Sendedatum: 29.01.2013 21:15 Uhr  | Archiv

Einsam im Alter: Folgen für die Vergessenen

von Dörte Petsch & Brid Roesner

Manchmal ist die Einsamkeit für Margret Maletschek aus Bremen unerträglich. Dann muss sie plötzlich weinen, wenn sie am Küchentisch sitzt. Dann ist der Alltag ganz allein einfach zu bedrückend. Auch das Radio und der Fernseher können nicht darüber hinwegtäuschen, dass da niemand ist - niemand zum Reden, niemand, der zuhört. Margret Maletscheks Mann lebt nach einem Schlaganfall im Pflegeheim, die Söhne weit weg im Ausland. Der einzige Kontakt zur Außenwelt ist der Pflegedienst, der täglich kommt.

VIDEO: Einsam im Alter – die Folgen für die Vergessenen (9 Min)

15 Minuten Gesellschaft

Einsam im Alter
Der einzige Kontakt zur Außenwelt ist für Sigrid Kriete oft der Pflegedienst.

Doch 15 Minuten Gesellschaft sind nichts gegen mehr als 23 Stunden Einsamkeit am Tag. Knapp zwei Millionen Menschen über 80 Jahre leben in Deutschland allein. Laut des Deutschen Zentrums für Altersfragen (DZA) hat jeder vierte alte Mensch nur noch einmal im Monat Besuch von Freunden und Bekannten. Dazu kommt eine nicht zu unterschätzende Dunkelziffer von Senioren, die gar keinen Kontakt mehr zur Umwelt haben. Ein Problem, das sich in den nächsten Jahren ziemlich sicher verschärfen wird, denn die Gruppe der 80- bis 85-Jährigen wächst. Ein Problem, das vor allem in den Städten immer größer wird, aber zunehmend auch auf dem Lande nicht unbekannt ist. Übriggeblieben - alleingelassen mitten in unserer Gesellschaft.

Kaum soziale Kontakte

Helma Kurth spricht manchmal vier Tage lang mit niemandem. Routine wird dann für sie zu etwas Besonderem: Nur beim Einkaufen kommt die Hamburgerin unter Menschen; spricht mit Taxifahrern und Kassiererinnen. In ihrer Not hat sich die 80-Jährige an Susanne Lehmann von der "Aktion Augen auf!" der AWO Hamburg gewandt.

Lehmann hat für die alte Dame eine Ehrenamtliche gefunden, die sie einmal in der Woche für ein paar Stunden besucht: "Wir stellen ganz klar fest, dass es immer mehr einsame Menschen gibt. Und ich denke, dass ist auch nur die Spitze des Eisberges derer, die vielleicht Hilfe bräuchten. Viele hat man noch gar nicht ausfindig gemacht."

In Bremen kümmert sich Gaby Dönselmann um Menschen, die von anderen vergessen wurden, die teils Monate keinen Fuß mehr vor die Tür gesetzt haben: "Sobald die Mobilität eingeschränkt ist und die älteren Menschen sich nicht mehr trauen, alleine nach draußen zu gehen, vereinsamen sie zu Hause", sagt sie. "Die Einsamkeit kommt meistens schleichend."

Vor vier Jahren gründete Dönselmann die Initiative"Aufsuchende Altenarbeit / Hausbesuche". Das Motto "Begegnen, Besuchen, Begleiten, Beraten" ist dabei das Ziel des Projekts. Die besondere Schwierigkeit liegt darin, die einsamen Senioren zu finden: "Hinter jeder Tür könnte einer leben. Deswegen sind wir auch auf die Hinweise von Multiplikatoren wie Ärzten oder Apothekern angewiesen." Denn nicht selten sind sie die einzigen sozialen Kontakte von alleinstehenden älteren Menschen - die einzigen Menschen, mit denen sie hin und wieder sprechen, mal abgesehen von der Kassiererin im Supermarkt.

Einsamkeit macht traurig und krank

Ebenfalls in Bremen gibt es seit einem Jahr so genannte "Wohlfühlanrufe" des Vereins "Ambulante Versorgungslücken". Für einen kleinen Jahresbeitrag können sich alte Menschen anrufen lassen. Die Nachfrage steigt, weit über die Grenzen der Hansestadt hinaus. Das Wohlfühltelefon versteht sich laut der Initiatorin Elsbeth Rütten unter anderem als ein Präventivangebot. "Das wohltuende Wissen darum, dass am anderen Ende der elektronischen Leitung ein realer Mensch sitzt, der zuhört, nachfragt, mit dem man gemeinsam eine gewisse Zeit lachen oder auch nachdenklich sein kann, erleichtert nicht selten den Griff zum Telefon, wenn eine kritische Situation entsteht", betont sie.

Längst ist erwiesen, dass Einsamkeit nicht nur traurig macht, sondern nicht selten krank. "Einsamkeit führt dazu, dass der Körper immensen Stress erlebt, Immun- und Herzkreislaufsystem stark geschädigt werden", sagt Altersforscher Oliver Huxhold vom DZA. "Einsamkeit verringert die Lebenserwartung." Für die Experten ist es nicht überraschend, dass in keiner anderen Altersgruppe die Zahl der Suizide so hoch ist wie bei den über 80-Jährigen.

Dieses Thema im Programm:

Panorama 3 | 29.01.2013 | 21:15 Uhr

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