Stand: 26.03.2019 17:00 Uhr

Falsche Förderung: Warum im Norden das Netz lahmt

von Katrin Kampling & Lucie Kluth

50 Mbit/s für alle Haushalte bis Ende 2018. Jahrelang hat die Bundesregierung dieses Ziel wie ein Mantra ausgegeben und ist doch gescheitert. Zwar sind laut Breitbandatlas rund 83 Prozent aller Haushalte versorgt, aber erstens sind das eben nicht alle Haushalte und zweitens gibt es besonders auf dem Land große Geschwindigkeitslücken. Zum Beispiel in Mecklenburg-Vorpommern: auf dem Land können gerade mal ein Drittel der Menschen mit 50 Mbit/s im Internet surfen. Zwei Drittel aber eben nicht.

Ein Mann ärgert sich über das langsame Netz.

Falsche Förderung: Warum im Norden das Netz lahmt

Panorama 3 -

50 Mbit/s für alle Haushalte bis Ende 2018 - das war das Ziel der Bundesregierung. Doch besonders auf dem Land gibt es nach wie vor große Geschwindigkeitslücken.

4,33 bei 9 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

Wartende Sanduhr, geruckelte Bilder

Bild vergrößern
Rüdiger Franzke ärgert sich täglich über sein langsames Internet.

"Das ist tiefstes Mittelalter", ärgert sich Rüdiger Franzke aus der Gemeinde Heringsdorf auf Usedom. Seine Ferienwohnungen liegen vier Kilometer von den großen Ferienorten entfernt, im so genannten Achterland. Gerade mal sechs Mbit/s kann der Rentner momentan überhaupt hier bekommen - wenn es gut läuft. Tagsüber liegt die Geschwindigkeit häufig darunter. Für ein paar E-Mails reicht das aus, aber bei Filmen in der Mediathek sieht er meistens nur die wartende Sanduhr oder geruckelte Bilder.

Die ländliche Region kommt oft zu kurz

Lange galt beim Breitband-Ausbau die Maxime: privat vor Staat. Das heißt: Die Telekommunikationsunternehmen sollten auf eigen Kosten ausbauen - ohne Förderung vom Staat. Aber die Unternehmen haben vor allem dort ausgebaut, wo sie viele Verträge abschließen konnten und Gewinne erwarteten. Das ist in größeren Orten und den Städten einfacher als auf dem Land.

Erst 2015 griff die damalige Bundesregierung ein und setzte eine Förderung für den flächendeckenden Breitbandausbau auf. Und das auch noch halbherzig: Denn damit wurde auch die so genannte Vectoring-Technik gefördert. Dabei wird das schnelle Glasfaserkabel nicht bis ans Haus gelegt, sondern nur bis zu einem Verteilerkasten. Von da führt das alte Kupferkabel zum Haus. Damit kann man 50 Mbit/s und mehr erreichen. Aber je mehr Häuser am Verteilerkasten hängen, desto langsamer wird die Verbindung.

Darum lahmt das Internet: Der Ausbau ist zu teuer.

Von dieser Förderung habe laut Experten vor allem die Telekom profitiert. Denn sie besitzt die alten Kupferleitungen. Und indirekt hat auch der Bund etwas davon: Ihm gehören insgesamt fast ein Drittel der Telekom-Aktien. Das zuständige Verkehrsministerium wollte Panorama 3 zwar kein Interview geben, teilt aber mit, dass die Beteiligung an der Telekom bei der Entwicklung der Fördermaßnahmen keine Rolle gespielt habe. Generell sei der Ausbau des Netzes nach wie vor vordringlich eine privatwirtschaftliche Aufgabe, heißt es aus dem Ministerium.

Schleswig-Holstein zeigt wie es gehen kann

Doch es geht auch anders, wie Schleswig-Holstein zeigt: Seit zehn Jahren fördert die Politik intensiv den Breitband-Ausbau. Immerhin hat hier auf dem Land  jeder zweite Haushalt mindestens 50 Mbit/s. Und: Schleswig-Holstein setzt schon länger auf Glasfaser bis ans Haus. Diese Leitungen erreichen leicht Geschwindigkeiten von bis zu 1000 Mbit/s. Schon 35 Prozent der Haushalte in Schleswig-Holstein haben inzwischen so einen Glasfaser-Anschluss bis ans Haus. Bundesweit liegt der Schnitt nur bei 8,5 Prozent. Allerdings nutzen ihn nicht alle.

Bild vergrößern
Bürgermeisterin Elke Jasper kämpft für ein ein schnelles Netz in ihrer Gemeinde.

Gefördert werden Breitbandzweckverbände zum Beispiel durch vergünstigte Kredite des Landes. Auch der Ort Tellingstedt im Kreis Dithmarschen hat sich mehreren Gemeinde zusammengetan. "Ich möchte unbedingt, dass wir für die Zukunft gewappnet sind", sagt Elke Jasper, Bürgermeisterin von Tellingsstedt. Doch das Projekt wäre beinahe gescheitert. Der Grund: Auch die Telekom bietet nun Verträge mit etwas besseren Geschwindigkeiten im Ort an - mit der Vectoring-Technik. Viele Tellingstedter wollten deshalb keinen neuen Vertrag. Aber nur wenn genügend Haushalte beim Glasfasernetz mitmachen, kann der Ausbau beginnen, da er ansonsten zu teuer ist.

Elke Jasper musste ihre Mitbürger deshalb überzeugen, machte Werbung in einem Info-Laden und sammelte Unterschriften. Für die Bürgermeisterin kam das Konkurrenz-Angebot der Telekom überraschend, sagt sie. Das Unternehmen teilt hingegen mit, es habe immer die Absicht gehabt Tellingstedt  zu verkabeln. Doch die Tellingstedter haben Glück gehabt: Nach mehreren Anläufen kamen doch noch genügend Verträge zusammen, der Glasfaser-Ausbau im Ort wird voraussichtlich in den nächsten Monaten beginnen.

Weitere Informationen
02:47
extra 3

Die verrücktesten Internetverbindungen auf dem Land

extra 3

Deutschland und die Digitalisierung - das ist Pleiten, Pech und Pannen. Vor allem auf dem Land. Wenn es wenigstens an irgendeiner Milchkanne einen Glasfaseranschluss gäbe, wäre ja schon viel gewonnen. Video (02:47 min)

Glasfasernetz-Ausbau: Joint Venture beschlossen

Bis zu zwei Milliarden Euro wollen die Telekom und der Energieversorger EWE in den Ausbau des Glasfasernetzes investieren. Dazu haben sie ein Joint Venture gegründet. mehr

Verbraucherzentrale: Zusatzkosten beim Glasfaseranschluss

In Schleswig-Holstein haben Verbraucher offenbar immer mehr Probleme mit dem Anschluss an das schnelle Internet. Bei den Verbraucherzentralen gehen zahlreiche Beschwerden ein. mehr

Dieses Thema im Programm:

Panorama 3 | 26.03.2019 | 21:15 Uhr