Stand: 12.05.2020 14:30 Uhr

Dürre und Hitze: Was die Landwirtschaft ändern muss

von Lucie Kluth, Nils Naber

"Eine Pflanze hat es geschafft", ruft Matthias Kagel und bückt sich zu einer kleinen grünen Pflanze. Sie steht auf einem staubigen, braunen Feld an der Müritz. Eigentlich müssten überall Kartoffelpflanzen aus dem Boden kommen. Doch um Matthias Kagel herum ist nichts als braune Erde. "Die Trockenheit macht uns das Leben schwer", ruft der Landwirt verzweifelt. Seit März hat es kaum geregnet. Eine Beregnungsanlage war Matthias Kagel bisher zu teuer.

Dürre und Hitze: Was die Landwirtschaft ändern muss

Panorama 3 -

Im dritten Dürrejahr in Folge fürchtet die Landwirtschaft wieder um die Ernte. Immer mehr Bauern wollen in ihrer Not das Grundwasser abpumpen. Ist das nachhaltig?

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Sorgt sich um seine Pflanzen: Matthias Kagel.

So wie hier in Mecklenburg-Vorpommern fehlt den Landwirten vielerorts in Norddeutschland Wasser. Manche befürchten ein weiteres Dürrejahr, nach 2018 und 2019. Ob es dazu kommt, hängt vom Niederschlag in den kommenden Wochen ab. März und April waren viel zu trocken, obwohl die Pflanzen gerade jetzt Wasser zum Keimen gebraucht hätten. Es zeichnet sich ab, dass immer mehr Landwirte sogenanntes "Zusatzwasser" brauchen, um ihre Pflanzen mit Hilfe von Beregnungsmaschinen am Leben zu halten.

Grundwassernutzung vervielfacht sich

Allein in Mecklenburg-Vorpommern wurde im Jahr 2016 (21,4 Mio. m³) mehr als achtmal so viel Grundwasser für die Bewässerung in der Land- und Forstwirtschaft eingesetzt, als noch im Jahr 2007 (2,6 Mio. m³). Nach Auskunft der Unteren Wasserbehörden sind im Land heute auch mehr Grundwasserbrunnen für die Bewässerung in Betrieb als vor zwanzig Jahren. Im Landkreis Ludwigslust-Parchim hat sich die Zahl der Brunnen sogar von 2010 bis 2020 fast verdreifacht.

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Immer öfter müssen Felder bewässert werden.

Niedersachsens Umweltminister Olaf Lies (SPD) hält das Grundwasserthema für ein "Riesenthema" und eine "Riesenherausforderung". Bis spätestens Ende der Legislaturperiode im Jahr 2022 will er ein Wasserkonzept vorlegen. Daraus soll hervorgehen, wie künftig mit dem knappen Gut Wasser umgegangen werden kann, damit einerseits die Trinkwasserversorgung sichergestellt ist und andererseits Landwirtschaft und Industrie ausreichend Wasser zur Verfügung haben. Schon jetzt zeichnet sich ab: Ohne große Speicherbauwerke dürfte es schwer werden. "Wir müssen die großen Mengen, die im Winter runterkommen, viel stärker nutzen, um daraus Grundwasserneubildung zu machen und sie nicht einfach in die Nordsee einleiten", sagt Lies.

Kaum Anzeichen für Entspannung

Nach Angaben des für das Grundwasser zuständigen niedersächsischen Landesbetriebs für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) hat sich die Grundwasserssituation im Jahr 2019 im Vergleich zum Trockenjahr 2018 in Niedersachsen "insgesamt deutlich verschärft." Auch die aktuelle Trockenheit macht sich bemerkbar: "Trotz der ergiebigen Niederschläge im Winter 2019/20 zeigte aktuell nur ein Teil der Messstellen einen deutliche Grundwasseranstieg". Für die nahe Zukunft sehen die Mitarbeiter des NLWKN "wenig Anlass", um von einer "grundlegenden Entspannung der Grundwassersituation" auszugehen.

