Stand: 13.01.2020 13:24 Uhr

Ersatzmutter für Babys: Ein Vollzeitjob als Ehrenamt

von Katrin Kampling

Das Ehrenamt von Samia Martin wiegt etwa zehn Kilo und ist 18 Monate alt: Es ist ein kleines Mädchen, das seit Sommer bei der Familie Martin wohnt. Samia Martin ist Bereitschaftspflegemutter und nimmt übergangsweise kleine Kinder auf, die vom Jugendamt aus ihrer Familie geholt werden. Meistens sind Martins Pflegekinder unter einem Jahr alt - kleine Babys, die viel Fürsorge benötigen. Und meistens ziehen sie überraschend ein: Wenn Familie Martin kein Baby pflegt, kann jederzeit das Telefon klingeln. Nur Stunden später holen sie einen Säugling ab, der auf unbestimmte Zeit bei ihnen bleiben wird und sie ab dann 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche beschäftigen wird. Daneben voll arbeiten zu gehen, ist nicht denkbar. Trotzdem gilt Martins Tätigkeit als Ersatzmutter nicht als Job und bringt ihr keine Rentenpunkte ein. Krankenversichert ist sie über ihren Mann. Kurz: Sie gilt als klassische Hausfrau.

Ersatzmutter für Babys: Ein Vollzeitjob als Ehrenamt

Panorama 3 -

Bereitschaftspflegemütter wie Samia Martin nehmen Kinder auf, die vom Jugendamt aus ihren Familie geholt werden. Offiziell ist der Einsatz ehrenamtlich - und das stört die Pflegeeltern.

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Knapp 1.800 Kinder werden im Norden von Eltern getrennt

Wie dem kleinen Mädchen, das gerade bei den Martins wohnt, geht es vielen Kindern in Norddeutschland: 2018 wurden knapp 1.800 Kinder unter sechs Jahren in Obhut des Jugendamtes genommen, davon kamen rund 1.000 in staatlichen Einrichtungen wie Kinderschutzheimen unter. Die anderen konnten bei geeigneten Personen, zumeist in einer Bereitschaftspflege, untergebracht werden. Für viele Experten ist das die beste Unterbringung gerade für die Kleinsten. Und so setzen viele norddeutsche Städte und Landkreise auf Eltern wie Samia Martin.

Vorläufige Schutzmaßnahmen Norddeutschland 2018
Inobhutnahmen Kinder unter 6 JahreGeeignete PersonenGeeignete Einrichtungen o.ä.
Schleswig-Holstein335164171
Hamburg23722215
Bremen17267105
Niedersachsen836412424
Mecklenburg-Vorpommern19281111
Gesamt17727461026
Quelle: Statistisches Bundesamt

So schreibt beispielsweise die Stadt Hamburg, der besondere Wert der Bereitschaftspflege liege darin, dass Kinder "in einer 'echten Familie' sind und so ein familiäres, möglichst vertrauensvolles Umfeld haben". Ähnlich sieht das die Stadt Flensburg: Der Schichtbetrieb in den Kinderschutz-Einrichtungen sei gerade für die Kleinsten schwierig und sie könnten darin emotional "schnell verloren gehen". Die Folge: "Sie wissen dann gegebenenfalls nicht, wo sie hingehören und wo sie ihren Schmerz ob der Trennung von den Eltern lassen sollen."

Die Stadt Neumünster geht aus dem Grund sogar noch weiter: Sie vermitteltn Säuglinge und Kleinkinder bis zu einem Alter von drei Jahren vorrangig in Bereitschaftspflegefamilien, die auch zur Dauerpflegestelle für das Kind werden können, wenn die Wahrscheinlichkeit sehr groß ist, dass es nicht zu den leiblichen Eltern zurückkehren kann. Denn: "Ein häufiger Wechsel der Bezugsperson (…) ist für ein Kind hoch belastend und gefährdet die gesunde sozial-emotionale Entwicklung." Eine prägende Erfahrung in einer prägenden Zeit.

Ein Ehrenamt ohne richtige Pause

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Samia Martin fordert, dass die Stadt zumindest Sozialversicherungsbeiträge für Bereitschaftspflegeeltern wie sie zahlt.

Bereitschaftspflege ist also ein enorm wichtiges Instrument für den Schutz von Säuglingen und Kleinkindern. Und genau deshalb ist es so wichtig, dass es Menschen wie Samia Martin gibt. Aber immer weniger Familien wollten oder konnten diese Aufgabe in den vergangenen Jahren übernehmen. Denn Bereitschaftspflege ist ein Ehrenamt, das sich allein vom Zeitaufwand schlecht mit anderen vergleichen lässt. "Mein Ehrenamt habe ich 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche", sagt Martin. "Mein Ehrenamt weckt mich nachts, wenn es Hunger hat oder ein Zähnchen kommt. Mein Ehrenamt kommt mit in den Urlaub und mein Ehrenamt bestimmt vielleicht auch, wohin dieser Urlaub gehen kann."

