Stand: 25.05.2020 15:19 Uhr

Zum Tode von Paul Kersten

von Christoph Bungartz, Abteilungsleiter Kultur und Wissen | NDR Fernsehen

So also hausen Kulturredakteure, dachte ich mir, als ich Paul Kerstens Büro im Haus 11 in Lokstedt zum ersten Mal betrat. Sein Schreibtisch war eine Bücherhalde. Romane, Sachbücher, Lexika, Lyrikbände, Treatments und Manuskripte: Alles stapelte er um sich herum. Papierloses Büro? Clean Desk Policy? Keine Rede davon. Aber in dieser Höhle hatte ich sofort das Gefühl: Hier ist einer ganz und gar beseelt von seinem Thema, der Literatur. Hier ist einer, von dem du etwas lernen kannst.

Bild vergrößern
Paul Kersten, langjähriger Moderator und Redakteur des Bücherjournals, ist im Alter von 76 Jahren verstorben.

1988, ein paar Wochen nach Beginn meines NDR Volontariats, habe ich Paul Kersten kennengelernt. Er gab mir ein paar gute Tipps, wie ich an eine Ausbildungsstation beim Bücherjournal kommen konnte - damals war das Volontariat noch nicht so gut organisiert wie heute. Nicht viel später war ich dann der erste Volontär in der Literaturredaktion und durfte in Paul und seinen Kollegen unglaublich engagierte und kreative Fernsehmenschen erleben. Bilder finden, wo es erstmal keine Bilder gibt, den Spagat meistern zwischen Anspruch und Popularität, der Einsatz von Musik, von Stimmungen - in all dem war das Bücherjournal eine großartige Schule. Und Paul Kersten ein wunderbarer Macher und Ratgeber.  

1973, das Bücherjournal war gerade aus der Taufe gehoben, kam Paul Kersten zum NDR. Geboren 1943 in Brakel, aufgewachsen in Holzminden, hatte er in Hamburg Germanistik und Philosophie studiert und mit einer Arbeit über die Dichterin Nelly Sachs seinen Doktortitel erworben. Unzählige Magazinbeiträge und Dokus über literarische Themen hat er im Lauf der Jahre produziert, einige preisgekrönt. Anfangs drehte er auch Stücke für das Magazin "Sie-Er-Es", die feministische Avantgarde im NDR Programm der 1970er-Jahre. Kaum eine literarische Größe, die Paul Kersten nicht interviewt hätte: Astrid Lindgren, Günter Grass, Elias Canetti, Elfriede Jelinek, John LeCarré, Siegfried Lenz, Martin Walser, Stanislaw Lem, Sarah Kirsch, Oliver Sacks, Hans Magnus Enzensberger, Peter Rühmkorf - und immer wieder Walter Kempowski. Kultur- und Zeitdokumente sind diese Beiträge heute. Archivschätze.

Ab Mitte der 1990er-Jahre moderierte Paul Kersten das Bücherjournal, das nun Ende 2020 eingestellt wird. Und im Kulturjournal präsentierte er Woche für Woche originell gestaltete Büchertipps, bei denen er gern auch mal sein komödiantisches Talent ausspielte. In der Redaktion mochten ihn die Kolleginnen, weil er immer mal wieder ohne jeden Anlass Rosen verteilte, und alle, weiblich oder männlich, mochten ihn als Witzeerzähler. Sein Humor war allerdings oft abgründig - darin spiegelte sich seine nachdenkliche, melancholische Seite. Von der konnte man auch in seinen eigenen Erzählungen, Romanen und Gedichten lesen, die er seit 1978 veröffentlichte. Schon sein Debüt "Der alltägliche Tod meines Vaters" fand viel Beachtung. Die Kindheit als verlorenes Paradies, Träume und Erinnerungen, Liebe, Abschied, Endlichkeit - das waren seine Themen. Seit 1988 gehörte Paul Kersten der Freien Akademie der Künste in Hamburg an, seit 1993 auch dem PEN-Zentrum Deutschland. 

Die Bücherhalde. Manchmal sah es so aus, als würde er sich dahinter verschanzen. Paul Kersten wusste, dass Literatur, Kunst und Musik auch Trost spenden können, wenn das Leben einem übel mitspielt. Er hat früh seine Frau verloren, und in den Jahren im Ruhestand war seine Gesundheit immer stärker angegriffen. Geistig aber war er hellwach, gelesen und geschrieben hat er bis zuletzt. Am 15. Mai ist Paul Kersten im Alter von 76 Jahren gestorben.

Dieses Thema im Programm:

Kulturjournal | 25.05.2020 | 22:45 Uhr