Die Fernblickhäuser auf Fehmarn

Stand: 06.10.2020 14:11 Uhr

Für viele Fehmaraner sind sie wie drei Stacheln im Auge: Die Fernblickhäuser auf Fehmarn. Gleichzeitig sind sie ein Wahrzeichen der Ostsee-Insel. Wieso stehen die da?

von Maryam Bonakdar

Der erste Eindruck, wenn man von der Straße auf die Fernblickhäuser zufährt: abweisend. Mächtig. Eine gesichts- und fensterlose Betonwand aus drei Hochhäusern, die sich in den Boden geschraubt hat. "Schandfleck" nennen manche Insulaner die markanten Hochhäuser in Burgtiefe. Was viele auf den ersten Blick nicht ahnen: Hier steckt ein ausgeklügeltes Konzept eines Stararchitekten dahinter.

Stararchitekt soll Fehmarn zum Touristenzentrum machen

Rückblick ins Jahr 1963. Damals wird die Fehmarnsundbrücke gebaut. Es ist die Zeit, in denen die Deutschen Schleswig-Holstein als Urlaubsort für sich entdecken. Durch die neue Verbindung vom Festland auf die Insel boomt der Tourismus auch auf Fehmarn.

Bereits 1961 planen Politiker, den Südstrand von Burgtiefe zu modernisieren. Ihre Idee: Es soll in der bis dahin bestehenden Dünenlandschaft ein ganzer Badeort neu errichtet werden. Mit verbreitertem Strand, einem Schwimmbad, einem "Haus des Kurgastes" und Unterbringungen für die Touristen. Die Verantwortlichen schreiben einen Bauwettbewerb aus - und ein Architekt und Designer aus Dänemark, Arne Jacobsen, soll den Vorsitz übernehmen. Doch der lehnt ab. Denn er möchte selbst einen Vorschlag einreichen. In Stockholm und Kopenhagen hatte Arne Jacobsen mit seinen SAS Hotels bereits für Furore gesorgt. Auch seine Designerstühle sind zu dem Zeitpunkt weltberühmt. Sein Entwurf für Fehmarn gewinnt.

Jedes Zimmer mit Meerblick

Dem Architekten sind Transparenz, minimalistisches Design, Funktionalität und viel Raum wichtig. Er baut eine geschwungene fünfstöckige Bungalowanlage, ein besonders konstruiertes Schwimmbad, bei dem das schräge Dach die Fassade hält und nicht die Fassade das Dach trägt und einen direkten Blick auf die Ostsee ermöglicht. Außerdem entstehen das Haus des Kurgastes und drei Fernblickhäuser.

Am Südstrand der Insel ist wenig Platz - also bleibt Jacobsen nur die Möglichkeit, nach oben zu bauen. Bis heute ist dabei umstritten, wie hoch er die Hochhäuser bauen wollte. Manche sagen: Jacobsen wollte nur vier Stockwerke, andere sagen: Er wollte noch viel höher bauen. Heute haben die Fernblickhäuser 17 Etagen. Die Besonderheit: Zur Freude der Urlauberinnen und Urlauber hat jedes Zimmer Meerblick. An den Balkonen sind Lamellen angebracht, die sich öffnen und schließen lassen. So können die Hotelgäste auch im Sitzen entscheiden, ob sie aufs Meer blicken oder für sich sein möchten. Manche Gäste finden das so toll, dass sie jedes Jahr dieses Panorama genießen wollen.

Bewohner empört über Denkmalschutz

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Hochhäuser am Südstrand von Fehmarn © imago / Olaf Malzahn

Fehmarn: Sonne, Sand und Surfer

Sonnenanbeter mögen die Ostseeinsel, weil dort gut 2.000 Stunden im Jahr die Sonne scheint. Neben langen Stränden bietet Fehmarn auch ländliche Ruhe und unberührte Natur. mehr

Doch schon seit vielen Jahren sorgen die Arne-Jacobsen-Gebäude immer wieder für Ärger auf der Insel. Schon in den 80er-Jahren beginnen viele die Ästhetik der 60er-Jahre regelrecht zu verabscheuen. Die Stadt Burg wünscht sich Modernisierungen. Zum Entsetzen vieler  Fehmaraner stellt die Denkmalschutzbehörde 1991 als erstes das Schwimmbad, später das gesamte Arne-Jacobsen-Ensemble unter Denkmalschutz. Schönheit ist für diesen dabei kein Kriterium, sondern zum Beispiel der künstlerische oder historische Wert. Bei den Gebäuden von Arne Jacobsen sagt die Denkmalschutzbehörde: Die Häuser würden den modernen Tourismus auf Fehmarn begründen. Die Stadt führt dagegen Prozesse - verliert aber.

Haus des Kurgastes verfällt

Wie schwierig das Verhältnis zu den Arne-Jacobsen-Gebäuden ist, zeigt sich besonders am Haus des Kurgastes. 2008 wurde dieses an einen niederländischen Investor verkauft. Für ihn vermutlich nur ein Abschreibungsobjekt - denn seither verfällt das Haus. Die Stadt hat nur eingeschränkt Handhabe. Auch die Fernblickhäuser und das Schwimmbad sind in die Jahre gekommen. Modernisieren geht nur nach entsprechenden Auflagen des Denkmalschutzes. Und so hadert Fehmarn mit seinem architektonischen Erbe. Die letzten Diskussionen sind hier sicherlich noch nicht geführt.

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