeit bundesweit 29 Strafverfahren wegen NS-Verbrechen. Das ergaben Recherchen von Panorama 3. Neben zwei Verfahren gegen KZ-Aufseher, die zur Anklage gebracht wurden, laufen noch Ermittlungsverfahren gegen 22 mutmaßliche weitere KZ-Wachleute. Außerdem sind noch fünf weitere Ermittlungsverfahren gegen mutmaßliche Beteiligte anderer Mordtaten in der Nazizeit anhängig. Ein Überblick.

KZ Sachsenhausen

Die Staatsanwaltschaft Neuruppin ermittelt derzeit gegen elf mutmaßliche Wachleute des Konzentrationslagers Sachsenhausen in Brandenburg. Die Zentrale Stelle zur Aufklärung von NS-Verbrechen in Ludwigsburg hatte Mitte des Jahres Vorermittlungsverfahren zu zwölf mutmaßlichen KZ-Wärtern an die Staatsanwaltschaft in Neuruppin abgegeben. Die Behörde leitete Ermittlungsverfahren ein, stellte eins zwischenzeitlich jedoch bereits ein.

KZ Ravensbrück

Die Staatsanwaltschaft Neuruppin führt ein Ermittlungsverfahren gegen eine ehemalige Aufseherin des Konzentrationslagers Ravensbrück. Ursprünglich hatte die Zentrale Stelle zur Aufklärung von NS-Verbrechen Vorermittlungen zu weiteren Wachleuten an die Staatsanwaltschaft Neuruppin abgegeben, inzwischen sind alle anderen Verfahren jedoch eingestellt, weil die Beschuldigten verstorben beziehungsweise nicht mehr vernehmungsfähig sind. Die Staatsanwaltschaft Neuruppin ist örtlich zuständig für Verbrechen, die in den Konzentrationslagern Sachsenhausen und Ravensbrück verübt wurden.

Gaskammer aus einem Vernichtungslager.

Letzter NS-Prozess? KZ-Wachmann vor Gericht

Panorama 3 -

In Hamburg steht ab Oktober ein ehemaliger Wachmann des Nazi-Konzentrationslagers Stutthof vor Gericht. Es könnte einer der letzten Prozesse gegen einen mutmaßlichen NS-Verbrecher sein.

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KZ Stutthof

Bundesweit laufen vier Verfahren in Zusammenhang mit dem Konzentrationslager Stutthof bei Danzig. Gegen zwei Frauen, die als Schreibkräfte im Konzentrationslager Stutthof Ihren Dienst gemacht haben sollen, ermitteln die Staatsanwaltschaften in Itzehoe und Lübeck. Der ehemalige SS-Wachmann Bruno D. steht in Hamburg vor Gericht. Das Landgericht Wuppertal muss noch über die Zulassung der Anklage gegen einen 94-jährigen Wuppertaler entscheiden.

KZ Mauthausen

Gegen Wachleute des KZ Mauthausen in Österreich laufen derzeit noch zwei Ermittlungsverfahren. Die Staatsanwaltschaft Kassel ermittelt gegen einen 95 Jahre alten ehemaligen Wärter, der heute im Landkreis Kassel lebt. Die Münchner Staatsanwaltschaft ermittelt gegen einen mutmaßlichen Wachmann, der in Oberbayern wohnt. Ein Strafverfahren gegen einen 95-jährigen Mann aus Berlin-Neukölln ist inzwischen eingestellt worden. Die Staatsanwaltschaft Berlin hatte ihn wegen Beihilfe zum Mord an mindestens 36.223 Menschen angeklagt. Das Landgericht lehnte die Zulassung der Anklage ab. Das Berliner Kammergericht entschied im Mai über die Beschwerde der Staatsanwaltschaft und lehnte die Anklage ebenfalls ab. Es sei nicht nachgewiesen, dass der ehemalige SS-Mann als Wachmann im Stammlager des KZ Mauthausen gearbeitet hätte, sondern nur in einem Außenlager.

KZ Buchenwald

Die Staatsanwaltschaft Erfurt ermittelt gegen sechs ehemalige Wachleute des Konzentrationslagers Buchenwald. Auch diese Verfahren gehen zurück auf Vorermittlungen der Zentralen Stelle in Ludwigsburg. Die Staatsanwaltschaft Erfurt ist örtlich zuständig für Verbrechen im KZ Buchenwald in der Nähe von Weimar.

Massaker von Oradour

Mitglieder der Waffen-SS ermordeten im Juni 1944 beim Massaker von Oradour-sur-Glane in Frankreich 642 Zivilisten. Die Staatsanwaltschaft Dortmund führt in dem Zusammenhang noch ein Ermittlungsverfahren. Die Anklage gegen einen Angehörigen der SS-Division "Das Reich" ließ das Landgericht Köln nicht zu. Ursprünglich hatte die Staatsanwaltschaft Dortmund gegen sieben Beschuldigte ermittelt. Ein Prozess ist nicht mehr zu erwarten.

Massaker von Ascq

Ermittlungen in Zusammenhang mit dem Massaker von Ascq in Nordfrankreich, bei dem 86 Unschuldige ermordet wurden, führt ebenfalls noch die Staatsanwaltschaft Dortmund. Die umfangreichen Ermittlungen richteten sich anfangs gegen drei Beschuldigte. Im Fall Ascq wird es keinen Prozess mehr geben.

Massaker von Babyn Jar

Die Staatsanwaltschaft Kassel ermittelt gegen einen 1921 geborenen Mann aus dem hessischen Schwalm-Eder-Kreis, weil er als Angehöriger eines Bataillons der Waffen-SS am Massaker von Babyn Jar im September 1941 in der Nähe von Kiew beteiligt gewesen sein soll. Bei dem Massaker von Babyn Jar ermordeten die Deutschen innerhalb von zwei Tagen mehr als 33.000 Juden. Weitere Verfahren wegen des Massakers sind inzwischen eingestellt.

Morde in Galizien

Die Staatsanwaltschaft Darmstadt führt ein Ermittlungsverfahren gegen ehemalige Angehörige der "Sicherheitspolizei" und des "Sicherheitsdienstes" in Kolomea in Galizien in der heutigen Ukraine. Insgesamt richtet sich das Verfahren gegen 17 Beschuldigte. Ob überhaupt noch einer der mutmaßlichen Täter lebt, ist unklar. Die Verdächtigen sind mindestens 95 Jahre alt.

Todesmarsch von KZ-Häftlingen

Gegen eine 97-jährige Frau ermittelt die Staatsanwaltschaft Hamburg wegen Mordtaten in Zusammenhang mit einem sogenannten Todesmarsch. Die Hamburgerin war auch Aufseherin im KZ Bergen-Belsen. Beim Todesmarsch vom KZ Grünberg im heutigen Polen bis nach Guben und dann weiter nach Bergen-Belsen starben 1.400 Frauen. Ein Prozess ist äußerst unwahrscheinlich.

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Dieses Thema im Programm:

Panorama 3 | 24.09.2019 | 21:15 Uhr