Sendedatum: 29.04.2014 21:15 Uhr  | Archiv

Marode Brücken: Wut über Stau und Umwege

von Mareike Burgschat, Philipp Hennig & Jörg Hilbert

Langsam pressen sich die Autos in die enge Baustelle. Ein ganz normaler Vormittag auf der A7, Höhe Ausfahrt Hamburg-Heimfeld. Seit mehr als zwei Monaten wird dort die Autobahnbrücke mit Stahl verstärkt, wieder fit gemacht für den Verkehr, denn der hat der 1971 fertiggestellten Brücke heftig zugesetzt. Die Baustelle ist für Rolf Schmerder eine echte Geduldsprobe. Der Angestellte pendelt zwischen Wohnort in Lüneburg und Arbeitsplatz in Hamburg. Eigentlich benötigt er pro Strecke rund eine Stunde. Mit der Baustelle kann es doppelt so lange dauern. "Das ist psychisch eine enorme Belastung", berichtet der Pendler.

VIDEO: Marode Brücken: Wut über Stau und Umwege (8 Min)

Jahrzehnte auf Verschleiß gefahren

Rolf Schmerder
Rolf Schmerderpendelt zwischen Lüneburg und Hamburg. Für ihn sind die Bauarbeiten eine echte Belastung.

Doch die Querung der A7 über die Stader Straße bei Heimfeld ist längst nicht die einzige kaputte Brücke im Norden. Mehr als die Hälfte aller Brücken auf Bundesfernstraßen wurde zwischen 1960 und 1980 gebaut. Die Brücken wurden jahrzehntelang einfach auf Verschleiß gefahren, für Instandsetzungen wurde zu wenig Geld ausgegeben. Professor Manfred Curbach von der Fakultät für Bauingenieurwesen an der TU-Dresden meint: "Wir hätten nie anfangen dürfen Brücken überhaupt zu vernachlässigen. Heute weiß jeder Einfamilienhaus-Besitzer dass er  jedes Jahr irgendwas an seinem Haus tun muss, damit es auch in 20 Jahren, in 30 Jahren seinen Kindern gut vererbt werden kann."

Viele Brücken vor dem Kollaps

Wegen Brückenschäden müssen LKW oft andere Wege nutzen.
Dort wo PKW noch ungehindert passieren dürfen, ist für LKW oft kein Durchkommen mehr.

Jetzt stehen viele Brücken vor dem Kollaps. Das bemerken als erstes Unternehmen, die Schwertransporte über 40 Tonnen durch das Land fahren müssen. Dort wo PKW noch ungehindert passieren dürfen, ist für solche Transporte oft kein Durchkommen mehr. Sie müssen große Umwege in Kauf nehmen, weil Brücken ihr Gewicht nicht mehr verkraften. Solche Umwege bedeuten mehr Mautgebühren, mehr Arbeitszeit, mehr Diesel. Da kommen schnell hunderte Euro Extrakosten für einen einzigen Transport zusammen.

Doch nach den Sperrungen für Schwerlasttransporte folgen nun nicht selten Einschränkungen für den PKW-Verkehr. Bei maroden Brücken dürfen die Straßenbauverwaltungen kein Risiko eingehen. Die Sicherheitsstandards sind hoch.

Bewusst ins Brückenchaos gesteuert

Dirk Fischer
Dirk Fischer, fast 25 Jahre verkehrspolitischer Sprecher der Union, mahnte schon lange, dass zu wenig Geld für die Sanierung bereitgestellt wird.

Die Verkehrspolitik ist ganz bewusst in dieses Brückenchaos gesteuert. Bereits 1996 berichtete die Bundesregierung dem Bundestag über Schäden an Bauwerken der Bundesverkehrswege. Da heißt es: "Abnutzungserscheinungen und Schäden stellen sich insbesondere durch die ständig steigenden Verkehrsmengen, zunehmende Verkehrslasten aber auch durch zu geringe oder zu späte Erhaltungsarbeit ein." Doch offensichtlich wurden daraus nicht die richtigen Konsequenzen gezogen. Dirk Fischer war fast 25 Jahre verkehrspolitischer Sprecher der Union. Die Verkehrsminister kamen und gingen, er blieb. "Ich hab auch in meiner Fraktion Jahr für Jahr gesagt: Wir haben zu wenig Geld. Doch da war das Denken: Die Verkehrspolitiker wollen sich wieder selbst bedienen. Das ist alles übertrieben, was die fordern. Ich glaube es war nicht übertrieben." Diese Erkenntnis hat inzwischen wohl auch der aktuelle Verkehrsminister, Alexander Dobrindt. Erhaltungsinvestitionen sollen zukünftig Vorrang vor Aus- und Neubau haben.

Gigantische Staus

Für 2014 stellt die Bundesregierung 950 Millionen Euro für Brücken auf Bundesfernstraßen zur Verfügung. Nun muss der Sanierungsstau am kranken Patienten Brücke wieder wett gemacht werden. In den kommenden Jahren werden auch in Norddeutschland Dutzende Brücken aufgrund von Schäden gründlich instand gesetzt. Neubauten gibt es dann, wenn jede Hilfe zu spät kommt. Allein im Großraum Hamburg müssen 20 Brücken instand gesetzt oder neu gebaut werden. Gigantische Bauvorhaben - gigantische Staus. Und das nur, weil jahrzehntelang zu wenig Geld für die Instandhaltung von Brücken getan wurde.

Dieses Thema im Programm:

Panorama 3 | 29.04.2014 | 21:15 Uhr

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