Stand: 29.01.2018 17:34 Uhr Archiv

Einsamkeit: Die Folgen für die Vergessenen

von Nils Naber und Esra Özer

"Es ist leer. Um mich herum ist es leer", sagt Hartwig Blecher. Seit einigen Jahren werde dieses Gefühl in ihm immer stärker, meint der gelernte Industriekaufmann. Die meiste Zeit am Tag hält er sich in seiner Wohnung im ostfriesischen Großheide auf und verfolgt am Bildschirm, was da draußen in der Welt vor sich geht. Früher lebte er mal hier und mal dort in Europa, traf überall auf neue Menschen. Doch einen direkten Freundeskreis an seinem Wohnort hat er heute nicht. Reisen ginge nicht, meint er, dafür fehle ihm das Geld. Hartwig Blecher, 64, lebt heute von Hartz-IV, weil seine Fähigkeiten nirgendwo mehr gebraucht würden, wie er sagt. 

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"Leer, öde oder einsam"

Hartwig Blecher © NDR Foto: Screenshot
Hartwig Blecher zog für seine Kinder zurück nach Ostfriesland. Der 64-Jährige lebt heute von Hartz-IV - und fühlt sich nicht mehr gebraucht.

Vor einigen Jahren ist er nach Ostfriesland zurückgezogen, weil dort seine Kinder leben. Obwohl er sie regelmäßig sehe, ändere das an seinem Gefühl nichts: "Die wenigen Stunden, die ich mit meinen Kindern verbringe, die sind nur ein kleiner Teil meines Lebens. Und die vielen Abende und vor allem die vielen Nachmittage an denen ich alleine hier bin, die fühlen sich dann schon etwas leer, öde oder einsam an."

Ein gesellschaftliches Problem

Sonia Lippke © NDR Foto: Screenshot
Für Sonia Lippke, Professorin für Gesundheitspsychologie an der Jacobs University in Bremen, ist Einsamkeit ein gesellschaftliches Problem.

Vor allem Menschen aus sozialen Schichten mit geringerer Bildung, die wenig Geld zur Verfügung haben, fühlen sich eher einsam, meint Sonia Lippke, Professorin für Gesundheitspsychologie an der Jacobs University in Bremen. "Die Risikogruppen sind Arbeitslose, die sich immer mehr zurückziehen und dann irgendwann gar nicht mehr so raus kommen aus ihrer eigenen Wohnung oder irgendwann aus ihrer eigenen Haut." Dieses Problem betreffe viele Menschen. Oft hätten sie kein Geld, um viel zu unternehmen und fühlten sich auch so, als würden "sie nicht in die Gesellschaft reinpassen." Für Prof. Lippke ist Einsamkeit daher ein gesellschaftliches Problem:  "Einsamkeit ist ein großes Thema." Darüber müsse sich die Politik im Klaren sein.

In Großbritannien hat man das offenbar erkannt und vor wenigen Tagen ein eigenes Ministerium für Einsamkeit geschaffen. Die Sportministerin Tracey Crouch übernimmt dieses Amt mit. Prof. Lippke unterstützt diesen Ansatz. "Ein Minister kann das Thema ins Bewusstsein der Menschen holen aber eben auch Maßnahmen und Aktionen anstoßen."

Gesundheitliche Probleme und Rückzug

Einsamkeit steht auch im Zusammenhang mit körperlichen Gesundheitsproblemen, von Schlafstörungen bis zum Herzinfarkt. In Deutschland wird Einsamkeit eher bei älteren Menschen wahrgenommen. Dabei sind alle Bevölkerungsgruppen betroffen, auch vor allem junge Erwachsene. Durch unseren Lebensstil und die zunehmende Digitalisierung drohe hier auch ein Problem, so Prof. Lippke. Besonders viele jüngere Menschen wüssten gar nicht mehr, wie man mit Anderen richtig kommuniziert oder Konflikte austrägt. "Viele ziehen sich zurück. Sitzen nur noch hinter ihrem PC oder Smartphone, dass führt dann in so einem Teufelskreis dazu, dass ein immer stärkerer Rückzug zu beobachten ist."

Verstärkt Angebote für einsame Menschen

Christel Schulz © NDR Foto: Screenshot
Christel Schulz arbeitet als "Dörpkieker" und kümmert sich um einsame Menschen.

Doch das Auftauchen von Einsamkeitsgefühlen kann auch als Ansporn genutzt werden, etwas zu unternehmen. Menschen, die aus dieser Situation raus wollen, hilft Christel Schulz aus Torgelow. Sie arbeitet als sogenannter "Dörpkieker" in abgelegenen Gegenden Vorpommerns, wo immer weniger soziale Veranstaltungen angeboten werden. Sie bietet zum Beispiel Yoga-Kurse an. Die anfängliche Skepsis haben viele Teilnehmer schnell abgelegt. "Auf jeden Fall entwickelt sich daraus ein wichtiger Zusammenhalt. Ganz oft machen die Leute anschließend auch was anders zusammen. Manchmal entstehen Freundschaften", sagt Christel Schulz. Das sei ihr sehr wichtig.

Auch viele andere Sozial- und Wohlfahrtsverbände versuchen, einsamen Menschen zu helfen. Sie bieten Besuchsdienste von Ehrenamtliche an oder veranstalten Nachbarschafttreffen. Mehr politische Unterstützung täte ihrem Engagement gut.

 

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Panorama 3 | 30.01.2018 | 21:15 Uhr

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