Sendedatum: 01.10.2018 22:45 Uhr

Der Missbrauch und die Kirche

Die Zahlen der aktuellen Studie zum Missbrauch in der katholischen Kirche sind erschütternd. Nur wenige Betroffene wagen es, ihre Erfahrungen öffentlich zu schildern. Thomas D. geht an die Öffentlichkeit: Als er mit 16 in einem katholischen Jugendzeltlager war, wurde er missbraucht. "Es gab es eine Nacht, wo ein Kaplan ins Zelt gestürmt ist und ich das nicht einordnen konnte und dann warf er sich über mich und fragte, ob ich ihn lieb hätte. (…) Er war sehr schwer, hat sich über mich geworfen, ich hab keine Luft mehr gekriegt und das ging eine Weile und dann gab es irgendeinen äußeren Anlass und er war wieder weg. Dabei ist ziemlich viel kaputt gegangen, eine Taschenlampe. Es kam nicht zum äußersten, das hab ich auch immer gesagt", erinnert Thomas.

Ein Mann sieht aus dem Fenster © NDR

Der Missbrauch und die Kirche

Kulturjournal -

Er war 16 Jahre alt, als er in einem Zeltlager von einem Geistlichen missbraucht wurde. Thomas D. ist eines der wenigen Opfer, die öffentlich über ihre Erfahrungen reden.

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Fall wird nicht verfolgt

Die Eltern erzählen einem Pastor von dem Zwischenfall im Zeltlager. Der verspricht sich zu kümmern, doch die Tat wird kirchenintern nicht verfolgt. Der Kaplan ist mittlerweile verstorben. Thomas meint: "Er war sicher kein böser Mensch. Er war der erste eigentlich, der so eine distanzlose unmittelbare Nähe zu Jugendlichen vermittelt hat. Wo wir das Gefühl hatten, die Kirche nimmt uns ernst. Da kommt mal jemand zu uns runter, da ist nicht irgendwas da oben. Er war ganz nah an uns dran, aber eben zu nah."

Eines von 3677 bekannten Opfern

Warum hat er gerade mich ausgesucht? Was hab ich getan? Diese Fragen quälen Thomas. Lange glaubt er, er sei das einzige Opfer. Er erzählt: "Jahrzehnte später habe ich dann mindestens einen anderen Namen gehört, wo mehr passiert war als bei mir, wesentlich mehr wohl. Der schweigt." Als 2010 der erste große Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche öffentlich wird, geht Thomas auf seine Gemeinde zu. Er erhält eine Entschädigung und ist damit eines der 3677 Opfer in der aktuellen Studie. Und der Kaplan einer von 1670 Beschuldigten. Für Thomas ist klar: "Die Zahl in der katholischen Kirche von Priestern, die zumindest gelegentlich Missbrauch betreiben, dürfte viel, viel größer sein, als eine Studie das aufdecken kann, weil die Jugendlichen schweigen." Wenn er mehr erlebt hätte, dann würde er das sicher nicht erzählen. Die Wissenschaftler konnten nur einen kleinen Bereich beleuchten. Zu viele Fälle wurden nie erfasst. Schätzungen gehen von bis zu 100.000 Betroffenen aus.

Veränderungen statt Wörter

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Ist das Zölibat sinnvoll?

Bei einer Pressekonferenz zur Vorstellung der Studie entschuldigt sich Kardinal Reinhard Marx: "Allzu lange haben wir in der Kirche weggeschaut, vertuscht, geleugnet, wollten es nicht wahrhaben. Für alles Versagen und für allen Schmerz muss ich auch als Vorsitzender der Bischofskonferenz um Entschuldigung bitten und ich tue es auch ganz persönlich." Doch für Thomas ist klar: "Es fehlt nicht an Worten. Worte gibt es viel. Es gibt ganz laute Aussagen zu Fehlverhalten. Aber es fehlt daran, die Dinge zu ändern, die man ändern muss und eines davon ist eben das Abschaffen des Zölibats. Ist für mich der Weg und ich warte darauf, dass die Kirche das versteht und ihn geht."

Abschaffung des Zölibats?

Für viele Kritiker zieht das Zölibat Männer mit einer unreifen Sexualität an. Für die Entscheidungsträger wäre die Abschaffung ein Angriff auf das eigene Lebensmodell, deshalb würden sie das Zölibat nie freiwillig aufgeben. Thomas: "Dass ich als junger Mann sagen muss, ich werde mein Leben nicht heiraten, nie mit einer Frau schlafen, das ist sittenwidrig. Sowas kann ein junger Mensch nicht entscheiden." Der Staat müsse eingreifen und den Zwang zum Zölibat per Gesetz verbieten, sagt Thomas.

Leben mit der Erinnerung

Die Folgen des Übergriffs spürt er bis heute. "Es reicht aus, dass mich ein Mann zu intensiv begrüßt, das führt bei mir nicht zu Aggression, aber es führt zu einem Verhalten, wo jemand schnell sagen könnte, was ist los. Es gibt so ein paar wenige Dinge, die sind vielleicht eine Narbe" Aber Thomas ist immer noch gläubig. Seine katholische Gemeinde in Hamburg besucht er regelmäßig und das, obwohl mit ihr alles begann. Aus der Kirche austreten will er nicht, erklärt er: "Wenn ich draußen bin, dann gibt es keinen Grund mehr irgendwas, was ich sage, sich anzuhören. Aber solange ich sagen kann, ich gehör zu euch, ich zahle euch Kirchensteuer, ich will dazugehören: ändert das!" Die Kirche muss ihre Strukturen ändern. Das sagt auch die Studie. Denn das Risiko des Missbrauchs bestehe grundsätzlich fort.

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Dieses Thema im Programm:

Kulturjournal | 01.10.2018 | 22:45 Uhr