Binnenentwässerung soll verändert werden

Lange Zeit war es das Ziel besonders im Nordwesten des Landes Wasser möglichst loszuwerden, um Acker- und Weideland trocken zu legen. Dafür wurden vor langer Zeit Gräben gezogen und Siele angelegt. Laut Prof. Matthias Schöniger von der TU Braunschweig ergaben Berechnungen, dass durch die Binnenentwässerung in einem 1.000 Quadratkilometer großen norddeutschen Küstengebiet (Ostfriesland - Wilhelmshaven - Friesland) aktuell und in Zukunft jährlich rd. 115-145 Mio. Kubikmeter Oberflächenwasser über die Deiche in die Nordsee gepumpt werden. Zum Vergleich: Ein olympisches Schwimmbecken von 50 Meter Länge, 25 Meter Breite und zwei Meter Tiefe fasst 2,5 Millionen Liter Wasser, was 2.500 Kubikmeter entspricht. Die abgepumpte Menge entspricht also 58.000 olympischen Schwimmbecken.

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Will mehr Wasser zurückhalten: Vinzenz Bauer.

Im eigentlich wasserreichen Emsland macht sich Vinzenz Bauer von der Landwirtschaftskammer für ein Umdenken stark. "Wir möchten jetzt gerne einen neuen Weg gehen und versuchen, das Wasser stärker zurückzuhalten, damit mehr hier versickert." So will er die Grundwasserneubildung erreichen. Aus seiner Sicht muss dringend etwas passieren. Denn nur in seinem Landkreis hat Vinzenz Bauer eine rapide Zunahme von Anträgen auf Grundwasserentnahme durch die Landwirtschaft beobachtet. "Wir hatten früher immer ein paar Dutzend Anträge pro Jahr. Jetzt ist es so, dass wir jenseits der 50 Anträge sind, während der letzten beiden Jahre." Doch ohne nennenswerte Fördermittel vom Land, dem Bund oder von der EU wird der Umbau der Wasserbewirtschaftung im Land nicht zu schaffen sein.

Hunderte neue Wasserspeicher benötigt

Im östlichen Niedersachsen ist Beregnung schon seit Jahrzehnten notwendig, um gute Erträge auf den landwirtschaftlich genutzten Flächen zu erreichen. Ulrich Ostermann, Geschäftsführer beim Kreisverband der Wasser- und Bodenverbände Uelzen, hat deshalb viel Erfahrung im Zurückhalten von Wasser. Er geht davon aus, dass im Raum Uelzen 90 Prozent der landwirtschaftlichen Flächen beregnet werden können. Im ganzen Landkreis wurden dafür seit den 1960er Jahren 4000 km Rohrleitungen verlegt.

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Fordert dringend den Bau neuer Speicher: Ulrich Ostermann.

Besonders stolz ist Ulrich Ostermann auf die beiden riesigen Wasserspeicher in Stöcken und Borg. In den sogenannten Stapelteichen sammeln die Landwirte Wasser aus der Zuckerrübenproduktion für die Beregnung. Die Bauwerke, die 2004 und 2014 eingeweiht wurden, haben viele Millionen Euro gekostet. Die Landwirte mussten einen Teil der Baukosten selbst tragen. "Das ist finanziell für die Landwirte natürlich oftmals schwierig. Nur aus der Mehrmenge an Wasser kriegt man ja nicht gleich so viel mehr Produkte produziert, die man dann auch verkaufen kann", erklärt Ulrich Ostermann. Da die Landwirte im Raum Uelzen aber nicht nur die Speicher nutzen, sondern auch das Grundwasser, droht auch hier perspektivisch eine Knappheit, zumal bei länger anhaltenden Trockenperioden. Ulrich Ostermann fordert daher von der Politik ein Programm für den Bau von hunderten Wasserspeichern in Ostniedersachsen. "Wir werden die Investitionen nicht bereuen." Die Speicher würden "schon recht bald" gebraucht, meint er.

Wenn das Wasser hier knapp wird, befürchtet Landwirt Norbert Hilmer aus Jarlitz ernste Konsequenzen. Schon heute muss er wegen der Trockenheit eine schwierige Abwägung vornehmen: "Wir sind schon soweit, dass wir Grenzertragsstandorte still legen und nichts damit machen. Stattdessen versuchen wir die Feldfrüchte mit Wasser zu versorgen, von denen wir uns am meisten versprechen. Die anderen fallen hinten runter."

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Dieses Thema im Programm:

Panorama 3 | 12.05.2020 | 21:15 Uhr