Martin findet das nicht mehr zeitgemäß. Denn die Bereitschaftspflege-Hauptperson könne neben der Pflege der kleinen Kinder keiner weiteren Arbeit nachgehen. Sie habe dafür ihre "persönliche Emanzipation über Bord werfen müssen", erzählt sie. "Sich noch mal so vom Partner abhängig zu machen, ist nicht einfach, wenn man vorher auf sich selbst gestellt war." Sie hat früher in der Immobilienfinanzierung einer großen Bank gearbeitet, wollte sich aber neu orientieren. Jetzt gilt sie als Hausfrau. Denn für Martin werden keine Sozialabgaben gezahlt, sie ist nicht arbeitslosen- oder pflegeversichert, die Krankenversicherung läuft über ihren Mann. Auch die Altersvorsorge muss sie privat betreiben. Dafür gibt es einen Zuschuss der Stadt in Höhe von 42 Euro. "Wenn ich mir das mal hochrechne, dann ist das ein Lacher. Das ist keine Altersvorsorge", zeigt sich die Pflegemutter enttäuscht. Bei diesem Konzept trage die Bereitschaftspflegeperson alle Risiken: "Das sind Kinder, die der Stadt in Obhut gegeben werden. Und wir erledigen diese Aufgabe für die Stadt. Dann hat die Stadt zumindest die Verantwortung, dafür zu sorgen, dass wir für Notfälle abgesichert sind." Das ginge, glaubt Martin, indem die Stadt Sozialabgaben für sie zahle. 

Karte: Kosten vorläufiger Schutzmaßnahmen pro Monat

Die Kosten für die Unterbringung von Kindern, sind in Norddeutschland sehr unterschiedlich. In Hamburg kostet die Unterbringung pro Kind bei einer geeigneten Person (wie Bereitschaftspflegeeltern) die Stadt 1.449 €. Der Landkreis Plön gibt 1.801€ dafür aus. Dafür kostet ein Platz im Heim in Plön weniger als die Hälfte (5.171€) in Hamburg hingegen 11.842€.

Bereitschaftspflege günstiger als Kinderschutzheim

Doch das ist nicht so einfach. Erst vor zwei Jahren hat ein Urteil des Bundesozialgerichts bestätigt, dass ein Ehrenamt sozialversicherungsfrei ist. Wo die Stadt allerdings Gestaltungsspielraum hätte, ist bei der Höhe des Rentenzuschusses. Das habe man aber erst mal nicht vor, heißt es von der Behörde. Und das obwohl die Stadt durch Menschen wie Samia Martin sehr viel Geld spart. Eine Bereitschaftspflegeperson bekommt in Hamburg 1.449 Euro Pflege- und Erziehungsgeld: 593 Euro Pflegegeld, von denen Martin alle laufenden Kosten für das Pflegekind bestreiten soll, wie Kleidung, Essen, Wohnkosten, oder auch mal ein neues Paar Schuhe. Die restlichen 856 Euro Erziehungsgeld sind dafür gedacht, den Mehraufwand der Martins auszugleichen. Das Geld soll auch die Zeit entschädigen, in der Samia Martin kein Kind pflegt und sich erholen muss. Ein Platz im Kinderschutzheim kostet Hamburg dagegen täglich fast 390 Euro: rund 11.900 Euro im Monat.

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Martin Helfrich ist Pressesprecher der Behörde für Arbeit, Soziales, Familie und Integration in Hamburg.

Die Sozialbehörde der Stadt Hamburg hält dagegen: "Grundsätzlich bleibt unsere Überzeugung: Bei dem, was Pflegepersonen leisten, handelt es sich um ein Ehrenamt, das ist keine vergütete Tätigkeit, das ist kein Job", sagt Pressesprecher Martin Helfrich. "Eine Tätigkeit, zu der ich mich aus freien Stücken entschließe, die für die Stadt einen ganz hohen Dienst leistet und für die Kinder, die aber eben ein Ehrenamt ist." Wer Bereitschaftspflege als Vollzeitjob ansehe und damit seinen Lebensunterhalt verdienen wolle, der müsse das als ausgebildete Fachkraft tun, in sogenannten "Lebensgemeinschaften". Das bedeutet allerdings auch automatisch: mehrere Kinder auf einmal pflegen. 

Für Samia Martin ist die Argumentation unverständlich. Es fehle einfach an politischem Willen, die Situation der Bereitschaftspflegeeltern zu ändern. Sie liebt ihre Aufgabe dennoch. "Aber ich bin im Moment echt am Grübeln: Kann ich mir das leisten?"

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Dieses Thema im Programm:

Panorama 3 | 14.01.2020 | 21:15 Uhr