Stand: 12.05.2020 11:54 Uhr

Inger Lison: "Pippi hat eine Entlastungsfunktion"

Bild vergrößern
Inger Lison ist Kinder- und Jugendbuchexpertin und arbeitet an der Universität in Hannover.

Stark, mutig und unangepasst: Pippi Langstrumpf lässt sich von niemandem was sagen, auch nicht von Obrigkeiten wie Lehrern oder Polizisten. Damit wurde sie zum Vorbild für viele Frauen - schon vor der Frauenbewegung. 1945 ist das Buch "Pippi Langstrumpf" von Astrid Lindgren erschienen, in einer Zeit, in der Mädchen und Frauen noch ganz andere Rollen ausfüllen mussten: still, angepasst, den Eltern oder Ehemännern treu ergeben. Die Kinder- und Jugendbuchexpertin Inger Lison spricht über den Stellenwert des Buches in unserer heutigen Zeit.

Pippi wird schon 75 Jahre alt. Spielt sie heute überhaupt noch eine Rolle für Kinder?

Video
04:12

Pippi Langstrumpf wird 75 Jahre

Vor 75 Jahren erschien das erste "Pippi Langstrumpf"-Buch. Die Verlegerin Silke Weitendorf war damals das erste Mädchen, das die Geschichte von Astrid Lindgren lesen durfte. Video (04:12 min)

Die Bücher über Pippi Langstrumpf haben immer noch einen festen Platz in den Bücherregalen gegenwärtiger Kinderzimmer. Studierende aus meinen Kinder- und Jugendliteraturseminaren sagen mir oft, dass sie mit Pippi  vertraut sind. Sie haben die Bücher selbst als Kind gelesen oder kennen das stärkste Mädchen der Welt aus den Filmadaptionen mit Inger Nilsson als Hauptdarstellerin. Zudem berichten Sie von Vorlesesituationen, in denen sie den ihnen anvertrauten Kindern aus "Pippi Langstrumpf" vorlesen. Meine Kinder und ihre Freundinnen und Freunde lesen die Bücher auch heute mit Begeisterung, in einer Zeit, in der sehr früh schon der Druck entsteht, sich in den sozialen Medien möglichst so zu präsentieren, dass man viele Likes bekommt, möglichst einem Schönheitsideal zu entsprechen. Da ist "Pippi Langstrumpf" ein Buch mit einer Entlastungsfunktion.

Inwiefern?

Weil Pippi als das rousseausche Naturkind zu ihrem Aussehen steht und rundherum damit zufrieden ist. Sie lässt sich zum Beispiel keine Salbe aufschwatzen, die ihre Sommersprossen "kurieren" soll. Sie trägt viel zu große Schuhe. Sie ist stolz auf ihre roten Haare, obwohl schon damals rote Haare nicht dem gängigen Schönheitsideal entsprachen. Man darf nicht vergessen: Astrid Lindgren hat damit auch eine Art Parodie auf gängige "Mädchenliteratur" der damaligen Zeit geschrieben. Zum Beispiel auf "Anne auf Green Gables" - ein Mädchen, das sich für seine roten Haare und Sommersprossen schämt. Pippi dagegen ist, wie sie ist. Und sie mag sich selbst genau so, wie sie ist.

Weitere Informationen

Pippi Langstrumpf neu entdeckt

Das stärkste Mädchen der Welt wird 75 Jahre alt. 1945 erschien in Schweden das erste "Pippi Langstrumpf"- Buch. Katrin Engelking verlieh der frechen Bilderbuchheldin hierzulande ihr Gesicht. mehr

Das Buch galt im biederen Deutschland als revolutionär. Ein starkes Mädchen, das ganz alleine klarkommt. Wie war das in Schweden, wo es 1945 erschien?

In Schweden herrschten ganz andere Rezeptionsbedingungen vor als in Deutschland. Die Veröffentlichung von "Pippi Langstrumpf" fiel in Schweden in die Zeit des Modernismus. Kennzeichnend dafür war unter anderem der Bruch mit ästhetischen und literarischen Konventionen und Normen. Zudem konnte im neutralen Schweden in den 1940er-Jahren eine öffentlich ausgetragene Erziehungsdebatte über die freiheitliche Erziehung, die durch die Ideen von Bertrand Russell und Alexander Sutherland Neill getragen wurden, stattfinden. Die Fantastische Literatur und Nonsenseliteratur konnten aus dem angelsächsischem Bereich in Schweden bereits in den 1930er- und 1940er-Jahren Fuß fassen. Das war in Deutschland wegen des Zweiten Weltkrieges nicht möglich. Diese Strömungen konnten dann erst nach Beendigung des Zweiten Weltkrieges mit Hilfe von "Pippi Langstrumpf" und der Literatur, die die Besatzungsmächte als wertvoll erachteten, im deutschen Rezeptionsraum etabliert werden. Hier wurde dann in der ersten Zeit wieder auf Klassiker wie beispielsweise Robert Louis Stevensons "Die Schatzinsel", Mark Twains "Tom Sawyer" und Emmy von Rhodens "Trotzkopf" gesetzt. Sie müssen sich vorstellen, dass zur Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland nur Kinder- und Jugendbücher erlaubt waren, die mit der nationalsozialistischen Ideologie konform waren. Und dann kommt mit Pippi Langstrumpf ein Kind daher und widersetzt sich allen erwachsenen Autoritäten.

Und Deutschland war 1949, als "Pippi Langstrumpf" erschien, völlig hinterm Mond?

Nein, es gab die bereits erwähnten Klassiker und die wunderbaren Bücher von Kurt Held, Lisa Tetzner und Erich Kästner, die dann wieder publiziert werden durften. Kästner hat einen ähnlichen kinderaffinen Erzählton wie Astrid Lindgren und er hat dieselbe Hochachtung vor Kindern, ist nie von oben herab, sondern solidarisch. Da gibt es schon Parallelen. Aber 1949 war Pippi Langstrumpf als starkes, unabhängiges Mädchen wirklich ein Novum. Erst in den 1970ern, zum Beispiel mit Christine Nöstlinger und später mit Dagmar Chidolue, Renate Welsh, Kirsten Boie und Cornelia Funke kamen Mädchenfiguren, die sich mit Pippi vergleichen lassen.

Und heute?

Heute sehe ich teilweise einen Rückschritt in der Ausgestaltung von weiblichen Kinder- und Jugendbuchfiguren. Nicht so sehr bei den Bilderbüchern, da sieht es anders aus. Da machen sich die "Powerprinzessinnen" teilweise selbst auf die Suche nach ihrem Prinzen und warten nicht darauf, "wachgeküsst" oder mit Hilfe eines Turniersieges erobert zu werden. Aber wenn Sie sich zum Beispiel "Prinzessin Lillifee" oder die Protagonistinnen der "Drei !!!" oder der "Frechen Mädchen" anschauen, da ist mitunter ein stereotypes und auf klassische weibliche Schönheitsideale beschränktes Mädchenbild enthalten.

Das Gespräch führte Lennart Herberhold

Dieses Thema im Programm:

Kulturjournal | 11.05.2020 | 22:45 Uhr

Kriegstagebuch: Astrid Lindgrens andere Seite

Pippi, Michel, Ronja - die Bücher von Astrid Lindgren verkauften sich millionenfach. Ihr "Kriegstagebuch" ist nahezu unbekannt und wirft ein neues Licht auf ihre Geschichten. mehr