Stand: 26.02.2019 16:55 Uhr

Geschäfte mit vergifteten Grundstücken

von Jörg Hilbert

In Niedersachsen haben zwei private Investoren für Millionen von Euro drei Liegenschaften gekauft, die mit Rückständen aus der Pulver- und Sprengstoffproduktion belastet sind. Der Kauf sorgt in den betroffenen Landkreisen Nienburg, Verden und Goslar für Verunsicherung. Denn von den Flächen gehen Gefahren für Böden und Grundwasser aus.

Schild Gefahrenbereich Betreten verboten

Geschäfte mit vergifteten Grundstücken

Panorama 3 -

Ein ehemaliges Militärgelände ist stark mit Altlasten verseucht. Nun soll es verkauft werden. Panorama 3 ist fragwürdigen Geschäften auf der Spur.

5 bei 10 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

Der Tageszeitung "HARKE" aus Nienburg/Weser und Panorama 3 liegen exklusiv Unterlagen über die Verhandlungen zwischen Käufern und Verkäufern sowie dem Land Niedersachsen vor. Der Kaufpreis soll sieben Millionen Euro betragen haben. Doch die Käufer wollen die teilweise vergifteten Liegenschaften offenbar mit Grundschulden in Höhe von 4,5 Millionen Euro belasten. Das Umweltministerium versucht derweil von dem Verkäufer, der Immobilien GmbH, im Jahr 2014 zugesicherte Millionenbeträge für die Sanierung der Flächen zu bekommen.

Das privatisierte NS-Erbe

Nach dem Zweiten Weltkrieg waren viele Rüstungsstandorte in Niedersachsen in den Händen der Industrieverwaltungsgesellschaft. Die IVG gehörte der Bundesrepublik Deutschland, die damit als Rechtsnachfolgerin des "Dritten Reiches" Verantwortung für die giftigen Hinterlassenschaften übernahm. Doch ab den achtziger Jahren wurde die IVG privatisiert und das Gift gleich mit.

Bild vergrößern
Der Geologe und Umweltschützer Friedhart Knolle hält dies für einen unglaublichen Skandal.

"Das ist ein unglaublicher Skandal, so hat man sich der Verantwortung für diese Altlasten entledigt", kritisiert Friedhart Knolle. Der Geologe und Umweltschützer aus dem Harz beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit den giftigen Hinterlassenschaften der NS-Rüstungsproduktion. Für ihn gehören diese in die Hand des Staates. Und tatsächlich führt die Privatisierung der Altlasten zu einem jahrelangen Streit zwischen der IVG und dem Land Niedersachsen. Die IVG will nicht verantwortlich sein für die Sanierung, das Land sieht die IVG in der Verantwortung als direkte Nachfolgerin der MONTAN. Die MONTAN hat die Rüstungsproduktion für die Nazis organisiert.

Der 30-Millionen-Vergleich

Bild vergrößern
Betroffen sind niedersächsische Liegenschaften in Dörverden, Liebenau und Clausthal-Zellerfeld.

Im Jahr 2014 einigen sich die IVG und das Land Niedersachsen auf einen Vergleich. Die IVG stellt 30 Millionen Euro für die Sanierung verschiedener Rüstungsaltlasten im Land bereit - in Raten. Jährlich sollen zwei Millionen Euro fließen, 15 Jahre lang. Zweidrittel sind für die Sanierung der Standorte "Werk Tanne" in Clausthal-Zellerfeld sowie der Pulverfabriken in Liebenau und Dörverden. Doch die IVG will sich Ende 2019 auflösen. Die drei Standorte hat sie an private Investoren verkauft. Die Eickhofer Heide GmbH & Co KG hat die Liegenschaften in Dörverden und Liebenau gekauft. Die Halalai Verwaltungs GmbH das ehemalige "Werk Tanne". Nach uns und der HARKE vorliegenden Informationen für sieben Millionen Euro. Uns teilen die Investoren mit, man wolle Forst- und Jagdwirtschaft betreiben.

Der Gift-Kauf

Bild vergrößern
Joachim Woock und seine Schüler konnten bereits in den 80er Jahren Rückstände von Arsenkampfstoffen feststellen.

Doch auf den Liegenschaften in Dörverden und Liebenau sind Grundwasser und Böden mit Rückständen aus der Pulverproduktion belastet. In Dörverden wurden auch Arsenkampfstoffe produziert. Joachim Woock hat mit seinen Schülern bereits Ende der 80er Jahre auf der Altlast hunderte Arsenplättchen gefunden. Er ist überzeugt: "Es liegen noch immer solche Plättchen auf dem Areal." Die Untersuchungen dieser beiden Standorte haben gerade erst begonnen. Weiter ist man in Clausthal-Zellerfeld. Im dortigen "Werk Tanne" versucht man mit Millionenaufwand zu verhindern, dass sprengstofftypische Substanzen mit dem Sickerwasser das Gelände verlassen. Ob das von der IVG zugesicherte Geld reicht, das weiß niemand.

Zu retten, was zu retten ist

Bild vergrößern
Frank Doods, Staatssekretär im niedersächsischen Umweltministerium, sieht eine Vereinbarung mit den Käufern positiv.

Das Land Niedersachsen will mit der IVG und den Käufern eine Vereinbarung schließen. So sollen die von der IVG zugesagten Millionen gesichert werden. Der HARKE und Panorama 3 liegt exklusiv ein Entwurf dieser Vereinbarung vor. Offenbar soll die IVG 20 Millionen Euro, abzüglich der bisher ausgegeben Mittel und abzüglich einer Grundschuld von 4,5 Millionen Euro, für die Sanierung der drei Standorte überweisen. Die Grundschuld sollen die neuen Eigentümer abtragen und von 2026 bis 2028 an das Land überweisen. Frank Doods, Staatssekretär im niedersächsischen Umweltministerium sieht darin einen Vorteil: "Weil wir das Geld dann sicher haben."

Kritik und Unsicherheit bleibt

Nicht in allen Landkreisen kommt dieses Geschäft gut an. Die grüne Bundestagsabgeordnete Katja Keul aus dem Kreis Nienburg hat für den Verkauf kein Verständnis. Sie betont: "Aufgrund der hohen Gefährlichkeit der Rückstände muss gewährleistet sein, dass die Sanierung auch wirklich stattfindet." Das könne ein privater Investor nicht garantieren. Nun bleibt abzuwarten, ob das Geld von der IVG wirklich kommt und ob die neuen Besitzer pünktlich zahlen.

Weitere Informationen

Riesige Chemiewaffen-Altlast liegt in der Heide

Nach dem Zweiten Weltkrieg ist südöstlich von Munster (Heidekreis) giftige Munition entsorgt worden - in einem Teich. Das Gewässer gibt es nicht mehr - dafür Altlasten im Boden. mehr

Gift im Bau: Asbest steckt in vielen Gebäuden

Asbest ist krebserregend und steckt trotz Verbots noch immer in vielen Häusern. Experten gehen davon aus, dass in Schleswig-Holstein Zehntausende Gebäude betroffen sind. mehr

Dieses Thema im Programm:

Panorama 3 | 26.02.2019 | 21:15 Uhr